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Jerusalem

Nahostkonflikt: Stimmen des Friedens

Dass die unterschiedlichen Parteien im Nahen Osten friedlich zusammenleben können, scheint unmöglich. Doch es gibt die leisen Stimmen der Versöhnung, die der Gewalt nicht das letzte Wort lassen wollen. Ein ganz persönlicher Bericht aus Jerusalem. Von Ines Fischer

Menschen verschiedener religiöser Gruppen stehen um einen Banner herum oder halten den Banner auf dem auf verschiedenen Sprachen (Englisch) steht: Jerusalem Interfaith March for Human Rights and Peace (Jerusalemer Interreligiöser Aufmarsch für Menschenrechte und Frieden)
privat/Jacob Lazarus
Beim interreligiösen Marsch in Jerusalem im Mai 2025.
Pfarrerin Ines Fischer steht in schwarz gekleidet an der Türe der Himmelfahrtskirche in Jerusalem. Neben der Tür steht ein Schild auf dem Café steht.
privat
Pfarrerin Ines Fischer steht vor der Himmelfahrtskirche in Jerusalem.

Seit knapp zwei Jahren bin ich Pfarrerin im Team der Kolleginnen und Kollegen von „Evangelisch in Jerusalem“ mit Sitz auf dem Ölberg. Zuständig bin ich für die Pilger- und Begegnungsarbeit sowie Bildungs- und Gemeindeveranstaltungen. Kurz nach meinem Dienstbeginn erschütterten die Ereignisse des 7. Oktober den Nahen Osten. Seither hat sich die Lage weiter zugespitzt. Diese Zeilen entstehen unmittelbar nach der jüngsten militärischen Eskalation zwischen Israel und dem Iran. Ein Waffenstillstand wurde vereinbart. Ob dieser jedoch hält, ist ungewiss.

Großes Leid in Israel

Die israelische Gesellschaft ist auch weiterhin tief getroffen von den traumatischen Erlebnissen des 7. Oktober 2023, an dem bei den furchtbaren Massakern der Hamas fast 1200 Menschen ­getötet und über 250 als Geiseln in den Gaza­streifen verschleppt wurden. Noch immer sind nicht alle von ihnen frei. Soldatinnen und Sol­daten sterben im Krieg, Raketen­beschuss ist zu ­einem wiederkehrenden Bestandteil des täglichen Lebens geworden. In der israelischen Regierung sitzen ultrareligiöse, nationalistische Siedlervertreter, die offen die Vertreibung der palästinensischen Be­völ­kerung fordern.

Katastrophale Lage im Gazastreifen

Seit Beginn des Krieges im Gaza­streifen wurden nach Schätzungen inzwischen rund 60.000 Palästi­nenser und Palästinenserinnen getötet und mehr als 100.000 zum Teil schwer verletzt. Die humanitäre Lage wird von internationalen Or­ganisationen als katastrophal beschrieben. Ein Großteil der Infrastruktur ist zerstört, Krankenhäuser sind kaum mehr in Betrieb, tagtäglich werden Menschen bei der Essensausgabe erschossen.

Steigende Übergriffe in der Westbank

In der Westbank verschärft sich die Situation ebenfalls dramatisch: Hauszerstörungen und gewaltsame Übergriffe nehmen exponentiell zu, während der illegale Siedlungsbau rasant voranschreitet. Zivilgesellschaftliches Engagement innerhalb der palästinensischen ­Gesellschaft ist durch Krieg und ­zunehmende Einschränkungen fast zum Erliegen gekommen. Das Misstrauen der Menschen in die eigene politische Vertretung ist groß.

Kirche kümmert sich um alle Menschen

Als Kirchengemeinde in Jerusalem sind wir mit vielen Menschen aus diesen sehr unterschiedlichen Realitäten im Gespräch. Unsere Veranstaltungsorte liegen in Ostjerusalem, die Angebote werden von verschiedenen Menschen aus dem deutschen und internationalen, aber auch aus dem jüdischen und palästinensischen Umfeld besucht. Diese Verortung bringt es mit sich, dass wir direkt erleben, was die Situation mit allen Menschen hier – unabhängig von ihrer Herkunft – macht.

Deutlich ist: Dieser Krieg zehrt an allen, macht krank, macht verzweifelt. Trotz der ungleichen Machtverhältnisse wird immer klarer, dass faktisch niemand auf der Seite der Sieger steht. Denn die Auswirkungen der aktuellen Situation betreffen alle und das Gefühl, dass die eigene Existenzberechtigung vollständig infrage steht, herrscht aus unterschiedlichen Gründen in beiden Gesellschaften vor.

Hoffnung in trostlosen Zeiten finden

Ermutigend sind für mich in dieser scheinbar aussichtslosen Lage die Begegnungen mit denjenigen, die sich trotz allem weiterhin für die Vision eines gelingenden Miteinanders einsetzen. In ihrem Wirken spüre ich eine sehr klare Position: Sie engagieren sich als Vertreter und Vertreterinnen von Menschenrechtsorganisationen mit religiösen und säkularen Wurzeln explizit für eine Zukunft, in der „ein jeder Mensch Bild Gottes“ und „die Würde eines jeden Menschen ein universelles und unveräußer­liches Recht“ ist.

Sie arbeiten an einer Zukunft, in der die internationale Gerichtsbarkeit eine klare, strukturierende und ­Gewalt eindämmende Funktion hat und in entsprechenden Gesetzen ihren Ausdruck findet. Sie engagieren sich für ein Zusammenleben, in dem Verständnis für die Vergangenheit und Traumata der jeweils anderen einen Ort hat und die gegenseitige Existenz nicht mehr infrage gestellt wird.

Links zu den genannten Organisationen:

Informationen und Kontakt zum Team von „Evangelisch in Jerusalem” 

Die Englische Website von Rabbiner für Menschenrechte

Über ihre Friedensarbeit informiert „Parents Circle Friends“ hier

 

Das „Parents Circle – Families Forum”

„Niemand geht irgendwohin“ – so lautet der Slogandes„Parents Circle – Families Forum“ (PCFF), einer gemeinsamen israelisch-palästinensischen Organisation von Hinterbliebenen, die Angehörige durch den Konflikt verloren haben. Hinter diesem Leitspruch steht die ­Erkenntnis, dass diese Region von allen, die hier leben, als Heimat ­verstanden wird. Eine Heimat, die niemand verlassen will und die darum miteinander gestaltet werden muss. Mir ist klar, wie unrealistisch ein solches Anliegen angesichts der gegenwärtigen Lage in Israel und Palästina derzeit erscheint, und ich weiß aus Gesprächen vor Ort, wie gering der Rückhalt für diese Ziele in den jeweiligen Gesellschaften ist.

Menschlicher und fairer Umgang miteinander

Trotzdem sind die in diesen Gruppen engagierten Menschen für mich auch weiterhin die wichtigste Stimme hier im Nahen ­Osten. Denn sie formulieren einen konstruktiven Umgang mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Inmitten der polarisierten ­Narrative praktizieren sie vor Ort das Zuhören, einen menschlichen und fairen Umgang und solidarisches Einstehen füreinander.

Gesetzentwurf mit schwerwiegenden Folgen für Organisationen

Vollständig klar ist, dass sie in der derzeit zunehmend eskalierenden Situation das Ruder vor Ort nicht ­herumreißen werden. Essen­ziell ist aber, dass sie nicht vollständig unter die Räder geraten. Diese Gefahr besteht: In der israelischen Knesset ist ein Gesetz in Planung, nach dem Spenden aus dem Ausland für diese Organisationen so hoch besteuert würden, dass sie nicht mehr arbeitsfähig wären.

Die Versöhnungarbeit wirkt

Abschließend ein Beispiel für das Wirken der in dieser Versöhnungsarbeit engagierten Menschen aus der jüngsten Vergangenheit: Zwei Tage nach einem nationalistischen und von Gewalt geprägten Aufmarsch nationalreligiöser Siedlerinnen und Siedler in Jerusalem im Mai initiierte das Interreligiöse Forum – in dem auch wir als Kirchengemeinde aktiv sind – unter der Federführung der „Rabbiner und Rabinnerinnen für Menschenrechte“ den Marsch für Menschenrechte und Frieden. as Anliegen der Veranstaltung wurde bei der einleitenden Kundgebung gemeinsam von einem Juden und einer Paläs­tinenserin ­formuliert. Hier einige Auszüge:

Schwestern und Brüder, willkommen zum interreligiösen Marsch für Menschenrechte und Frieden in Jerusalem. Wir haben uns versammelt, um Raum für einen neuen Geist in diesem Land zu schaffen – einen Geist der Sensibi­lität, der Menschlichkeit, des Friedens. Heute marschieren wir nicht nur als Aktivisten, sondern als Söhne und Töchter des Glaubens. Nicht nur um zu protestieren, sondern um mit unseren Füßen zu beten. Dieser Marsch ist ein Gebet: ein Gebet für Gerechtigkeit. Ein Gebet für Mitgefühl. Ein Gebet für ein Ende des Krieges. Wir können nicht so weitermachen, als gäbe es keinen Hunger in Gaza, als würden keine Kinder an Unter­ernährung sterben. Während wir marschieren, sind die Geiseln noch nicht zurückgekehrt, und Tausende von Häftlingen werden ohne Gerichtsverfahren fest­gehalten. Im Westjordanland werden Häuser zerstört und Dörfer ­blockiert. Genug mit dem Krieg in Gaza, genug mit der Unterdrückung, genug mit dem Schweigen und genug mit der Herrschaft eines Volkes über ein anderes. Wir beten für einen sofortigen Waffenstillstand, die Freilassung aller Entführten und den Schutz allen Lebens auf beiden Seiten.

sagten Juden und Paästinenser beim Marsch für Menschenrechte und Frieden

In internationalen Medien erfuhr dieser interreligiöse Friedensmarsch keine Beachtung. Das Gleiche galt für eine große Friedenskonferenz von mehr als 50 Organisa­tionen, die im selben Monat in Jerusalem stattfand. Die Aufmerksamkeit für diese Bewegungen zu schärfen und sie aktiv international zu unterstützen, wird den Krieg im Nahen Osten nicht beenden. Aber es ist ein wichtiges Zeichen der ­Solidarität mit einem Engagement, das der Gewalt nicht das letzte Wort überlässt.