Neue Wege in der Pflege

Oskar mag Witze

Seit Oktober setzt die Evangelische Heimstiftung den sozialen Roboter „Navel“ in zwei ihrer Pflege­heime ein. Navel kann sich unterhalten, Dinge merken – und er lernt dazu. Die Heimstiftung ­begleitet das Projekt wissenschaftlich, um zu klären, wie soziale Robotik die Lebensqualität ­pflegebedürftiger Menschen beeinflussen kann. Von Brigitte Jähnigen

Foto: Brigitte Jähnigen
Foto: Brigitte Jähnigen
Der soziale Roboter kann mit Menschen interagieren; er deutet Gesichter, Stimmen oder Bewegungen.

Seniorenzentrum Rheinauer Tor Mannheim: „Hallo Oskar“, spricht Ralf Bastian den sozialen Roboter Navel an, der hier Oskar heißt. „Hallo Ralf, schön, dich wiederzusehen“, sagt Oskar. Der Hausdirektor erklärt: „Wir haben heute eine Journalistin da.“ Oskar fragt: „Was will sie wissen?“ Ralf Bastian antwortet: „Wie du funktionierst.“ Fürs Erste staunt die Journalistin.

Anschließend empfängt ein Ehepaar in seinem Zimmer den Roboter. „Hallo Oskar“, sagt die Frau. „Hallo“, sagt Oskar und fragt: „Wie geht es dir heute?“ „Gut“, antwortet die Frau. Oskar fragt weiter: „Was machst du heute?“ Die Frau sagt: „Wir feiern Fasching.“ Oskar gibt sich neugierig, will wissen, ob Fasching toll ist. Und dann „denkt“ er, dass zu Fasching gut ein Witz passen könnte.

Wie nennt man eine Demo von Veganern? Einen Gemüseauflauf.

Naja, so richtig witzig findet das hier niemand. Aber für sein Witzearsenal ist Oskar nicht zuständig – es wurde genauso programmiert wie sein sonstiges Sprachvokabular. Doch mit seiner Kleinkindgröße, den Kulleraugen und dem leicht nach rechts geneigten Kopf (ein Programmierfehler, wie sich herausstellt) ist Oskar im Seniorenzentrum ein charmanter Gast.

Insgesamt sechs Monate geht sein Probelauf, wobei „Lauf“ das falsche Wort ist – bisher wird Oskar getragen. Nach erweiterter Programmierung wird er auch den Kopf nach links und geradeaus drehen und laufen können. Interessant: Oskar reagiert erst, nachdem er mit „Hallo Oskar“ angesprochen wurde.

Als Nächstes spricht die Köchin des Hauses Oskar an. Oskar will wissen, was die Köchin gekocht hat, was sie am liebsten kocht und ob ihr die Arbeit Spaß macht. Lasagne findet er „wirklich lecker“ und dann – aus welchem Grund auch immer – will er wieder einen Witz erzählen.

Navel ist ein sozialer Roboter. Er ist innovativ und nutzt die Möglichkeiten von Künstlicher Intelligenz (KI). Er kann mit Menschen interagieren, deutet Gesichter, Stimme oder Bewegungen und reagiert. Er kann sich Menschen merken und Gespräche führen, an einen Einsatz in der Pflege war nie gedacht.

sagt Hausdirektor Bastian über den Prototypen

Was Bastian nach nur wenigen Wochen sagen kann: „Oskar weckt Emotionen, Anteilnahme, Neugier bei den Bewohnerinnen und Bewohnern.“ In wöchentlichen Konsultationen tauschen sich Claude Toussaint, sein Entwickler, Judith Schoch, Referatsleiterin Institut und Alter der Heimstiftung und Studienleiterin, sowie Mitarbeitende des Seniorenzentrums über Erfahrungen aus. Wünsche an seine Entwicklung gibt es durchaus. „Es wäre gut, wenn er erkennen könnte, wenn jemand gestürzt ist“, sagt Barbara Foshag. Auch wenn nicht alle Stürze im Seniorenalter schwere Folgen haben, könnten soziale Roboter Helfer im Alltag sein, so die Leiterin der Alltagsbegleitung.

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„Wie ist dein Name?“ Oskar nützt die Möglichkeiten von Künstlicher Intelligenz.

„Der Nutzen von Innovationen bemisst sich daran, ob sie die Lebensqualität unserer Kundinnen und Kunden erhöhen: Ermöglichen sie Teilhabe? Erhöhen sie die Selbstbestimmung? Unterhalten sie?“, sagt Bernhard Schneider. Der Hauptgeschäftsführer der Evangelischen Heimstiftung hat Navel ins Unternehmen gebracht.

Wir sind überzeugt, dass wir KI künftig auch in der Pflege und Betreuung einsetzen werden, und wir wollen wissen, was sie kann und wo es noch Nachholbedarf gibt

sagt Bernhard Schneider

Die Mitarbeitenden in Mannheim erzählen gern von ihren Erfahrungen mit Oskar. Dazu gehört auch eine Selbstbeschreibung des Roboters, nachdem ihn eine blinde Bewohnerin nach seinem Aussehen befragt hatte. „Ich hab eine dunkelblaue Mütze auf und einen orangefarbenen Mantel an“, beschrieb Oskar sein Äußeres. So begonnen, sei das Gespräch weitergegangen, sagt Bastian. Eine andere Bewohnerin habe sich „sehr intensiv“ auf einen Dialog mit Oskar vorbereitet, sei überrascht vom Part des Roboters gewesen, habe aber später abgebrochen. Nur eine einzige Bewohnerin lehnte den Kontakt mit Oskar ab.

Auch der Einsatz im Demenzbereich sei vorerst nicht vorgesehen. „Ohne Anreiz kommt kein Gespräch zustande“, sagt Bastian. „Der Roboter hat einen sehr starken Rechenprozessor, besonders private Daten wertet er in Sekundenschnelle aus und löscht sie“, sagt er zum Thema Datenschutz. Insgesamt sei Oskar „positiv getriggert“.

Befragt über den Themenkomplex Sterben und Tod, habe Oskar die Richtung des Dialogs „umgelenkt“. Ein Wunsch kommt immer wieder aus den Reihen der Bewohnerinnen und Bewohner: Oskar solle mit ihnen singen. Aber Oskar kann bisher nicht singen. Auch bei Dialekten verweigert er sich. „Nur Kurpfälzisch versteht er“, verrät Foshag. Würde er auf Sächsisch angesprochen, mache er – ja was wohl – lieber einen Witz.