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Interreligiöse Freundschaft

„Schalom Salam“: Jude und Muslim sind beste Freunde

Furkan Yüksel (28) ist gläubiger Muslim, Kiril Denisov (25) ist praktizierender Jude. Die beiden sind beste Freunde und das, obwohl sie nicht immer einer Meinung sind. Über eine interreligiöse Freundschaft, in der der jeweils andere ernst genommen wird. Von Kira Geiss

Links auf eine Sofa sitzt ein Mann mit roten schulterlangen Haaren, Bart und Brille. Rechts sitzt Furkan, der kurze dunkle Haare und einen Bart trägt. Die beiden Männer haben jeweils einen Arm um die Schulter des anderen gelegt.
EMH/Martina Dippon
Kiril (links) und Furkan (rechts) sind Freunde.

Kiril spricht Gott mit „HaSchem“ an. Furkan betet zu Allah. Trotz ihrer religiösen Unterschiedlichkeiten verbindet sie eine tiefe Freundschaft. „Ich bewundere, dass Furkan so bewusst und konsequent durchs Leben geht. Wenn er etwas macht, dann macht er es richtig“, sagt Kiril. Furkan ergänzt: „Im Judentum ist das Hinterfragen von Texten, Lehren und Traditionen ein wichtiges Thema. Eine Eigenschaft, die ich sehr schätze – mit einer einfachen Antwort gibt Kiril sich nicht zufrieden.“ Dass die beiden eine so enge Freundschaft pflegen, trifft bei manchen auf Verwunderung. Andere meinen, dass ihre Freundschaft den Nahostkonflikt lösen könnte. Beides dementieren die beiden.

Wir gehören zu Religionen, die in Deutschland in der Minderheit sind. Interreligiöser Dialog und interreligiöse Freundschaften sind für uns deshalb Alltag und nichts Außer­gewöhnliches.

betont Furkan Yüksel

Die beiden jungen Männer sehen sich nicht als Repräsentanten des Judentums oder des Islams und stimmen auch nicht mit allen Lehren ihrer jeweiligen ­Religion überein. „Wir sind Menschen, die eine Religion haben, aber innerhalb dieser eine eigene Position vertreten.“

Das Projekt „Schalom und Salam“

Kennengelernt haben sie sich vor einigen Jahren bei einer Veranstaltung der Stuttgarter Bildungsinitiative „Schalom und Salam“ (Friede). Das Ziel des Projektes: für den Abbau von Antisemitismus und antimuslimischen Rassismus in der deutschen Gesellschaft sorgen. Ein Thema, das auch Kiril und Furkan am Herzen liegt. Beide engagieren sich in Bildungs- und Aufklärungsarbeit. Furkan als Referent bei der Bildungsstätte Anne Frank, Kiril als Botschafter und Projektmitarbeiter bei „Schalom und Salam“. Gemeinsam sind sie oft in Schulen, bei Lehrerfortbildungen oder in der Politik unterwegs. Dort sprechen sie über Rassismus, Diskriminierung und Rechtsextremismus und teilen auch persönliche Erlebnisse.

Verständnis füreinander trotz ihrer Unterschiede

Bei ihrer ersten Begegnung hat es laut Furkan sofort „Klick“ gemacht. „Seitdem sind wir ‚best friends‘“, erzählt Kiril grinsend und klopft Furkan freundschaftlich auf die Schulter. Einer Meinung sind sie trotzdem nicht immer.

Natürlich haben wir manchmal auch hitzige Debatten. Aber uns ist es wichtig, dass wir uns im Nachhinein noch in die Augen schauen können.

sagt Furkan

Es gehe nicht darum, recht zu haben, sondern darum, den anderen zu verstehen. „Man kann unterschiedlicher Meinung sein, ohne sich gegenseitig die Menschlichkeit abzusprechen”, ergänzt Kiril. Sich hin und wieder über Dinge zu streiten, finden die beiden wichtig. „Dadurch entstehen neue Perspektiven“, betont Furkan.

Zu sehen ist Kiril, ein junger Mann mit schulterlangen roten Haaren, einem Bart und Brille. Er lächelt.
EMH/Martina Dippon
Kiril Denisov

Antisemitismus im Alltag: Angst vor Gewalt

Im Jahr 2001 kam Kiril mit seiner Familie aus Lettland als Kontingentflüchtling nach Deutschland. Seine jüdische Identität hielt er auf Rat seiner Mutter geheim. „Mach dich nicht zur Zielscheibe“, waren ihre Worte. Mittlerweile steht Kiril offen zu seiner jüdischen Identität und trägt einen Davidstern. Eine Entscheidung, die dazu geführt hat, dass Diskriminierung und Ausgrenzung feste Bestandteile seines Lebens sind. „Ich frage mich häufig, ob ich auf der Straße als Jude erkannt werde – die Angst vor Gewalt ist in meinem Umfeld sehr präsent“, erzählt er.

Gerade jetzt, wo die AfD an Schwung aufnimmt, fragen sich viele seiner Bekannten und Familienmitglieder, wie lange sie noch in Deutschland willkommen und sicher sind.

90 Prozent der jüdischen Community in Deutschland sind eingewandert – da wurden in der Vergangenheit viele Abschlüsse nicht anerkannt oder Rentenleistungen nicht angerechnet. Das hat natürlich langfristige Auswirkungen auf Wohlstand und Handlungsspielräume und belastet Familien oft über Jahrzehnte.

sagt Kiril

Furkan trägt eine Brille, kurze dunkle Haare, einen Bart und eine Brille
EMH/Martina Dippon
Furkan Yüksel

Antimuslimische-Anfeindungen: Schweinekopf vor der Moschee

Auch Furkan erlebt Anfeindung aufgrund seiner Religion und Herkunft. „Rassismus hat in meinem Leben sehr unterschiedliche Facetten. Mal wird man von einem vorbeifahrenden Radfahrer angespuckt, mal liegt ein abgetrennter Schweinekopf vor der lokalen Moschee und immer wieder stehen rassistische Parolen an den Wänden.“ Doch damit nicht genug:

Oft wird so getan, als könnten gesellschaftliche Probleme beseitigt werden, indem man uns ‚Sozialschmarotzer‘ loswird. Wir werden als Gäste oder sogar Eindringlinge, jedoch nie als fester Bestandteil dieser Gesellschaft gesehen

sagt Furkan

Schalom Salam: Beitrag zu einer besseren Gesellschaft leisten

Kiril träumt von einem Deutschland, in dem sich alle Menschen aller Religionen wohlfühlen, und weist auf Artikel 1 und 3 des Grundgesetzes hin: „Hier steht, dass Diskriminierung verboten ist. Dennoch ist sie fester Bestandteil unseres Lebens.“ Den Männern ist bewusst, dass Änderungen lange brauchen, trotzdem sind sie davon überzeugt, dass jeder seinen Beitrag für eine bessere Gesellschaft leisten sollte.

Im Judentum gibt es ein theolo­gisches Konzept namens ‚Tikkun Olam‘. Dies besagt, dass diese Welt nicht das Paradies, sondern kaputt ist. Es ist zwar nicht unsere individuelle Aufgabe, sie vollständig zu reparieren, gleichzeitig sind wir aber auch nicht von der Verantwortung entbunden, unseren Teil zu einer besseren Welt beizutragen.

erklärt Kiril

Auf die Frage, ob es mehr interreligiöse Freundschaften bräuchte, antworten die beiden Freunde mit einem Schulterzucken. „Es wäre wundervoll, wenn es so einfach wäre, aber das ist zu schön, um wahr zu sein. Nur weil man einen Juden oder einen Muslim kennt, verschwinden nicht plötzlich alle Vorurteile gegenüber einer ganzen Menschengruppe oder einer Religion“, sagt Furkan. Deshalb ist den Freunden die Bildungsarbeit so wichtig – das Projekt Schalom und Salam gibt ihnen den Raum dafür.