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Glockenläuten

Nächtliche Kirchenglocken: Warum der Streit eher im Sommer eskaliert

Anwohner fühlen sich von nächtlichen Glockenschlägen manchmal gestört. Ein Glockenexperte erklärt, warum sich die Beschwerden im Sommer häufen und wie sich Konflikte zwischen Anwohnern und Kirchengemeinden lösen lassen. Von Marcus Mockler (epd)

Vier Glocken hängen nebeneinander in einem Turm
Unsplash+/Kateryna Hliznitsova

Uhrenschlag mit jahrhundertealter Tradition

Beschwerden über laute Kirchenglocken in der Nacht sind nach Einschätzung des Glockenexperten Michael Kaufmann vor allem ein Sommerphänomen. Im Gespräch mit dem Südwestrundfunk (SWR) erklärte Kaufmann am 3. August, dass viele Menschen die Schläge nur bei geöffneten Fenstern hörten. Zudem seien es oft neu zugezogene Bürger ohne Traditionsbezug, die sich gestört fühlten. Anlass für das Gespräch war eine Auseinandersetzung in Neckartailfingen bei Esslingen, wo Anwohner eine Petition für eine nächtliche Glockenruhe gestartet haben.

Kaufmann, der an der Hochschule für Kirchenmusik in Heidelberg Glockensachverständige ausbildet, verwies auf die jahrhundertealte Geschichte des Uhrenschlags. Die ersten mechanischen Kirchturmuhren seien vor 700 bis 800 Jahren gebaut worden, um die Zeit für alle hörbar zu machen. Theologisch stehe der Zeitschlag für die Vergänglichkeit des Lebens und verweise auf das Jüngste Gericht.

Wie laut dürfen Kirchenglocken läuten: 

Jede Kirchengemeinde hat eine sogenannte „Läuteordnung“. In der Ruhezeit zwischen 22 und 6 Uhr morgens dürfen Kirchenglocken nicht geläutet werden. Der Stundenschlag ist hingegen erlaubt. In Wohngebieten darf er den Schallpegelgrenzwertes zwischen 35 bis 45 Dezibel nicht überschreiten. Dies geht aus der Technischen Anleitung zum Schutz gegen Lärm (TA-Lärm) hervor.

 

 

 

Experte rät zu frühzeitigem Dialog und gesetzlichen Vorgaben

Zur Lösung von Konflikten riet der auch als Mediator tätige Musikwissenschaftler zum frühzeitigen Dialog, bevor die Situation eskaliere. Wenn eine Einigung nicht möglich sei, gebe der Gesetzgeber klare Richtwerte vor. Kirchengemeinden seien verpflichtet, die Vorgaben der «Technischen Anleitung zum Schutz gegen Lärm» (TA Lärm) einzuhalten.

Solange eine Gemeinde diese Grenzwerte beachte, könne ihr der nächtliche Zeitschlag nicht verboten werden, betonte der Experte. Ob die Glocken nachts schlagen oder schweigen, werde in Deutschland unterschiedlich gehandhabt. Sowohl das durchgehende Läuten als auch eine Nachtruhe zwischen 22 und 6 Uhr seien verbreitet.

Technische Lösungen gegen zu laute Glocken

Falls der Uhrenschlag zu laut sei, gebe es technische Möglichkeiten, ihn leiser zu machen:

  • Nachtabsenkung: Der Hammer fällt aus geringerer Höhe auf die Glocke
  • Puffer an den Hämmern anbringen
  • dichtere Verkleidung der Schallläden im Turm

Was ist in Neckartailfingen passiert?

Anja L., die in der Nähe der Martinskirche in Neckartailfingen wohnt, erzählt dem SWR, sie könne aufgrund des Uhrschlags nachts nicht schlafen. Daraufhin habe sie eine Petition gestartet, die etwa 50 Personen unterschrieben hätten. Das Läuten der Kirchenglocken überschreite nach Angaben eines Sachverständigen jedoch die Grenzwerte nicht. Der Kirchengemeinderat habe sich ebenfalls mit der Thematik beschäftigt, erklärt Pfarrer Jonathan Dörrfuß. Die Glockenschläge seien leiser gemacht worden. Die Kirchengemeinde wolle jedoch an dem traditionellen Uhrschlag festhalten, da Menschen darin Trost und Halt fänden. 

Hier geht es zum SWR-Bericht über die Auseinandersetzung.