Landesbischof im Interview

Ernst-Wilhelm Gohl: "Mitgefühl mit allen Opfern"

Seit dem Massaker der Hamas-Terroristen an 1100 Israelis und der Verschleppung von Geiseln leiden Menschen in Israel wie im Gazastreifen. Tobias Glawion spricht mit dem württembergischen Landesbischof über Empathie und Hoffnung.
Von Tobias Glawion

Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl
Pressebild/Dan Peter
Ernst-Wilhelm Gohl im Interview zur Lage in Israel und im Gaza-Streifen.
Mann vor einem Plakat mit der Aufschrift "Bring them home now!.
epd-bild/Hans Scherhaufer
Noch immer sind israelische Geiseln in der Gewalt der Hamas. Angehörige auf einer Pressekonferenz im November 2023.

Herr Landesbischof, die Gewalt und damit das Leid in Gaza scheinen kein Ende zu nehmen. Wie geht es Ihnen mit Blick auf die Menschen dort?

Ernst-Wilhelm Gohl: Ja, da bin ich wirklich in großer Sorge! Vor allem wenn ich das Leid der vielen Kinder und Frauen sehe. Ich denke mit Sorge an unsere christlichen Gemeinden, aber auch an die israelischen Geiseln, die nach wie vor in der Hand der Terroristen sind. Dazu die weiter steigenden Opferzahlen. All das ist furchtbar und tut mir unendlich weh. Jedes Opfer auf beiden Seiten ist eines zu viel.

Sie sagen, es ist furchtbar. Welche Bilder gehen Ihnen da durch den Kopf?

Ernst-Wilhelm Gohl: Das sind die Bilder von Menschen, die in Tel Aviv in die Schutzräume vor den Raketen der Hamas aus Gaza flüchten. Und die Bilder von israelischen Angriffen auf das Flüchtlingslager in Gaza. Dazu die vielen Toten. Und niemand hat aktuell eine Vorstellung, wie man aus diesem Teufelskreis herauskommt. Deshalb gilt mein Mitgefühl allen unschuldigen Opfern, die nur eins wollen: einfach in Frieden leben.

Sie haben nach dem Angriff der Hamas auf Israel sehr schnell und deutlich Ihre Solidarität zu Israel mit dem Satz: „Wir stehen zu Israel“ zum Ausdruck gebracht. Warum?

Ernst-Wilhelm Gohl: Die Solidarität zum jüdischen Volk ist für mich als Christ ein absolutes Muss! Allein aus unserer eigenen, teils antisemitischen christlichen Geschichte heraus. Der 7. Oktober war dazu auch so etwas wie eine Zeitenwende. Für Israel, aber auch für alle jüdischen Gemeinden weltweit. Denn wenn selbst hier in Stuttgart jüdische Gemeindemitglieder sich nicht mehr trauen, sich als Juden zu erkennen zu geben, dann ist das ein Alarmzeichen. Und dann ist es unsere Aufgabe, dass wir als Kirche zu unseren jüdischen Geschwistern stehen.

Nach der auf beiden Seiten weiter um sich greifenden Gewalt der letzten Monate: Wie sehr gilt für Sie diese Solidarität auch in Zukunft?

Ernst-Wilhelm Gohl: Nach wie vor gilt, dass dieses Massaker der Hamas an 1100 Menschen, vom Kleinkind bis zum Greis, die alle auf bestialische Weise umgebracht wurden, durch nichts zu rechtfertigen ist. Dazu stehe ich nach wie vor. Aber die letzten Monate und Wochen zeigen auch, wie sich die Lage im Gazastreifen für die Menschen dramatisch verschlechtert hat. Das kann uns nicht egal sein. Unsere Empathie gilt deshalb allen Opfern! So wie auch die Menschenrechte für alle gelten. Und deshalb sind wir als Christen auch gefordert, unsere Solidarität und Mitgefühl mit allen Opfern im Gazastreifen und in Israel zum Ausdruck zu bringen. Je länger dieser Krieg dauert, umso dringender ist es, dass deutlich wird: Empathie ist nicht teilbar, sie gilt allen.

epd-bild/Christian Ditsch
Mit den Demonstrationen ist der Konflikt auch in Deutschland angekommen.

Dieser Konflikt findet mittlerweile nicht nur im Nahen Osten, sondern auch hier bei uns statt. Denken wir nur an die Demonstrationen an deutschen Unis. Welche Aufgabe sehen Sie hier für sich und Kirche?

Ernst-Wilhelm Gohl: Ich finde, dass wir als lutherische Kirche schon mal gut daran tun, zwischen Person und Werk zu unterscheiden. So kann ich einer Person respektvoll begegnen, auch wenn ich ihre Meinung nicht teile. Ich halte es in diesen aufgeheizten Zeiten für wichtig, dass wir dem Gegenüber zuerst einmal zuhören. Da sind wir alle gefordert, egal ob im Sportverein oder beim Einkaufen im Supermarkt. Die Schwarz-Weiß-Parolen, die den Andersdenkenden sofort abwerten, tun unserer Gesellschaft nicht gut. Und da können wir als Christen mit dem Hintergrund, dass wir in jedem Menschen Gottes Ebenbild sehen, ein Zeichen setzen. Das bremst vielleicht den Hass.

Für viele Menschen macht sich in Anbetracht des anhaltenden Konflikts und der Gewalt ein Gefühl der Hilflosigkeit breit. Können Sie das nachempfinden?

Ernst-Wilhelm Gohl: Das kann ich gut nachempfinden. Denn auch ich habe wie die Politik keine Patentlösung. Aber gerade deshalb ist es so wichtig, was wir als Kirchen aktuell tun! Dass wir in unseren Gottesdiensten für den Frieden beten. Dass wir unseren Geschwistern im Gazastreifen und den Menschen vor Ort zeigen: Wir haben euch nicht vergessen! Wir beten für euch und dafür, dass dieser Krieg endlich aufhört. Das Gleiche gilt natürlich für die Opfer in Israel.

Haben Sie Hoffnung für die Situation im Nahen Osten?

Ernst-Wilhelm Gohl: Ich habe Hoffnung, denn als Christ lebe ich von der Hoffnung! Und Hoffnung sieht ja auch immer mehr, als wir vor Augen haben. Deshalb vertraue ich auch auf Gottes Wirken in der Geschichte. Ich vertraue auf die Macht der Gebete. Dass das etwas bewirken kann, wissen wir von 1989, von der friedlichen Revolution. Und ich vertraue darauf, dass ganz viele Menschen in Palästina, in Israel nur eins wollen: in Frieden und Gerechtigkeit miteinander leben. Das ist meine Hoffnung.