Ein wunderbarer Wiesenweg auf einem Höhenzug der Schwäbischen Alb. Rund 20 Männer und Frauen gehen ihn andächtig. Es sind gemischte Gefühle, die sie umtreiben. Einerseits die herrlich grüne Natur in der frischen Morgenluft, auf der anderen Seite jene Erinnerungen, die sie mit im Gepäck haben.
Der Wiesenweg war der Weg der Häftlinge. Jeden Morgen mussten sie vier Kilometer in die eine, jeden Abend vier in die andere Richtung gehen. Der Wiesenweg war die Verbindung vom Konzentrationslager Schörzingen zur Ölschieferbaustelle im Eckerwald. Schlecht gekleidet kamen sie dort an, mit Häftlingsanzügen, die selbst im Winter kaum dicker als Schlafhemden waren. Wenn es die Wärter nicht sahen, trugen sie Zementsäcke als Wärmedämmung darunter.
Georg Maier hat fast Tränen in den Augen, wenn er davon erzählt. Er ist in der Gegend aufgewachsen, im Nachbarort Zepfenhahn, stieß als Bub auf die Betonruinen im Wald und fragte im Dorf immer wieder: „Wisst ihr, was hier war?“ Eine Antwort bekam er nicht, „es war ein großes Schweigen.“
Er erzählt es am historischen Ort, dort, wo die ausgemergelten Häftlinge nach ihrem Fußmarsch täglich über zwölf Stunden Sklavenarbeit leisten mussten. Selbst die Gesündesten waren nach einem halben Jahr sterbenskrank, von den 12.000 Häftlingen, die man zwischen Tübingen und Rottweil zum Ölschieferabbau heranzog, kamen 3500 um.
Am Kriegsende ging den Nazis der Sprit aus. Irgendwer kam auf die Idee, dass man die Ölschiefervorkommen auf der Schwäbischen Alb ausbeuten könnte. Ein Aberwitz, wie Georg Maier kopfschüttelnd erzählt, was herauskam, war miserabler Diesel und unermessliches Leid.
Davon wollte nach 1945 kaum einer etwas wissen. Erst 1985 fand im Eckerwald die erste Gedenkfeier statt, Georg Maier war mit dabei. 1987 wurde dann die Gedenkstätte auf den Weg gebracht. Peu à peu legten ihre Mitglieder die Ruinen frei, brachten Informationstafeln an und ließen von einem Künstler eine Skulptur mit dem Titel „Der Gefangene“ schaffen.
Franz-Karl Weiß aus Deilingen hält das Holzspielzeug hoch. Er war der Siebenjährige, der am Zaun stand, er hatte, frech wie Oskar, etwas vollbracht, was sonst kaum einer dort wagte. Mit fester Stimme erzählt der 87-Jährige im Rathaus davon und gibt das Holzspielzeug in der Gruppe herum. „Aber nicht kaputtmachen, ich habe nur eins“, sagt er verschmitzt.
Auch die 96-jährige Gisela Meicht hat die Häftlinge erlebt. Die Wandergruppe geht an ihrem Haus vorbei, wo sie am Eingang sitzt und erzählt. Kartoffeln hat sie den Häftlingen gebracht und ist dann ganz schnell wieder weggelaufen.
Wir hatten große Angst vor den Wachen.
erinnert sich Gisela Meicht
Von den Häftlingen des Ölschieferabbaus bei Schörzingen und Schömberg lebt nur noch einer, der 101-jährige Edward Lecki aus Warschau. Die Vorsitzende der Gedenkstätte, Brigitta Marquardt-Schad, war zu seinem 100. Geburtstrag eingeladen: „Ein berührender Moment.“
Berührend auch, als der Verein den ehemaligen Lagerschreiber Julien Hagenbourger ermittelte. Er übergab der Gedenkstätte seine ehemalige Häftlingsuniform mit der Nummer 7244. Brigitta Marquardt-Schad hat sie mitgebracht und zeigt sie nun den Gedenkwanderern.