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Ostelsheim

Ryyan Alshebl: Vom Geflüchteten zum Bürgermeister

Der gebürtige Syrer Ryyan Alshebl (32) ist der erste Geflüchtete, der es in Deutschland zum Dorf­bürgermeister gebracht hat. Jetzt hat er ein Buch über seine Erfahrungen geschrieben. Von Andreas Steidel

Ryyan Alshebl trägt ein schwarzes Hemd. Der junge Mann sitzt an einem Schreibtisch auf einem Schreibtischstuhl.
Foto: Andreas Steidel

Er ist jetzt nicht mehr der Neue. Fast schon drei Amtsjahre liegen hinter Ryyan Alshebl. Längst hat er sich in der Kommunalpolitik des Land­kreises etabliert, zwischenzeitlich ist er dort sogar Kreistagsmitglied. „Ganz interessanter Perspektivenwechsel“, sagt er, „als Bürgermeister muss ich immer alles zusammen­halten, als Parlamentarier darf ich Partikular­interessen vertreten.“

Deutsch lernen als Schlüssel zur Integration

Wenn man ihn so reden hört, dann will man noch immer nicht glauben, dass er vor gut zehn Jahren als Geflüchteter ohne Deutschkenntnisse ins Land kam. Doch Alshebl ist ­ambitioniert, saugt die Sprache und das Wissen wie ein Schwamm auf.

Deutsch ist schwierig, ja, aber eben auch schön.

sagt Ryyan Alshebl

Schön findet er auch Deutschland selbst. Und da tut es ihm weh, „wenn dieses Land immer nur schlecht­geredet wird. Woanders träumen sie davon, in einem solchen Staat zu leben“, sagt er an die Adresse der Schwarzmaler.

Zwischen Bürokratie und Tatendran: Ryyan Alshebls Erfahrungen

Er hat diesen Vergleich und den mit Syrien nun zu Papier gebracht. In dem Buch „Flucht nach vorn“ schildert er nicht nur, wie er übers Mittelmeer nach Deutschland kam, sondern auch, wie er das Leben und die ­politische Landschaft hierzulande wahrnimmt. Die Bürokratie macht ihm zu schaffen, die Vereinsamung vieler alter Menschen auch.

Deswegen ist er froh, dass es gelungen ist, im ehemaligen katholischen Gemeindehaus ein Dorfcafé und eine Begegnungsstätte aufzubauen. Auch einen Supermarkt konnte er 2024 in Ostelsheim willkommen heißen, und dass die neue Hesse-Bahn auch in seinem Ort hält, erfüllt ihn mit Stolz.

Wichtiger Kontakt: Der evangelische Pfarrer

Da ist einer angekommen, erst kürzlich hat er sich entschlossen, in den Sport-, Faschings- und Musikverein einzutreten. Als Bürgermeister sollte man ein wenig mitmischen, die Leute kennenlernen. Er hat viele Menschen im Laufe der Jahre in Deutschland kennengerlernt, unzählige haben ihn damals auf seinem Weg ins Bürgermeisteramt begleitet. Einer der wichtigsten war der evangelische Pfarrer Walter Hummel, mit ihm hat er bis heute sehr engen Kontakt.

Differenzierter Blick auf Syrien und Deutschland

Selbst gehört Ryyan Alshebl der religiösen Minderheit der Drusen in Syrien an. Wenn er davon erzählt, verdüstert sich seine Miene. „Ich hatte große Hoffnungen, dass nach dem Umsturz alles besser wird, bin aber jetzt sehr ernüchtert“, sagt er. Die Massaker gegen Drusen und Aleviten, die es im Sommer 2025 in seiner Heimatregion Suweida gab, haben ihn erschüttert.

Für die Minderheiten hat sich die Situation nicht verbessert.

sagt Ryyan Alshebl

Dass Assad gestürzt wurde, findet er trotzdem gut. Er liebt den differen­zierten Blick auf die Dinge, und das gilt auch für die Migrationspolitik in Deutschland. „Ich kann die Forderung verstehen, dass kriminelle Migranten ihr Aufenthaltsrecht verlieren“, sagt er. Andererseits dürfe man das Thema Migration eben nicht rein auf das Thema Sicherheit reduzieren: „Das ist viel umfangreicher.“

Dass politische Themen populistisch reduziert werden, macht auch ihm Sorgen. Deswegen sei es umso wichtiger, dass politische Parteien die Ängste der Menschen wahr­nehmen und ihnen gut zuhören.