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Nazi-Gräueltaten auf der Alb

Neue Wege der Erinnerungskultur: Gedenkmarsch auf der Schwäbischen Alb

Eine Gruppe von Menschen war auf den Spuren der Häftlinge des Konzentrationslagers Schörzingen auf der Schwäbischen Alb unterwegs. Eine besondere Form der Erinnerung. Von Andreas Steidel

Im Vordergrund eine Tafel auf der Gedenkstätte steht, rechts daneben ein Weg auf dem Wanderer laufen.
Andreas Steidel
Auf den Spuren der Häftlinge.

Der Weg der Häftlinge des KZ Schörzingen

Ein wunderbarer Wiesenweg auf ­einem Höhenzug der Schwäbischen Alb. Rund 20 Männer und Frauen gehen ihn andächtig. Es sind gemischte Gefühle, die sie umtreiben. Einerseits die herrlich grüne Natur in der frischen Morgenluft, auf der anderen Seite jene Erinnerungen, die sie mit im Gepäck haben.

Der Wiesenweg war der Weg der Häftlinge. Jeden Morgen mussten sie vier Kilometer in die eine, jeden Abend vier in die andere Richtung gehen. Der Wiesenweg war die Verbindung vom Konzentrationslager Schörzingen zur Ölschieferbaustelle im Eckerwald. Schlecht gekleidet kamen sie dort an, mit Häftlings­anzügen, die selbst im Winter kaum dicker als Schlafhemden waren. Wenn es die Wärter nicht sahen, trugen sie Zementsäcke als Wärmedämmung darunter.

Georg Maier hat fast Tränen in den Augen, wenn er davon erzählt. Er ist in der Gegend aufgewachsen, im Nachbarort Zepfenhahn, stieß als Bub auf die Betonruinen im Wald und fragte im Dorf immer wieder: „Wisst ihr, was hier war?“ Eine Antwort bekam er nicht, „es war ein großes Schweigen.“

So grausam waren die Nationalsozialisten

Er erzählt es am historischen Ort, dort, wo die ausgemergelten Häftlinge nach ihrem Fußmarsch täglich über zwölf Stunden Sklavenarbeit leisten mussten. Selbst die Gesündesten waren nach einem halben Jahr sterbenskrank, von den 12.000 Häftlingen, die man zwischen Tübingen und Rottweil zum Ölschieferabbau heranzog, kamen 3500 um.

Am Kriegsende ging den Nazis der Sprit aus. Irgendwer kam auf die Idee, dass man die Ölschiefer­vorkommen auf der Schwäbischen Alb ausbeuten könnte. Ein Aberwitz, wie Georg Maier kopfschüttelnd erzählt, was herauskam, war miserabler Diesel und unermessliches Leid.

Erste Gedenkfeier vierzig Jahre nach Kriegsende

Davon wollte nach 1945 kaum einer etwas wissen. Erst 1985 fand im Eckerwald die erste Gedenkfeier statt, Georg Maier war mit dabei. 1987 wurde dann die Gedenkstätte auf den Weg gebracht. Peu à peu ­legten ihre Mitglieder die Ruinen frei, brachten Informationstafeln an und ließen von einem Künstler eine Skulptur mit dem Titel „Der Ge­fangene“ schaffen.

Landeskirche als Partner für Gedenkmarsch

Dort steht die Gruppe nun, die sich zu dem viertägigen Gedenkmarsch aufgemacht hat. Der Pilgerbegleiter Jürgen Schnizler hatte die Idee. Auf seinen Wegen war er zufällig auf die Ruinen im Wald und den Gedenkpfad gestoßen – und wollte mehr wissen.  Er gewann die Evangelische Landeskirche in Württemberg als Partner und die Gedenkstätte Eckerwald mit ihrer Vorsitzenden Brigitta Marquardt-Schad.

Neue Formen des Gedenkens dringend notwendig

Ein ungewöhnliches Vorhaben, das auch für den Gedenkstätten-Verein neu ist, eine Annäherung an ein schwieriges Thema, mit der Jürgen Schnizler neue Wege beschreiten will: „Die Zeitzeugen sterben aus, wir brauchen neue Formen der Erinnerungskultur“, sagt er. Das „Geh-denken“ wäre eine solche Form, Schnizler schreibt es ganz bewusst mit einem „h“ und Bindestrich in der Mitte. Wer unterwegs ist, kann seine Gedanken schweifen lassen, manches kommt in Bewegung.

Im April vor 80 Jahren mussten sich auch die Häftlinge aus Schörzingen noch einmal auf den Weg machen. Wie überall sonst schickte man auch sie auf einen Todesmarsch nach Oberbayern. Keiner sollte dem Feind lebend in die Hände fallen.

Zeitzeugen berichten am Ort des Geschehens

Warum der Häftlingszug im Nachbarort Deilingen Station machte und im Pfarrgarten übernachtete, ist nur noch schwer zu ermitteln. Tatsache bleibt, dass sie auf einen siebenjährigen Jungen und seinen Bruder trafen, die sich an den Zaun geschlichen hatten. Sie steckten den ausgemergelten Gestalten ein Stück Brot zu  – und erhielten dafür ein Spielzeug aus der Hand der Häftlinge: zwei Holzvögel, die sich drehen ließen.

Franz-Karl Weiß hält ein Holzspielzeug in Form von Vögeln in der Hand
Foto: Andreas Steidel
Zeitzeuge Franz-Karl Weiß bekam von den Inhaftierten ein Spielzeug aus Holz.
Gisela Meicht trägt ein rosafarbenes Shirt und eine blaue Jacke
Foto: Andreas Steidel
Gisela Meicht steckte als Kind den Häftlingen Kartoffeln zu.

Franz-Karl Weiß aus Deilingen hält das Holzspielzeug hoch. Er war der Siebenjährige, der am Zaun stand, er hatte, frech wie Oskar, etwas vollbracht, was sonst kaum einer dort wagte. Mit fester Stimme erzählt der 87-Jährige im Rathaus davon und gibt das Holzspielzeug in der Gruppe herum. „Aber nicht kaputtmachen, ich habe nur eins“, sagt er verschmitzt.

Auch die 96-jährige Gisela Meicht hat die Häftlinge erlebt. Die Wandergruppe geht an ihrem Haus vorbei, wo sie am Eingang sitzt und erzählt. Kartoffeln hat sie den Häftlingen gebracht und ist dann ganz schnell wieder weggelaufen.

Wir hatten große Angst vor den Wachen.

erinnert sich Gisela Meicht

Von den Häftlingen des Ölschieferabbaus bei Schörzingen und Schömberg lebt nur noch einer, der 101-jährige Edward Lecki aus Warschau. Die Vorsitzende der Gedenkstätte, Brigitta Marquardt-Schad, war zu seinem 100. Geburtstrag eingeladen: „Ein berührender Moment.“

Berührend auch, als der Verein den ehemaligen Lagerschreiber Julien Hagenbourger ermittelte. Er übergab der Gedenkstätte seine ehemalige Häftlingsuniform mit der Nummer 7244. Brigitta Marquardt-Schad hat sie mitgebracht und zeigt sie nun den Gedenkwanderern.

Die KZ-Gedenkstätte Eckerwald auf der Schwäbischen Alb ist frei ­zugänglich. Es gibt einen Gedenkpfad sowie Führungen auf Anfrage: Telefon 07426-8887 oder über die Website der Gedenkstätte.

Gegen das Vergessen: Arbeit mit den Zeitzeugen

Die Arbeit mit Zeitzeugen und den Angehörigen ist ein wesentlicher Teil der Vereinsarbeit, immer wieder kommen Kinder, Enkel, Neffen und Großnichten der Häftlinge und wollen mehr über die schrecklichen Orte des Ölschieferabbaus wissen, die unter dem Decknamen „Wüste“ von der NS-Bürokratie akribisch verwaltet wurden.

Es ist einmal mehr ein Beispiel dafür, dass die Nazi-Gräuel nicht nur auf die großen bekannten Lager wie Auschwitz oder Dachau beschränkt waren. Selbst in der Idylle der Schwäbischen Alb kann man ihre Spuren finden, „aber nur, wenn man die Augen aufmacht“, wie der Zeitzeuge Franz-Karl Weiß anmerkt.

Vier Tage Gedenkmarsch

Knapp 20 Menschen haben ihre Augen und Ohren weit aufgemacht. Vier Tage lang waren sie unterwegs, Teilnehmer aus nah und fern mit enger und weniger enger Kirchenbindung. Für manche ist das Thema Teil der Familiengeschichte, wie für Elisabeth Weigel aus Sigmaringen, deren Onkel als SS-Mitglied Kämpfer des französischen Widerstands erschoss.

Erinnerungskultur wichtiger denn je

Beim Gottesdienst auf dem KZ-Friedhof in Schörzingen halten alle inne. Brigitta Marquardt-Schad, katholische Religionslehrerin im Ruhestand, und die evangelische Pfarrerin Simone Haas lesen in ­ökumenischer Verbundenheit eine Psalmen-Collage mit Zitaten der Häftlinge. Am Ende stimmen sie „Von guten Mächten“ an und lassen keinen Zweifel daran, dass eine Erinnerungskultur, aus der man lernen kann, wichtiger ist denn je.