So wird man Europameister

Public Viewing, Autokorso, ein Fahnenmeer in Schwarz, Rot und Gold: David Kadel glaubt an das ­Sommermärchen bei der Heim-EM ‒ trotz der Turnierpleiten der letzten Jahre. Der Mentalitätscoach erklärt, warum Demut zum Erfolg führt. Von Claudio Murmann

EMH
David Kadel arbeitet als Mentalcoach mit Fußballern zusammen.

Gruppenletzter als amtierender Weltmeister: Die WM-Blamage 2018 ist David Kadel gut in Erinnerung geblieben. Er arbeitet als Mentalitätscoach mit Profifußballern zusammen und ist sich sicher: Fußball ist Kopfsache. „Wenn du Talent hast und du deinem Gegner auf Augenhöhe begegnest, dann entscheidet immer am Ende, wer stärker im Kopf ist.“ So war es auch bei den Turnierdebakeln der letzten Jahre. Kadels Urteil: Die Deutschen waren zu arrogant. „Wir dachten: ‚Naja, wir sind Weltmeister, das läuft von alleine.‘ Und das ist eben mangelnde Mentalität.“ Kadels Schlüssel zum Erfolg ist nicht Hoch-, sondern Demut. Diese Haltung zeigt er in seiner Arbeit als Coach. Er berät einzelne Spieler, aber auch ganze Mannschaften. Oft wird er im Abstiegskampf gebucht oder von Spielern, die von der Bank auf den Platz, von Liga zwei in Liga eins möchten. Seine Devise dabei: „Demütige Menschen kommen ganz nach oben, das ist biblisch.“ Sein Coaching orientiert sich an diesen Werten, ohne zu predigen. „Ich sage nicht: ‚Sei demütig, weil es in der Bibel steht‘, sondern ‚weil es dich besser macht, weil du dich dann hinterfragst und nicht denkst, du weißt schon alles.‘“

Er schätzt Fußballer mit Haltung, die nicht nur für ihre sportlichen Erfolge bewundert werden, sondern für das, was sie tun, wofür sie einstehen. Seine Inspiration dabei ist Jürgen Klopp, bis vor kurzem Trainer des FC Liverpools. Dort wurde er tränenreich verabschiedet. „Und warum? Nicht wegen der Titel, sondern weil er eine Wahnsinns-Persönlichkeit ist.“ Mit Klopp hat Kadel persönlich zusammengearbeitet. Gelernt habe der Mentalcoach aber mehr vom Erfolgstrainer als andersherum. Denn Klopp lebe nach den vier Ds – neben Demut sind das Dankbarkeit, Dienen und Durchhaltevermögen. Biblische Werte, sagt Kadel: „Wer redet denn heute davon? Niemand!“

Durchhaltevermögen haben auch Julian Nagelsmanns EM-Nominierte bewiesen. Statt den üblichen Verdächtigen von Borussia Dortmund und dem FC Bayern wurden Spieler belohnt, die erst seit einigen Monaten mit starken Leistungen in Erscheinung getreten sind. Für Kadel genau der richtige Schritt: „Das ist schon mutig, Leute rauszuschmeißen und zu sagen, ich nehme jetzt Leute, die keinen großen Namen haben. Wer kannte Maxi Mittelstädt, wer kannte Deniz Undav?“

Der gelernte Maschinenführer Undav beispielsweise hat vor vier Jahren noch beim SV Meppen in der dritten Liga gespielt. „Die Jungs werfen sich jetzt wirklich ins Feuer rein, für die ist es eine Ehre.“ Kadel findet: Das ist die richtige Mentalität für den EM-Erfolg. Dafür muss aber erst die Gruppenphase überwunden werden – schon das wurde bei den letzten Turnieren zur Hürde. An die Horrorvorstellung Vorrundenaus sollte die Nagelsmann-Elf aber gar nicht erst denken. Kadel warnt: Woran man denkt, das bekommt man auch. Der Fokus sollte daher nicht auf einer Blamage in der Gruppenphase liegen, sondern auf dem Sieg im Finale und der Feier samt Pokal auf der Fanmeile in Berlin. „Kinder freuen sich, erwachsene Männer weinen im Stadion, Frauen schminken sich schwarz-rot-gold“ – was könnte den Spielern mehr Lust machen, sich auf dem Platz zu beweisen, als die Chance, ein ganzes Land glücklich zu machen? Mit dem Publikum und der Euphorie im Rücken zum Sommermärchen 2.0 – David Kadel lässt es ganz greifbar klingen. Für ihn ist Deutschland sogar der Spitzenreiter für den EM-Titel. „Die Deutschen haben so viele Pluspunkte, die müssen es jetzt einfach nur noch tun.“