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Woche gegen Rassismus

Lorenz Narku Laing über Alltagsrassismus und strukturellen Rassismus

Ausgegrenzt. Beleidigt. Herabgewürdigt. Und alles nur wegen der Hautfarbe und Herkunft. Das ist Alltag für viele in Deutschland. Rassismusforscher Lorenz Narku Laing im Interview. Von Kira Geiss

Hat Deutschland ein Rassismusproblem?

Lorenz Narku Laing: Ja, Deutschland hat ein Rassismusproblem. In der „Mitte Studie“ sowie im „Sachsen Monitor“, beides Studien zu Einstellungen der deutschen Bevölkerung, können wir messen, dass rassistische Denkweisen wieder zunehmen. Das zeigt sich bei einer rassistischen Partei, die im Bundestag sitzt, in den Terroranschlägen in München, Halle oder Hanau, in den ungleichen Jobchancen sowie in ganz alltäglichen Situationen. Eine Studie der Universität Mannheim hat beispielsweise ergeben, dass dieselbe Klassenarbeit bei Zuweisung eines deutschen Namens im Vergleich zu einem migrantischen Namen unterschiedlich bewertet wurde, wobei das Kind mit migrantischem Namen trotz gleicher Leistung die schlechtere Note erhielt.

Sie sind von diesem Thema selbst betroffen. Wie äußert sich denn Alltagsrassismus und welche Rolle spielt er in Ihrem Leben?

Lorenz Narku Laing: Alltagsrassismus äußert sich durch Beleidigung, Übergriffe, Marginalisierung, aber auch durch das, was wir Mikroaggression nennen. Also wenn sich in der Bahn niemand neben mich setzen will, nur englisch mit einem gesprochen wird, man nachrangiger einen Arzttermin erhält oder bei einem Bewerbungsgespräch unhöflicher mit einem umgegangen wird. Und diese rassistische Diskriminierung erlebe ich jede Woche. Ich habe zum Beispiel bereits Briefe erhalten, in denen ich bedroht wurde und die Aufforderung zu einer Entlassung kam, weil ich einem weißen Menschen die Arbeit wegnehmen würde.

Hat Rassismus bereits in Ihrer Kindheit eine Rolle gespielt?

Lorenz Narku Laing: Ich weiß noch, wie es war, als ich mit meiner Schule eine Theateraufführung von „Jim Knopf und der Lokomotivführer“ besucht habe. Dort lernten alle meine Mitschüler und Mitschülerinnen, dass man schwarze Menschen mit dem N-Wort zu bezeichnen hat. Am nächsten Tag wurde ich am laufenden Band von fremden Kindern rassistisch beleidigt. Was für die anderen ein banales Wort war, ist für mich eine gelebte Erfahrung von Verletzungen gewesen.

Was ist mit denen, die sich weigern, auf solche Formulierungen zu verzichten, weil sie sich nicht „den Mund verbieten“ lassen wollen?

Lorenz Narku Laing: Nein, ein Verbot ist es nicht. Aber ich würde sagen, dass diese Menschen vergessen, dass Begriffe, die für Sie belanglos scheinen, für andere Leute mit vielen negativen Erfahrungen, Gewalt und Frustration verbunden sind. Wenn diese Menschen das verstehen würden, würde es nicht mehr um Verbote, sondern um Höflichkeit, Mitgefühl und Empathie gehen. Denn wenn sich der eine zurücknimmt, dann kann beim anderen etwas heilen.

Sie sprechen von Heilung, was passiert mit Menschen, die ihr Leben lang Rassismus erfahren?

Lorenz Narku Laing: Ich mache Ihnen ein Beispiel. Denken Sie an ein Haus, das einen Schimmelpilz hat. Sie entdecken diesen zufällig in einer Schlafzimmerecke und recherchieren daraufhin, was Schimmel mit Ihnen machen kann. Sie finden heraus, dass dieser Ihrer Gesundheit schadet, und versuchen deshalb, das schimmlige Stück Tapete zu entfernen. Doch als Sie damit anfangen, entdecken Sie, dass Ihr ganzes Haus befallen ist. Auf dieselbe Weise entdecken Menschen Rassismus in ihrem Leben und merken, welche negativen Auswirkungen dieser mit sich bringt. Wie er Beziehungen behindert, Jobchancen nimmt und dafür sorgt, dass einem die Wohnungssuche erschwert wird. Zusätzlich sorgt rassistische Diskriminierung dafür, dass die betroffene Person weniger daran glaubt, etwas werden zu können, sich weniger zugehörig fühlt und immer wieder emotionale Krisen durchläuft, weil der Kampf gegen den Schimmel aussichtslos scheint.

Gibt es diesen Rassismus-Schimmel auch in der Kirche?

Lorenz Narku Laing: Rassismus ist leider auch Teil unseres kirchlichen Miteinanders und äußert sich beispielsweise bei der defizitären Berücksichtigung von Menschen wie mir in Spitzenämtern. Aber Kirche muss gerade in diesem Bereich mutig bleiben und die Ideale der Nächstenliebe hochhalten. Kirche ist beispielsweise einer der größten Finanzierer der Seenotrettung in Europa und sollte in den Bereichen Rassismus und Migration klare Haltung zeigen, denn Menschen mit Migrationshintergrund machen circa 30 Prozent unserer Gesellschaft aus. Auch ich habe rassistische Diskriminierung in der Kirche erlebt. Manchmal unbewusst, weil Leute auf dem Kirchentag dachten: Oh, der ist schwarz, das muss bestimmt ein ghanaischer Bischof sein. Und manchmal ganz vulgär, weil Leute aufgrund meiner Hautfarbe nicht mit mir beten wollten.

Hilft Ihnen Ihr Glaube, Rassismus zu vergeben?

Lorenz Narku Laing: Bei dieser ganzen Diskriminierungsdebatte stelle ich mir immer wieder die Frage: „Was würde Jesus tun?“. Würde er Menschen im Mittelmeer retten? Ja. Würde er Menschen unabhängig von ihrer Hautfarbe lieben? Definitiv. Ich glaube auch, dass Jesus kein großer Fan von Abschiebung wäre. Ich glaube, Jesus würde für eine Gesellschaft kämpfen, die Vielfalt akzeptiert und den Menschen unabhängig von Herkunft und Hautfarbe liebt. 

Aber das, was in Kirche immer wieder stattfindet, Diskriminierung, die Verachtung eines Menschen, Rassismus an sich, ist Sünde. Das sagte bereits der ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm. Und das müssen sich die Kirche und ihre Mitglieder bewusst machen, denn eigentlich müsste das Gegenteil der Fall sein.

Um auf Ihre Frage zurückzukommen, ja, ich habe durch meinen Glauben gelernt, besser mit Diskriminierung umzugehen. Denn durch ihn weiß ich, dass wir alle sündig sind und Vergebung brauchen. Deswegen ist auch eines meiner liebsten Mottos: „Vielfalt braucht Vergebung.“ Gleichzeitig sehe ich es als meine Mission, diese Sünde zu bekämpfen, indem ich darüber spreche und gegen Rassismus vorgehe.

Welche Tipps haben Sie für uns, damit wir ebenso gegen Rassismus vorgehen können?

Lorenz Narku Laing: Politisch sollten wir damit starten, keine rassistischen Parteien zu wählen und an Demonstrationen gegen Rassismus teilzunehmen. Würden die 80 Prozent, die keine rechtsextremen Parteien wählen, sich klar zu einer antirassistischen Gesellschaft bekennen, könnte der Rassismus in unserem Land schneller enden.

Auf einer alltäglichen Ebene geht es um eine offene und freundliche Haltung gegenüber Menschen, die Diskriminierung erfahren. Ein Lächeln, eine freundliche Bemerkung oder eine höfliche Begrüßung kann schon viel bewirken.

Aber es geht auch darum, die eigenen Privilegien mit anderen zu teilen. Ich bin in einer Welt aufgewachsen, in der jeder, der etwas zu sagen hatte, weiß war. Die Bundesregierung, der Arzt, der Lehrer, der Bürgermeister und die Kirchenvorstände. Indem sich Einzelne dafür einsetzen, dass jemand, der so aussieht wie ich, auch mal in einen Vorstandsposten kommt, kann eine Repräsentation und wichtige Veränderung stattfinden.

Zuletzt geht es auf einer reflexiven Ebene darum, die Lebensrealität von Menschen kennenzulernen, die ganz anders aussehen als man selbst. Und das gelingt unter anderem, indem man Bücher liest und Filme schaut, die von diesen Lebensrealitäten erzählen.