Vielerorts kippt der Ton: Pendler starren auf ihr Handy, statt einer älteren Dame den Platz anzubieten. Im Supermarkt drängelt sich jemand an der Mutter mit Kinderwagen vorbei, anstatt ihr den Vortritt zu lassen, in einer Dortmunder Stadtbahn bittet im Februar 2026 ein 46-Jähriger einen Mitfahrer, leiser zu telefonieren. Sekunden später zieht der Angesprochene ein Klappmesser und sticht zu. Viele spüren, dass der Umgang rauer wird. Wie lässt sich eine Kultur des Miteinanders wiederbeleben?
Vom Wir zum Ich – und was das anrichtet
Für Jonathan Lösel, Theologe, Autor und Vorsitzender des Deutschen Knigge-Rats, spiegelt die zunehmende Rücksichtslosigkeit „eine tiefere kulturelle Verschiebung”. „Unsere Gesellschaft richtet ihren Blick zunehmend vom Miteinander auf das Ich”, sagt er.
Der Wahrnehmungskorridor verengt sich – er fokussiert auf das eigene Empfinden, auf Bedürfnisse und Selbstverwirklichung.
sagt Jonathan Lösel
Das sei grundsätzlich ein Fortschritt, betont Lösel, „doch wenn dabei das Feingefühl für den anderen verloren geht, gerät das Gleichgewicht aus der Balance”. Gutes Benehmen beginne beim aufmerksamen Wahrnehmen des Gegenübers.
Wenn Reden zum Schlagabtausch wird
Besonders sichtbar werde dieser Wandel in der Kommunikation: „Wo Kommunikation vor allem zum Senden der eigenen Haltung wird, verliert sie ihren eigentlichen Sinn”, so Lösel. Ursprünglich bedeute Kommunikation, etwas zu teilen, gemeinsam Wirklichkeit zu gestalten. Heute werde sie zunehmend als Wettkampf verstanden – lauter, zugespitzter, polarisierter. „Widerspruch gilt nicht mehr als legitime Differenz, sondern als Angriff”, sagt er. Digitale Algorithmen verstärkten diesen Trend, weil sie Zuspitzung belohnen.
Gutes Benehmen als Haltung: Warum Umgangsformen mehr sind als Etikette
Diese Diagnose teilt Julia Rath, Benimmexpertin aus Stuttgart. „Gutes Benehmen ist in erster Linie eine Haltung gegenüber anderen Menschen”, sagt sie.
Es geht darum, sich in der Situation angemessen zu verhalten und das Gegenüber wahrzunehmen.
sagt Julia Rath
Umgangsformen seien keine bloßen Konventionen, sondern Ausdruck des Menschenbildes und des Verständnisses von Würde. „Ein guter Umgang ist der Kitt unserer Gesellschaft”, so Rath. Wenn gemeinsame Werte verblassen, schwinde auch das Gespür dafür, was „man einfach nicht macht”.
Freiheit braucht Grenzen: Warum Leitplanken Sicherheit schaffen
Wo Leitplanken fehlen, entsteht nicht nur Weite, sondern auch Unsicherheit.
sagt Jonathan Lösel
Viele verwechselten Freiheit mit Grenzenlosigkeit, sagt Lösel. Manieren seien kulturell bewährte Formen des Umgangs, entstanden aus dem Wunsch, „gesehen und in seiner Würde geachtet zu werden”. Schon Adolph Freiherr von Knigge, „Erfinder” der guten Manieren, sah darin weniger Etikette als Kunst des menschlichen Miteinanders. „Die Kunst besteht darin, sich geltend zu machen, ohne andere unerlaubt zurückzudrängen”, schrieb er. Ohne diese Haltung, warnt Lösel, könne aus einem harmlosen Hinweis schnell Gewalt werden.
Respekt beginnt im Alltag: Was jeder sofort tun kann
Laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag der DAK-Gesundheit empfinden 61 Prozent der Deutschen das soziale Miteinander als schlecht; 77 Prozent nehmen zunehmende Respektlosigkeit und Aggressivität wahr – vor allem im öffentlichen Raum und online. Eine große Mehrheit hält gute Manieren dennoch für essenziell.
Lösel und Rath sehen darin keinen Ruf zur Rückwärtswende, sondern Auftrag zur „Rekultivierung” – einer Wiederbelebung innerer Werte. „Es geht nicht darum, vergangene Formen zu restaurieren, sondern ihre Substanz neu zu beleben”, sagt Lösel. Im Wort Umgangsformen stehe der Umgang vor den Formen. „Und genau dort liegt der Schlüssel.”
Einfache Regeln für einen guten Umgang
- Blickkontakt
- Grüßen
- Kopfhörer abnehmen (im Gespräch)
- Im Digitalen hilft eine ehrliche Selbstprüfung: „Ist es wahr? Ist es gut? Ist es notwendig?”
Solche Gesten könnten Situationen entschärfen, bevor sie eskalieren, sind sich die Experten sicher. Vielleicht beginnt gesellschaftlicher Zusammenhalt tatsächlich so einfach: mit einem Gruß, einem Blick, einem Moment der Wahrnehmung – und der Frage: Verhalte ich mich wie der Mensch, dem ich gern begegnen möchte?