Herr Landesbischof, die Gewalt und damit das Leid in Gaza scheinen kein Ende zu nehmen. Wie geht es Ihnen mit Blick auf die Menschen dort?
Ernst-Wilhelm Gohl: Ja, da bin ich wirklich in großer Sorge! Vor allem wenn ich das Leid der vielen Kinder und Frauen sehe. Ich denke mit Sorge an unsere christlichen Gemeinden, aber auch an die israelischen Geiseln, die nach wie vor in der Hand der Terroristen sind. Dazu die weiter steigenden Opferzahlen. All das ist furchtbar und tut mir unendlich weh. Jedes Opfer auf beiden Seiten ist eines zu viel.
Sie sagen, es ist furchtbar. Welche Bilder gehen Ihnen da durch den Kopf?
Ernst-Wilhelm Gohl: Das sind die Bilder von Menschen, die in Tel Aviv in die Schutzräume vor den Raketen der Hamas aus Gaza flüchten. Und die Bilder von israelischen Angriffen auf das Flüchtlingslager in Gaza. Dazu die vielen Toten. Und niemand hat aktuell eine Vorstellung, wie man aus diesem Teufelskreis herauskommt. Deshalb gilt mein Mitgefühl allen unschuldigen Opfern, die nur eins wollen: einfach in Frieden leben.
Sie haben nach dem Angriff der Hamas auf Israel sehr schnell und deutlich Ihre Solidarität zu Israel mit dem Satz: „Wir stehen zu Israel“ zum Ausdruck gebracht. Warum?
Ernst-Wilhelm Gohl: Die Solidarität zum jüdischen Volk ist für mich als Christ ein absolutes Muss! Allein aus unserer eigenen, teils antisemitischen christlichen Geschichte heraus. Der 7. Oktober war dazu auch so etwas wie eine Zeitenwende. Für Israel, aber auch für alle jüdischen Gemeinden weltweit. Denn wenn selbst hier in Stuttgart jüdische Gemeindemitglieder sich nicht mehr trauen, sich als Juden zu erkennen zu geben, dann ist das ein Alarmzeichen. Und dann ist es unsere Aufgabe, dass wir als Kirche zu unseren jüdischen Geschwistern stehen.
Nach der auf beiden Seiten weiter um sich greifenden Gewalt der letzten Monate: Wie sehr gilt für Sie diese Solidarität auch in Zukunft?
Ernst-Wilhelm Gohl: Nach wie vor gilt, dass dieses Massaker der Hamas an 1100 Menschen, vom Kleinkind bis zum Greis, die alle auf bestialische Weise umgebracht wurden, durch nichts zu rechtfertigen ist. Dazu stehe ich nach wie vor. Aber die letzten Monate und Wochen zeigen auch, wie sich die Lage im Gazastreifen für die Menschen dramatisch verschlechtert hat. Das kann uns nicht egal sein. Unsere Empathie gilt deshalb allen Opfern! So wie auch die Menschenrechte für alle gelten. Und deshalb sind wir als Christen auch gefordert, unsere Solidarität und Mitgefühl mit allen Opfern im Gazastreifen und in Israel zum Ausdruck zu bringen. Je länger dieser Krieg dauert, umso dringender ist es, dass deutlich wird: Empathie ist nicht teilbar, sie gilt allen.