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Alltagsrassismus

Sarah Vecera: „Wir alle haben Rassismus ­gelernt“

Sarah Vecera ist in Deutschland geboren, evangelisch aufgewachsen – und wurde trotzdem nie als „ganz deutsch“ wahrgenommen. Die Theologin erklärt, warum das kein Einzelfall ist und wie Rassismus überwunden werden kann. Von Juliane Eberwein

Rassismus im Gesundheitssystem

Sarah Vecera schüttelt den Kopf, als sie von einem ihrer letzten Arzt­besuche erzählt. Der war so absurd, dass sie es selbst kaum glauben kann. Es ist noch gar nicht so lange her, dass die 42-Jährige zum Hautarzt ging für das obligatorische Hautkrebsscreening, das ab 35 Jahren zur Krebsvorsorge gehört. Aber statt sie zu untersuchen, schaute der Arzt sie nur an und erklärte ihr: „Sie können keinen Hautkrebs kriegen. Bei Ihrem Hautbild und Ihrer Herkunft ist das sehr unwahrscheinlich.“ Mit dieser fachlich zumindest fragwürdigen Einschätzung und ohne weitere Untersuchung schickte er sie nach Hause.

Das Bild zeigt Sarah Vecera. Eine Frau mit dunkler Hautfarbe und schwarzen Locken. Sie lächelt in die Kamera.
Pressebild/Lara Diederich
Sarah Vecera ist Anti-Rassismus-Expertin

„Was machen Menschen, die sich nicht wehren können?“

Sarah Vecera kontaktierte daraufhin die Ärztekammer, die Krankenkasse und die Kassenärztliche Vereinigung. Die zweifache Mutter weiß inzwischen, wie man sich wehrt. Aber das ist nicht der Grund, weshalb sie diese Geschichte erzählt.

Was machen diejenigen, die nicht muttersprachlich deutsch sind? Die nicht verstehen, was vor sich geht, und nicht wissen, wo sie sich melden müssen?

diese Frage beschäftigt Sarah Vecera

Die Anti-Rassismus-Expertin erzählt von Studien aus den USA, die belegen, dass schwarze Menschen statistisch früher sterben. Denn genau solche Kleinigkeiten summieren sich. Schwarze Patientinnen und ­Patienten würden als weniger schmerzempfindlich, robuster und medizinisch weniger be­dürftig wahrgenommen werden als Weiße. Mit möglicherweise fatalen Folgen.

Sarah Vecera: aufgewachsen in der Evangelischen Kirche

Als Bildungsreferentin bei der Vereinten Evangelischen Mission in Wuppertal engagiert sich Sarah Vecera für ein Thema, das ihr von klein auf bekannt ist. Vecera ist in Oberhausen im Ruhrgebiet geboren. Ihre Mutter ist deutsch, ihr Vater kommt aus Pakistan. Sie ist evan­gelisch aufgewachsen, war im Kindergottesdienst, den ihr eigener Großvater hielt, war in der Kinder- und Jugendarbeit aktiv, wurde konfirmiert, studierte Theologie.

Ihr Lebenslauf ist, wie sie selbst sagt, „ziemlich deutsch-evangelisch“. Und trotzdem wurde ihr – aufgrund ihrer Hautfarbe – von klein auf signalisiert: So ganz gehörst du hier nicht dazu.

Wie rassistische Bilder früh geprägt werden

Mit drei Jahren wusste ich bereits, dass ich nicht einfach sagen kann, ich komme aus Oberhausen

sagt Sarah Vecera

Vielmehr musste sie sagen „Meine Mama kommt aus Deutschland und mein Papa kommt aus Pakistan.“ Das wurde ihr antrainiert – als die höflich richtige Antwort auf die Extra­frage „Und woher kommst du wirklich?“, die ihren weißen Kindergarten-Freundinnen nie gestellt wurde. Beim Schultheater musste sie den Affenkönig spielen, „weil sie ihm am ähnlichsten sieht“, so die Begründung der Lehrerin.

Ein Wort dafür kannte Vecera damals nicht. In den 80er-Jahren hatte man keine Sprache für das, was ihr passierte. In den 90ern lernte sie, Angst vor Glatzen und Bomberjacken zu haben – das waren die ­explizit Bösen. Aber die netten Menschen um sie herum? Dass die auch rassistisch sozialisiert sein könnten, war undenkbar.

Rassisten, das waren die Nazis. Und die gibt es ja seit 1945 nicht mehr. So dachte man damals.

sagt Sarah Vecera

Studien zeigen: Herkunft beeinflusst Chancen

Auch Studien belegen eine Ungleichbehandlung in Deutschland, abhängig von der Herkunft. Die Max-und-Murat-Studie der Universität Mannheim beispielsweise legte angehenden Lehrkräften identische Klassenarbeiten vor – einmal mit deutschem, einmal mit türkischem Namen. Das Ergebnis: Der türkische Murat bekam durchgehend schlechtere Noten als der deutsche Max.

Eine andere Untersuchung stellte fest, dass bei gleicher Qualifikation und gleichem Lebenslauf eine deutsche Frau ohne Kopftuch eher zum Bewerbungsgespräch eingeladen wird als eine türkische Frau, die ein Kopftuch trägt.

Solche Ergebnisse anzuerkennen, fällt vielen schwer. Der Nationalsozialismus habe das Wort „Rassist“ hoch moralisch aufgeladen, glaubt Vecera. „Wenn jemand zu mir sagt: ‚Du bist rassistisch‘, dann weise ich das weit von mir, weil ich ja ein guter Mensch sein will“, erklärt die Theologin. Die Lösung sieht Vecera darin, endlich aufzuhören mit Schuld­zuweisungen.

Sarah Vecera hält in der Hand ein Buch und grinst.
privat

Rassismus in der Kirche: Warum Jesus in vielen Kirchen weiß ist

Das Gottes- und Jesusbild ist weltweit in vielen Kirchen weiß. Die Frage, wie das passieren konnte, greift Sarah Vecera in ihrem Buch „Wie ist Jesus weiß geworden?“ auf. Denn Jesus kam aus dem Nahen ­Osten und muss, sagt Vecera trocken, „eher so ausgesehen haben wie ich“. Stattdessen liegt in den meisten Weihnachtskrippen ein Baby mit blonden Locken.

Zur Erklärung hilft auch hier ein Blick in die Geschichte: Die frühe Kirche habe sich an den griechischen Götterbildern mit ihren weißen Gewändern orientiert, erläutert die Autorin. Im Mittelalter habe man das Göttliche durch europäische Züge betont und auch in der Kolonialzeit hatte das weiße Jesusbild eine besondere Symbolik: „Jesus sah aus wie die Machthabenden – und nicht wie die, die versklavt wurden.“ Noch heute finden sich in vielen Ländern weltweit weiße Jesusfiguren. Es sei ein jahrhundertealtes Denken, das die Gesellschaft und die Kirche geprägt habe.

Dieses Denken können wir nicht einfach abschütteln, aber wir können uns darüber bewusst werden

sagt Sarah Vecera

„Anti‑Rassismus ist kein Kampf gegen weiße Menschen“

Ihr Wunsch ist es, dass Menschen weniger übereinander urteilen und aufhören, sich gegenseitig Schuld zuzuweisen. „Anti-Rassismus-Arbeit ist kein Kampf gegen weiße Menschen. Es ist ein Kampf gegen ein Denkmuster, das uns voneinander trennen will. Aber wenn wir uns näherkommen, wenn wir gegen­seitig unsere Geschichten anhören und ehrlich zueinander sind – dann überwinden wir letztendlich auch den Rassismus.“ Vielleicht ein weiter Weg – aber einer, der sich lohnt, findet Sarah Vecera.