Der Heidelberger Psychiater und Philosoph Thomas Fuchs sieht einen Zusammenhang zwischen dem Erstarken der AfD und einem zunehmenden Narzissmus in der Gesellschaft. Einhergehend mit einem Verlust an „elementarer Solidarität” sei dies eine bedenkliche Entwicklung.
Populistische Bewegungen könnten die mit narzisstischen Störungen verbundene hohe Kränkbarkeit für ihre Zwecke missbrauchen. Die Erfahrung, nicht genügend beachtet zu werden, könne zu „Aggressionen, Ressentiments, Wut- und Rachegefühlen” führen, sagt der Psychiater der Zeitschrift „Publik-Forum”. Auch Verschwörungserzählungen gingen oft auf solche Kränkungen zurück.
In Ostdeutschland hat sich dazu ein Wutpotenzial aufgebaut, das sich ein politisches Ventil sucht.
sagt Psychiater Thomas Fuchs
Viele Menschen hätten das Gefühl, „verschaukelt zu werden”. Diese Stimmung greife die AfD geschickt auf und verbreite ihre Positionen ungefiltert über die sozialen Medien. So ließen sich Kränkungen und Wut „besonders gut bewirtschaften”, erläutert Fuchs.
Der Professor beklagt zudem den schwindenden Einfluss von Religion und Moral. Problematisch sei, dass Moral und Glaube grundsätzlich der Enthemmung entgegenstünden und den Anspruch erhöben, dass es nicht nur um das eigene Ich gehe. Fuchs appelliert an die Gesellschaft, notwendige Formen der Solidarität immer wieder neu einzuüben. Er bedauert, dass Institutionen, in denen dies geschehe, seltener geworden seien. Als Beispiele nannte er Kirchengemeinden, Gewerkschaften sowie Feuerwehr- und Rettungsdienste.
Angesprochen auf den verbreiteten Hass in der Gesellschaft spricht Fuchs davon, dass dieser nicht einfach wieder nachlassen werde. Oftmals wird im öffentlichen Diskurs gefordert, man müsse Menschen wieder für die Demokratie gewinnen. Laut dem Psychiater funktioniere dies aber nur dann, wenn eine bestimmte Grenze noch nicht überschritten wurde.
Das Entfesseln von Ressentiments [...] und lang gehegtem Groll, von Bitterkeit und Aggression setzt auch ein Lustgefühl frei.
analysiert Thomas Fuchs