Trotzdem sind die in diesen Gruppen engagierten Menschen für mich auch weiterhin die wichtigste Stimme hier im Nahen Osten. Denn sie formulieren einen konstruktiven Umgang mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Inmitten der polarisierten Narrative praktizieren sie vor Ort das Zuhören, einen menschlichen und fairen Umgang und solidarisches Einstehen füreinander.
Vollständig klar ist, dass sie in der derzeit zunehmend eskalierenden Situation das Ruder vor Ort nicht herumreißen werden. Essenziell ist aber, dass sie nicht vollständig unter die Räder geraten. Diese Gefahr besteht: In der israelischen Knesset ist ein Gesetz in Planung, nach dem Spenden aus dem Ausland für diese Organisationen so hoch besteuert würden, dass sie nicht mehr arbeitsfähig wären.
Abschließend ein Beispiel für das Wirken der in dieser Versöhnungsarbeit engagierten Menschen aus der jüngsten Vergangenheit: Zwei Tage nach einem nationalistischen und von Gewalt geprägten Aufmarsch nationalreligiöser Siedlerinnen und Siedler in Jerusalem im Mai initiierte das Interreligiöse Forum – in dem auch wir als Kirchengemeinde aktiv sind – unter der Federführung der „Rabbiner und Rabinnerinnen für Menschenrechte“ den Marsch für Menschenrechte und Frieden. as Anliegen der Veranstaltung wurde bei der einleitenden Kundgebung gemeinsam von einem Juden und einer Palästinenserin formuliert. Hier einige Auszüge:
Schwestern und Brüder, willkommen zum interreligiösen Marsch für Menschenrechte und Frieden in Jerusalem. Wir haben uns versammelt, um Raum für einen neuen Geist in diesem Land zu schaffen – einen Geist der Sensibilität, der Menschlichkeit, des Friedens. Heute marschieren wir nicht nur als Aktivisten, sondern als Söhne und Töchter des Glaubens. Nicht nur um zu protestieren, sondern um mit unseren Füßen zu beten. Dieser Marsch ist ein Gebet: ein Gebet für Gerechtigkeit. Ein Gebet für Mitgefühl. Ein Gebet für ein Ende des Krieges. Wir können nicht so weitermachen, als gäbe es keinen Hunger in Gaza, als würden keine Kinder an Unterernährung sterben. Während wir marschieren, sind die Geiseln noch nicht zurückgekehrt, und Tausende von Häftlingen werden ohne Gerichtsverfahren festgehalten. Im Westjordanland werden Häuser zerstört und Dörfer blockiert. Genug mit dem Krieg in Gaza, genug mit der Unterdrückung, genug mit dem Schweigen und genug mit der Herrschaft eines Volkes über ein anderes. Wir beten für einen sofortigen Waffenstillstand, die Freilassung aller Entführten und den Schutz allen Lebens auf beiden Seiten.
sagten Juden und Paästinenser beim Marsch für Menschenrechte und Frieden
In internationalen Medien erfuhr dieser interreligiöse Friedensmarsch keine Beachtung. Das Gleiche galt für eine große Friedenskonferenz von mehr als 50 Organisationen, die im selben Monat in Jerusalem stattfand. Die Aufmerksamkeit für diese Bewegungen zu schärfen und sie aktiv international zu unterstützen, wird den Krieg im Nahen Osten nicht beenden. Aber es ist ein wichtiges Zeichen der Solidarität mit einem Engagement, das der Gewalt nicht das letzte Wort überlässt.