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Antisemitismus

Martin Luther und die Juden

In „Von den Juden und ihren Lügen“ fordert Luther, Synagogen anzuzünden und Juden auszuweisen. Er begründet das biblisch und polemisiert. Eine Schrift, die den Atem stocken lässt. Von Nicole Marten

Statue von Martin Luther mit gelber Augenbinde
epd-bild/Alexander Baumbach
2015 wurde dem Standbild des Reformators in Wittenberg eine gelbe Binde umgebunden, als Zeichen für seine Blindheit in Bezug auf die Juden.

Die Juden, sie lügen. Denn sie legen die Bibel falsch aus. Davon war Martin Luther überzeugt. Das, was er selbst als wahr erkannt hatte, dass Jesus Christus der verheißene Messias sei, erkannten die Rabbinen nicht an. Weil sie damit aus seiner Sicht die Wahrheit abstritten, kam der Reformator zu dem Schluss, dass „die Juden“ lügen.

Für ihn waren die Einschränkungen und Anfeindungen, die Juden zu seiner Zeit erdulden mussten, die gerechte Strafe dafür, dass sie Jesus nicht als Messias anerkannt hatten – und insbesondere auch für den Christusmord. Deshalb stehen für Luther „die Juden“ unter dem Zorn Gottes. Sie weichen für ihn darüber hinaus vom biblisch verbindlichen Text ab, indem sie sich auf fragwürdige Überlieferungen verlassen, meint Luther – und richtet seine Vowürfe vor allem gegen den Talmud, die jüdisch-rabbinische Auslegung der alten Schriften.

Mit dem Vorwurf des Christusmords greift Martin Luther eines der gängigen Stereotype seiner Zeit auf: „der Jude als von Gott verstoßener und verblendete Christusmörder“. Dieses Vorurteil war im 16. Jahrhundert weit verbreitet, und es konnte nur durch Bekehrung zum christlichen Glauben „geheilt“ werden. Doch selbst wenn sich ein Jude zum christlichen Glauben bekehrte, wurde ihm meist misstrauisch begegnet und ein nächstes Stereotyp kam zum Zuge. Das vom „heuchlerischen Konvertiten“.

Man glaubte Konvertiten nicht, dass sie wirklich zum Glauben an Jesus Christus gekommen seien. Vielmehr wurde ihnen unterstellt, dass sie ihrem alten Glauben auch nach der Taufe weiter anhingen. Dass sie sich nur taufen ließen, um finanzielle oder gesellschaftliche Vorteile zu erlangen. Konvertiten aus dem Judentum wurden generell als „Taufjuden“ bezeichnet, was auch beinhaltete, dass sie ihr altes Wesen nicht mit der Taufe ablegen konnten. Kurz gesagt: Aus ihnen würden eh keine richtigen Christen.

Das Alte Testament aufgeschlagen in der Bibel
Unsplash/Tim Wildsmith
Martin Luther bezieht sich in seiner Auslegung des Alten Testaments nur auf Jesus, er polemisiert gegen das Judentum.

Luther legt das Alte Testament konsequent christologisch aus, das heißt, er interpretierte alles auf Jesus Christus hin – und er spart dabei nicht an Polemik gegen „die Juden“. So legt er beispielsweise Psalm 1,1 gegen sie aus: „Selig der Mann, der nicht wandelte im Rat der Gottlosen noch stand auf dem Weg der Sünder noch Platz nahm auf dem Sitz der Pest.“ Peter von der Osten-Sacken, der Luthers Veröffentlichungen genau untersucht hat, schreibt: „Hier steht die Abgrenzung des Seliggepriesenen von den drei anschließend genannten Gruppen als Antithese zwischen Jesus Christus, dem einzigen Gesegneten und Spender allen Segens, und den Juden, die hier ihrer Intention (‚Rat der Gottlosen‘), ihrem Verhalten (‚Weg der Sünder‘) und ihrer Lehre nach (‚Sitz der Pest‘) gekennzeichnet  werden.“

Es ist also nicht erst die Schrift aus dem Jahr 1543 mit dem Titel „Von den Juden und ihren Lügen“, in denen sich Martin Luther gegen Juden wendet. Vielmehr umspannte die Beschäftigung mit dem Judentum Luthers gesamte literarische Produktion von der ersten Psalmenvorlesung 1513/14 bis hin zu einer ‚Vermahnung wider die Juden‘, die er wenige Tage vor seinem Tod von der Kanzel in Eisleben verlas, schreibt der Göttinger Professor für Kirchengeschichte, Thomas Kaufmann.

Im November 2015 distanzierte sich die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland von Luthers judenfeindlicher Sicht. Die sei eine große Belastung für die evangelische Kirche.

20 Jahre später, in seiner Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“, nachdem die ohnehin nicht erwartete massenhafte Bekehrung nicht eingetreten ist, rechnet Luther mit den Juden ab. Die Schrift ist „von Anfang bis Ende durchzogen von immer neuen Verteufelungen der Juden“, so Peter von der Osten-Sacken.

Luther hämmert seiner Leserschaft ein, dass dieses „von Gott verlassene Volk“ vom Teufel besessen sei. Sie könnten gar nicht anders, als zu lügen, zu lästern, böswillig zu sein. Er spricht den Juden nicht nur das Menschsein selbst ab, sondern diabolisiert sie auch. Besonders fatal ist der Schlussteil des Dokuments. Darin fordert Luther, Synagogen anzuzünden und jüdische Häuser zu zerstören, den Juden alle Lehr- und Gebetbücher wegzunehmen, Rabbinen Lehrverbot zu erteilen. Außerdem solle man die Juden vertreiben.

Den ungekürzten Artikel lesen Sie im Evangelischen Gemeindeblatt für Württemberg in der Ausgabe 33/2024. Hier geht es zum e-Paper. Die Ausgabe beschäftigt sich mit christlichem Antisemitismus.