„Was machen Menschen, die sich nicht wehren können?“
Sarah Vecera kontaktierte daraufhin die Ärztekammer, die Krankenkasse und die Kassenärztliche Vereinigung. Die zweifache Mutter weiß inzwischen, wie man sich wehrt. Aber das ist nicht der Grund, weshalb sie diese Geschichte erzählt.
Was machen diejenigen, die nicht muttersprachlich deutsch sind? Die nicht verstehen, was vor sich geht, und nicht wissen, wo sie sich melden müssen?
diese Frage beschäftigt Sarah Vecera
Die Anti-Rassismus-Expertin erzählt von Studien aus den USA, die belegen, dass schwarze Menschen statistisch früher sterben. Denn genau solche Kleinigkeiten summieren sich. Schwarze Patientinnen und Patienten würden als weniger schmerzempfindlich, robuster und medizinisch weniger bedürftig wahrgenommen werden als Weiße. Mit möglicherweise fatalen Folgen.
Sarah Vecera: aufgewachsen in der Evangelischen Kirche
Als Bildungsreferentin bei der Vereinten Evangelischen Mission in Wuppertal engagiert sich Sarah Vecera für ein Thema, das ihr von klein auf bekannt ist. Vecera ist in Oberhausen im Ruhrgebiet geboren. Ihre Mutter ist deutsch, ihr Vater kommt aus Pakistan. Sie ist evangelisch aufgewachsen, war im Kindergottesdienst, den ihr eigener Großvater hielt, war in der Kinder- und Jugendarbeit aktiv, wurde konfirmiert, studierte Theologie.
Ihr Lebenslauf ist, wie sie selbst sagt, „ziemlich deutsch-evangelisch“. Und trotzdem wurde ihr – aufgrund ihrer Hautfarbe – von klein auf signalisiert: So ganz gehörst du hier nicht dazu.
Wie rassistische Bilder früh geprägt werden
Mit drei Jahren wusste ich bereits, dass ich nicht einfach sagen kann, ich komme aus Oberhausen
sagt Sarah Vecera
Vielmehr musste sie sagen „Meine Mama kommt aus Deutschland und mein Papa kommt aus Pakistan.“ Das wurde ihr antrainiert – als die höflich richtige Antwort auf die Extrafrage „Und woher kommst du wirklich?“, die ihren weißen Kindergarten-Freundinnen nie gestellt wurde. Beim Schultheater musste sie den Affenkönig spielen, „weil sie ihm am ähnlichsten sieht“, so die Begründung der Lehrerin.
Ein Wort dafür kannte Vecera damals nicht. In den 80er-Jahren hatte man keine Sprache für das, was ihr passierte. In den 90ern lernte sie, Angst vor Glatzen und Bomberjacken zu haben – das waren die explizit Bösen. Aber die netten Menschen um sie herum? Dass die auch rassistisch sozialisiert sein könnten, war undenkbar.
Rassisten, das waren die Nazis. Und die gibt es ja seit 1945 nicht mehr. So dachte man damals.
sagt Sarah Vecera
Studien zeigen: Herkunft beeinflusst Chancen
Auch Studien belegen eine Ungleichbehandlung in Deutschland, abhängig von der Herkunft. Die Max-und-Murat-Studie der Universität Mannheim beispielsweise legte angehenden Lehrkräften identische Klassenarbeiten vor – einmal mit deutschem, einmal mit türkischem Namen. Das Ergebnis: Der türkische Murat bekam durchgehend schlechtere Noten als der deutsche Max.
Eine andere Untersuchung stellte fest, dass bei gleicher Qualifikation und gleichem Lebenslauf eine deutsche Frau ohne Kopftuch eher zum Bewerbungsgespräch eingeladen wird als eine türkische Frau, die ein Kopftuch trägt.
Solche Ergebnisse anzuerkennen, fällt vielen schwer. Der Nationalsozialismus habe das Wort „Rassist“ hoch moralisch aufgeladen, glaubt Vecera. „Wenn jemand zu mir sagt: ‚Du bist rassistisch‘, dann weise ich das weit von mir, weil ich ja ein guter Mensch sein will“, erklärt die Theologin. Die Lösung sieht Vecera darin, endlich aufzuhören mit Schuldzuweisungen.