„Sind Sie der Sohn des Vaters?” Berthold Schenk Graf von Stauffenberg hat sich diese unbeholfene Frage oft anhören müssen. Ja, er ist der älteste Sohn des Hitler-Attentäters Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der am 20. Juli 1944 im Führerhauptquartier Wolfsschanze in Ostpreußen eine Bombe detonieren ließ. Und der wenige Stunden nach dem gescheiterten Attentat zusammen mit anderen NS-Widerstandskämpfern des 20. Juli hingerichtet wurde. Sie wollten mit ihrem Umsturzversuch Krieg und Terrorherrschaft der Nazis beenden.
Der junge Berthold hatte gerade die Aufnahmeprüfung für das Gymnasium in Bamberg bestanden, auf die er sich im Luftschutzkeller vorbereitet hatte. Während der Sommerferien, die er mit Mutter und Geschwistern bei der Großmutter in Lautlingen auf der Schwäbischen Alb verbrachte, hörte er am 21. Juli im Radio von „einem verbrecherischen Anschlag auf den Führer”. Auf seine Fragen hätten die Erwachsenen ausweichend geantwortet und ihn erst einmal auf einen Spaziergang geschickt, erzählt er.
Kurz nach der Hinrichtung des Vaters wurde in der Nacht vom 21. auf den 22. Juli seine Mutter verhaftet. Berthold, seine drei jüngeren Geschwister und weitere Jungen und Mädchen aus der Verwandtschaft galten als „Verräterkinder”. Sie kamen auf Veranlassung von Heinrich Himmler zusammen mit den Kindern anderer Widerstandskämpfer des 20. Juli ins niedersächsische Bad Sachsa, wo sie in einem Heim untergebracht wurden.
Von August 1944 bis Juni 1945 blieben er und seine Geschwister dort unter anderem Familiennamen, Erzieherinnen betreuten sie und schirmten sie völlig von ihrer Umwelt ab. Anfang April 1945, kurz vor Kriegsende, wurden die Kinder von Bad Sachsa aus in die nächstgelegene Stadt Nordhausen zum Bahnhof gefahren und sollten dort mit dem Zug ins KZ Buchenwald gebracht werden.
Doch der Plan der Nazis ging nicht auf: „Es gab einen Bombenangriff auf Nordhausen, daher fuhren von dort keine Züge mehr. So beschloss die Heimleiterin, dass wir wieder nach Bad Sachsa zurückfahren”, erzählt Stauffenberg. Im Juli 1945, nach einem Jahr Trennung, wurden er und seine Geschwister wieder mit der Mutter vereint - und lernten ihre jüngste Schwester kennen, die in der Haft geboren war.
Meine Mutter wusste, dass mein Vater im Widerstand war und etwas vorbereitet.
sagt Berthold Schenk Graf von Stauffenberg
Aber dass er der Mann gewesen sei, der das Attentat auf Hitler begehen würde, sei ihr nicht bekannt gewesen, habe sie ihrem Sohn nach dem Krieg erzählt. Ein Grund für seinen Vater, sich am Umsturzversuch zu beteiligen, sei sicherlich gewesen, „dass er gesehen hat, dass Hitler dieses Deutschland immer mehr ins Verderben führt”, sagt Berthold Schenk Graf von Stauffenberg.
Viele der älteren Offiziere hatten meinen Vater noch selbst gekannt und erlebt. Und ich fühlte mich natürlich immer verglichen.
sagt Berthold Schenk Graf von Stauffenberg
Noch einmal ein Blick auf die Kupferbüste: Ist sein Vater für ihn ein Held? „Ja, das würde ich schon sagen. Ich könnte nicht sagen, ob ich den Mut und die Entschlusskraft aufgebracht hätte, dies zu tun.” Und trotzdem sei es für ihn nicht leicht gewesen, ohne Vater aufzuwachsen, sagt der gläubige Katholik, oft habe er sich den Vater herbei gewünscht.
Und doch habe ich das große Glück, dass ich einen Vater habe, den wir nicht nur geliebt haben, sondern auf den man stolz sein konnte.
Berthold Schenk Graf von Stauffenberg
Sein Rat für die heutige junge „Letzten Endes kommt es darauf an, was man selber tut.” Es sei wichtig, dass man möglichst früh bereit sei, sich für das Wohl der Gesellschaft einzusetzen, selbst vieles in die Hand nehme und Verantwortung übernehme, auch im Blick auf die Demokratie: „Nur so kann eine Demokratie leben.”
Am 20. Juli 1944 versuchte eine Gruppe um Claus Schenk Graf von Stauffenberg (1907-1944), Adolf Hitler zu töten und einen Staatsstreich durchzuführen. Stauffenberg hatte dazu während einer Lagebesprechung im Führerhauptquartier „Wolfsschanze” bei Rastenburg (Ketrzyn, Polen) eine Bombe platziert. Die Explosion tötete vier Personen, Hitler überlebte jedoch und der Umsturzversuch scheiterte.
Nach Angaben des Bundesarchivs wurden in der Folgezeit mehr als 100 Personen wegen mutmaßlicher Beteiligung an der Planung und Umsetzung des Attentats verhaftet und vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt. Auch Familienangehörige der Beteiligten wurden in „Sippenhaft” genommen.
Stauffenberg, sein Adjutant Werner von Haeften (1908-1944), Friedrich Olbricht (1888-1944) und Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim (1905-1944) wurden noch in der Nacht auf den 21. Juli 1944 im Bendlerblock in Berlin-Tiergarten erschossen. Seit 1993 befindet sich dort der Berliner Sitz des Verteidigungsministeriums.