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Berthold Schenk Graf von Stauffenberg

Sohn des Hitler-Attentäters Stauffenberg: „Für mich ist mein Vater ein Held”

Das Attentat von Claus Schenk Graf von Stauffenberg auf Adolf Hitler ging in die Geschichte ein. Doch für seinen Sohn hat der 20. Juli 1944 noch eine andere Bedeutung: Es ist der Tag, nach dem in seiner Familie nichts mehr war wie zuvor. Von Uta Rohrmann und Judith Kubitscheck (epd)

Berthold Schenk Graf von Stauffenberg, aufgenommen zuhause in seinem Wohnzimmer in Oppenweiler, Baden-Württemberg (Foto vom 23. Juni 2025). Neben ihm steht die Kupferbüste seines Vaters Claus Schenk Graf von Stauffenberg.
epd-bild/Judith Kubitscheck
Berthold Schenk Graf von Stauffenberg, aufgenommen zuhause in seinem Wohnzimmer in Oppenweiler.

„Sind Sie der Sohn des Vaters?” Berthold Schenk Graf von Stauffenberg hat sich diese unbeholfene Frage oft anhören müssen. Ja, er ist der älteste Sohn des Hitler-Attentäters Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der am 20. Juli 1944 im Führerhauptquartier Wolfsschanze in Ostpreußen eine Bombe detonieren ließ. Und der wenige Stunden nach dem gescheiterten Attentat zusammen mit anderen NS-Widerstandskämpfern des 20. Juli hingerichtet wurde. Sie wollten mit ihrem Umsturzversuch Krieg und Terrorherrschaft der Nazis beenden.

Die Kindheit im Schatten des 20. Juli 1944

Der junge Berthold hatte gerade die Aufnahmeprüfung für das Gymnasium in Bamberg bestanden, auf die er sich im Luftschutzkeller vorbereitet hatte. Während der Sommerferien, die er mit Mutter und Geschwistern bei der Großmutter in Lautlingen auf der Schwäbischen Alb verbrachte, hörte er am 21. Juli im Radio von „einem verbrecherischen Anschlag auf den Führer”. Auf seine Fragen hätten die Erwachsenen ausweichend geantwortet und ihn erst einmal auf einen Spaziergang geschickt, erzählt er.

Eine Kupferbüste von Claus Schenk Graf von Stauffenberg und Familienfotos stehen im Wohnzimmer von dessen Sohn Berthold Schenk Graf von Stauffenberg
epd-bild/Judith Kubitscheck
Eine Kupferbüste von Claus Schenk Graf von Stauffenberg und Familienfotos stehen im Wohnzimmer von Berthold Schenk Graf von Stauffenberg.

„Es war der Papi“ – Die erschütternde Wahrheit für die Kinder

Die Mutter Nina Schenk Gräfin von Stauffenberg, die mit dem fünften Kind schwanger war, nahm ihre beiden Ältesten dann zur Seite: „Es war der Papi”, erfuhren die entsetzten Jungen. Er habe geglaubt, dass er es für Deutschland tun müsse, erklärte sie den Kindern.

Das war natürlich für meinen Bruder und mich ein Schock

erzählt der mittlerweile 91-Jährige Berthold Schenk Graf von Stauffenberg

Weil die Eltern Sorge hatten, dass die Kinder sich verplappern könnten, wussten sie nichts von der kritischen Haltung der Eltern gegenüber dem NS-Regime.

Rechts neben dem Kamin stehen auf einem hölzernen Tischchen eine Bronze-Büste seines Vaters und Schwarzweiß-Fotos, die den jungen Berthold mit seinem Vater und seinen Geschwistern zeigen. Es sind Erinnerungen an die ersten zehn Jahre seines Lebens, vor dem Ereignis, das alles veränderte.

Verräterkinder im NS-Regime: Die Internierung in Bad Sachsa

Kurz nach der Hinrichtung des Vaters wurde in der Nacht vom 21. auf den 22. Juli seine Mutter verhaftet. Berthold, seine drei jüngeren Geschwister und weitere Jungen und Mädchen aus der Verwandtschaft galten als „Verräterkinder”. Sie kamen auf Veranlassung von Heinrich Himmler zusammen mit den Kindern anderer Widerstandskämpfer des 20. Juli ins niedersächsische Bad Sachsa, wo sie in einem Heim untergebracht wurden.

Von Bad Sachsa ins KZ Buchenwald: NS-Plan scheitert

Von August 1944 bis Juni 1945 blieben er und seine Geschwister dort unter anderem Familiennamen, Erzieherinnen betreuten sie und schirmten sie völlig von ihrer Umwelt ab. Anfang April 1945, kurz vor Kriegsende, wurden die Kinder von Bad Sachsa aus in die nächstgelegene Stadt Nordhausen zum Bahnhof gefahren und sollten dort mit dem Zug ins KZ Buchenwald gebracht werden.

Doch der Plan der Nazis ging nicht auf: „Es gab einen Bombenangriff auf Nordhausen, daher fuhren von dort keine Züge mehr. So beschloss die Heimleiterin, dass wir wieder nach Bad Sachsa zurückfahren”, erzählt Stauffenberg. Im Juli 1945, nach einem Jahr Trennung, wurden er und seine Geschwister wieder mit der Mutter vereint - und lernten ihre jüngste Schwester kennen, die in der Haft geboren war.

Meine Mutter wusste, dass mein Vater im Widerstand war und etwas vorbereitet.

sagt Berthold Schenk Graf von Stauffenberg

Aber dass er der Mann gewesen sei, der das Attentat auf Hitler begehen würde, sei ihr nicht bekannt gewesen, habe sie ihrem Sohn nach dem Krieg erzählt. Ein Grund für seinen Vater, sich am Umsturzversuch zu beteiligen, sei sicherlich gewesen, „dass er gesehen hat, dass Hitler dieses Deutschland immer mehr ins Verderben führt”, sagt Berthold Schenk Graf von Stauffenberg.

Ein Porträt von Berthold Schenk Graf von Stauffenberg, aufgenommen zuhause in seinem Garten in Oppenweiler
epd-bild/Judith Kubitscheck
Berthold Schenk Graf von Stauffenberg, aufgenommen zuhause in seinem Garten.

Familie und Karriere bei der Bundeswehr

Nach dem Krieg reifte in ihm selbst der Entschluss, Offizier zu werden, obwohl noch nicht klar war, wann es in der Bundesrepublik wieder Streitkräfte geben würde. Im Mai 1956 wurde er dann ins Lehrbataillon der Bundeswehr aufgenommen, stieg auf bis zum Generalmajor. Er heiratete, drei Söhne kamen zur Welt. Seit 1965 ist Oppenweiler, die Heimat seiner Frau, der Hauptwohnsitz der Familie. Seine Entscheidung, Soldat zu werden, habe er nicht wegen seines Vaters, sondern trotz seines Vaters entschieden getroffen sagt er.

Viele der älteren Offiziere hatten meinen Vater noch selbst gekannt und erlebt. Und ich fühlte mich natürlich immer verglichen.

sagt Berthold Schenk Graf von Stauffenberg

„Mein Vater war ein Held“ – Berthold über Claus von Stauffenberg

Noch einmal ein Blick auf die Kupferbüste: Ist sein Vater für ihn ein Held? „Ja, das würde ich schon sagen. Ich könnte nicht sagen, ob ich den Mut und die Entschlusskraft aufgebracht hätte, dies zu tun.” Und trotzdem sei es für ihn nicht leicht gewesen, ohne Vater aufzuwachsen, sagt der gläubige Katholik, oft habe er sich den Vater herbei gewünscht.

Und doch habe ich das große Glück, dass ich einen Vater habe, den wir nicht nur geliebt haben, sondern auf den man stolz sein konnte.

Berthold Schenk Graf von Stauffenberg

Leben mit dem Erbe – und die Verantwortung für die Demokratie

Sein Rat für die heutige junge „Letzten Endes kommt es darauf an, was man selber tut.” Es sei wichtig, dass man möglichst früh bereit sei, sich für das Wohl der Gesellschaft einzusetzen, selbst vieles in die Hand nehme und Verantwortung übernehme, auch im Blick auf die Demokratie: „Nur so kann eine Demokratie leben.”

Hintergrund: Was geschah am 20. Juli 1944?

Am 20. Juli 1944 versuchte eine Gruppe um Claus Schenk Graf von Stauffenberg (1907-1944), Adolf Hitler zu töten und einen Staatsstreich durchzuführen. Stauffenberg hatte dazu während einer Lagebesprechung im Führerhauptquartier „Wolfsschanze” bei Rastenburg (Ketrzyn, Polen) eine Bombe platziert. Die Explosion tötete vier Personen, Hitler überlebte jedoch und der Umsturzversuch scheiterte.

Nach Angaben des Bundesarchivs wurden in der Folgezeit mehr als 100 Personen wegen mutmaßlicher Beteiligung an der Planung und Umsetzung des Attentats verhaftet und vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt. Auch Familienangehörige der Beteiligten wurden in „Sippenhaft” genommen.

Stauffenberg, sein Adjutant Werner von Haeften (1908-1944), Friedrich Olbricht (1888-1944) und Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim (1905-1944) wurden noch in der Nacht auf den 21. Juli 1944 im Bendlerblock in Berlin-Tiergarten erschossen. Seit 1993 befindet sich dort der Berliner Sitz des Verteidigungsministeriums.