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Seemannsmission

So geht es den Seeleuten in der Straße von Hormus

Tausende Seeleute sitzen seit Monaten in der Krisenregion rund um die Straße von Hormus fest. Zwischen militärischen Spannungen, Angriffen und wachsender Unsicherheit kämpfen sie täglich gegen Angst, Erschöpfung und die Sehnsucht nach zu Hause. Von Claudia Formella

Auf dem Bild ist ein Ausschnitt eines Containerschiffes zu sehen, das mit bunten Containern beladen ist.
Unsplash/Johan Taljaard
Symbolbild: Von den Seeleuten in der Straße von Hormus gibt es aktuell keine Bilder.

Wenn Stille keine Sicherheit mehr bedeutet

Es ist mitten in der Nacht irgendwo im Persischen Golf. Der Himmel ist dunkel, das Meer ruhig. Eigentlich eine Szenerie, die für Seeleute vertraut ist. Doch seit Monaten be­deutet Ruhe nicht gleich Sicherheit. Auf den Decks der Tanker und Containerschiffe blickt man nicht mehr nur auf Wetter­karten oder Radarbildschirme. Die Augen wandern immer wieder zum Himmel. Ist es ein Flugzeug? Eine Drohne? Eine ­Rakete? Seit Monaten leben Tausende Seeleute in der Straße von Hormus mit genau dieser Angst.

Die Straße von Hormus

Die Straße von Hormus gehört zu den wichtigsten Schifffahrtsrouten der Welt. Ein erheblicher Teil des weltweiten Öl- und Warenhandels läuft durch diese schmale Meerenge zwischen dem Persischen Golf und dem Golf von Oman. Normalerweise herrscht dort dichter Schiffsverkehr. Doch seit der Eskalation zwischen den USA, Israel und dem Iran hat sich die Region in ein gefährliches Krisengebiet verwandelt.

Globaler Konflikt trifft Menschen, die nur arbeiten wollen

Während die Welt über geopolitische Interessen, Sanktionen und militärische Strategien diskutiert, sitzen dort Menschen fest, deren Alltag von permanenter Un­sicherheit bestimmt wird. Menschen, die eigentlich nur ihren Beruf ausüben wollen – und sich plötzlich mitten in einem internationalen Konflikt befinden.

Nach Angaben der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation (IMO) sitzen zeitweise mehr als 2000 Schiffe in der Region um die Straße von Hormus fest. Schätzungen zufolge sind immer noch rund 15 000 Seeleute betroffen – sie kommen aus Indien, den Philippinen und vielen anderen Teilen der Welt.

Die Deutsche Seemannsmission: Seelsorge im Ausnahmezustand

Die Deutsche Seemannsmission in Hamburg steht seit vielen Wochen in engem Kontakt mit den Seeleuten und Organisationen. Sie bietet ihnen seelsorgerliche Unterstützung sowie psychosoziale Begleitung an. Der Kontakt entsteht häufig über Reedereien und Gewerkschaften. Die Berichte der Seeleute und die Stimmung an Bord zeichnen dabei ein bedrückendes Bild: Erschöpfung, Unsicherheit und die stille Sehnsucht, endlich wieder sicher nach Hause zurückkehren zu können.

Das Foto zeigt Matthias Ristau, Generalsekretär der Deutschen Seemannsmission. Der Mann steht vor einem Containerschiff-Hafen.
Pressebild/Deutsche Seemannsmission/Joseph Heicks
Matthias Ristau ist Generalsekretär der Deutschen Seemannsmission

 

Die Seeleute befinden sich in einer Situation, die sie so nicht kennen. Natürlich gehört Risiko auf See zum Beruf dazu, aber dass man plötzlich damit rechnen muss, von Drohnen oder Raketen getroffen zu werden, ist eine völlig andere ­Dimension.

sagt Matthias Ristau, Generalsekretär der Deutschen Seemannsmission

Angriff vom 22. April: Besatzungen in iranischen Häfen festgesetzt

Besonders erschüttert ein Vorfall am 22. April. An diesem Tag werden drei Containerschiffe vom Iran angegriffen und zum Teil beschädigt. Zwei der Schiffe werden gekapert und in iranische Häfen gebracht. Die Besatzung sitzt dort bis heute fest. Lange Zeit gibt es kaum Informationen über ihren Zustand. Erst später bestätigen diplomatische Vertretungen, dass die Seeleute unverletzt seien und es ihnen den Umständen entsprechend gut gehe.

„Projekt Freiheit“: Hoffnungsschimmer oder trügerische Sicherheit

Anfang Mai gibt es dann einen ­kleinen Lichtblick, die Lage scheint sich kurzfristig zu entspannen. US-Präsident Donald Trump verkündet öffentlich, einen militärischen Schutzschirm namens „Projekt Freiheit“ einzurichten, der die sichere Durchfahrt durch die Straße von Hormus garantieren soll. Für viele Seeleute ist das zunächst ein Hoffnungsschimmer.

Doch dann wird kurz darauf das Containerschiff „CMA San Antonio“ massiv beschossen und schwer beschädigt. Acht Seeleute werden dabei verletzt.

Die Schiffswände sind dünn. Wenn eine Rakete oder eine größere Drohne einschlägt, schlägt sie einfach durch.

sagt Matthias Ristau

Das sorgt unter den Seeleuten für noch mehr Unsicherheit – vor allem wenn Sicherheitsgarantien mächtiger Staaten wie die der USA offenbar keinen verlässlichen Schutz bieten.

Versorgung zwischen Improvisation und Mangel – Crews im Ausnahmealltag

Die Versorgungssituation hat sich seit Beginn der Eska­lation etwas verbessert. Kleine Versorgungsboote fahren wieder hinaus zu den Schiffen – allerdings zu horrenden Preisen.

Manche Reedereien kümmern sich intensiv um ihre Crews: Sie organisieren zusätzliche Vorräte, schalten größere Internetkontingente frei oder sorgen für kleine Ablenkungen wie Videospielkonsolen. Andere Seeleute dagegen berichten auch über rationierte Mahlzeiten.

In dieser Situation „funktionieren“ viele Seeleute nur noch. Sie arbeiten ganz normal weiter, kontrollieren Maschinen und erledigen ihre Aufgaben. Die eigentliche Be­lastung zeigt sich oft erst später. „Es gibt diesen Effekt, dass Menschen sich äußerlich an schwierige Situationen gewöhnen, aber innerlich ­arbeitet die Angst weiter“, erklärt Ristau. Umso wichtiger sei später auch die psychologische Nachsorge – eine Unterstützung, die die Deutsche Seemannsmission den ­betroffenen Seeleuten und deren Familien ebenfalls anbietet.

Das Bild zeigt stilisiert die Straße von Hormus von Oben. Es ist eine Meeresenge zu sehen.
Unsplash+/Planet Volumes
Verletzte Seeleute und vereinzelte Schiffe konnten die Straße von Hormus verlassen.

Erste Heimkehrer: Kleine Momente der Hoffnung inmitten der Krise

Trotz allem gibt es auch kleine Zeichen der Hoffnung, denn die ersten verletzten Seeleute der „CMA San Antonio“ konnten bereits nach Hause auf die Philippinen zurückkehren und von ihren Familien in Empfang genommen werden – Momente voller Glück und Erleichterung.

Auch einige andere Schiffe verlassen inzwischen die Region, was allerdings ebenso risikoreich ist wie das Bleiben. Es gibt sogar Schiffe, die wieder in die Region hineinfahren. Doch unter welchen politischen oder wirtschaftlichen Bedingungen dies geschieht, bleibt oft unklar. Es gibt Spekulationen über Absprachen oder Vereinbarungen, über die nicht öffentlich gesprochen wird, aus Angst vor Sanktionen.

Warten als tägliche Realität: Hinter jeder Schlagzeile steht ein Mensch

Wie lange diese Krise mit ihren weltweiten Auswirkungen noch andauern wird, kann derzeit niemand vorhersagen. Auch Matthias Ristau vermeidet klare politische Bewertungen. „Bisher sieht es für mich nicht danach aus, dass alle Beteiligten wirklich auf einem guten diploma­tischen Weg sind“, sagt er ganz vorsichtig.

Und so bleibt für Tausende Seeleute vor allem eines: das Warten. Warten auf Sicherheit. Warten auf Entwarnung. Warten auf die Heimreise. Hinter all den politischen Schlagzeilen, militärischen Drohungen und wirtschaftlichen Interessen stehen Menschen. Menschen mit Familien, mit Hoffnungen, mit Verantwortung – und mit der Sehnsucht, ganz schnell wieder nach Hause zu kommen.