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Musik in den USA

Rock und Pop statt Klassik

Im frommen Amerika dominieren Rock und Pop statt Bach und Händel – und das schon seit den 1970er-Jahren. Von Tobias Glawion

Menschen halten ihre Hände in die Höhe, im Hintergrund leuchtet ein Schild auf dem "Jesus" steht
Unsplash+/Matt Botsford

Während in Deutschland und Europa bei geistlicher oder christlicher Musik vor allem die alten Meister Johann Sebastian Bach, Georg Friedrich Händel oder Paul Gerhardt im Vordergrund stehen, prägen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten längst andere Klänge die Szene.

Die Contemporary Christian Music – zeitgenössische christliche Musik – hat in Form von Rock und Pop der klassischen geistlichen Musik den Rang abgelaufen und entwickelt sich zu einem Milliardengeschäft. Christliche Popstars wie Lauren Daigle, For King & Country, Lecrae oder TobyMac begeistern nicht nur eine treue Fangemeinde, sondern bringen auch frischen Wind in die finanziell angeschlagene Musikindustrie.

Die Jesus-People-Bewegung

Bereits Ende der 1960er-Jahre überraschte die Jesus-People-Bewegung in den USA mit Künstlern wie Larry Norman und seinem „Jesus Rock“. Sein musikalisches Statement „Why should the devil have all the good music?“ wird zur Initialzündung einer neuen christlichen Bewegung und spiegelt den Zeitgeist der Woodstock-Generation wider.

Nach anfänglicher Skepsis erkennen auch konservative Evangelisten und Erweckungsprediger wie Billy Graham die Strahlkraft dieser Musik. Graham, der anfangs Rockmusik als „vom Teufel“ brandmarkte, wird schnell zum Fürsprecher. In den 1970ern und 80ern integriert er die „Jesus Music“ mit Stars wie Cliff Richard in seine Evangelisationen.

Christliche Musik in den Charts

Der Erfolg in der christlichen Bubble bleibt mit Künstlern wie Phil Keaggy, Keith Green oder der Band Petra seither ungebrochen. In den 1980ern gelingt es der Sängerin Amy Grant als erster Vertreterin der Contemporary Christian Music, in die Hitlisten einzudringen. Im Duett mit Peter Cetera erreicht sie mit dem Song „The Next Time“ Platz 1 der Billboard-Charts, der offiziellen amerikanischen Hitparade. Ihr Solo-Song „Baby, Baby“ wird 1991 sogar zum Welthit. Mit über 40 Millionen verkauften Alben gilt sie als die erfolgreichste Vertreterin ihrer Kunst.

Skandale bleiben nicht aus

Doch die Missgunst im konservativen christlichen Lager lässt nicht lange auf sich warten, als ihre Texte weniger fromm werden und ihre Ehe scheitert. Auch die Band Stryper sorgt Anfang der 1990er für Aufruhr, indem sie während ihrer Konzerte Bibeln ins Publikum wirft und düstere Heavy-Metal-Musik mit einfachen Glaubenssätzen kombiniert. Ihre plakative Botschaft „To Hell with the Devil“ passt bis heute zum populistischen Zeitgeist der amerikanischen Trump-Nation. Kaum verwunderlich, dass Michael Tait, der Sänger der aktuell beliebten christlichen Band Newsboys, sich öffentlich für Donald Trump ausspricht.

Auch nicht-Gläubige ansprechen

Es wäre jedoch zu einfach, diese Musikströmung nur dem evangelikalen Lager zuzuordnen. Künstler wie Switchfoot, die den Soundtrack zu Kino-Hits wie „Der König von Narnia“ oder „Spiderman“ lieferten, stehen für geistliche Weite und sprechen auch Menschen über den strenggläubigen Tellerrand hinweg an. Meist bleibt die Szene trotz des immer wieder beteuerten missionarischen Anspruchs im Saft der eigenen Community. Der stetig wachsende Markt der Worship- und Lobpreismusik, wie der überaus erfolgreichen, aus Australien stammenden Hillsong-Bewegung, zielt von vornherein nur auf ein treues Gottesdienstpublikum ab.

Nur wenige Künstler wie Switchfoot, Lauren Daigle oder TobyMac sind über die christliche Szene hinaus bekannt. Und noch weniger schaffen den Sprung über den großen Teich nach Europa, wie die Rockband Skillet, die kürzlich beim Kultfestival Rock am Ring aufspielte.