Es ist inzwischen ein festes Ritual, kurz vor Anpfiff in der MHP-Arena, dem früheren Neckarstadion. Die Zuschauer erheben sich von ihren Sitzen, recken die weiß-roten Schals nach oben und stimmen ein in die Hymne „Stuttgart kommt“: „Der ganze wilde Süden strahlt in Weiß und Rot, der Neckar, der wird weiterfließen, du wirst weiter Tore schießen“, erklingt Wolle Kriwaneks Stimme über die große Videoleinwand und hallt es aus knapp 60.000 Kehlen durch das weite Rund.
So war dem Musiker wichtig, dass die Anhänger sich damit auch identifizieren können. „,Die Stimmung im Stadion kommt aus der Fankurve, nicht von der Haupttribüne‘, war immer seine Aussage“, berichtet Benjamin Kriwanek. Und dem wollte er damit Tribut zollen. Im Urlaub, am Strand von Kroatien, entstand dann „Stuttgart kommt“.
Doch die wechselhafte Geschichte des Vereins und die sportliche Inkonstanz spiegelte sich auch in der Musik wider – so richtig etablieren konnten sich damals weder „Stuttgart kommt“ noch alle anderen nachfolgenden Hymnen, die der Verein mehr oder weniger wahllos aus den Stadionlautsprechern dudelte.
Bis zum Saisonauftakt 2022/2023, als plötzlich wieder Wolle Kriwaneks Hymne aufgelegt wurde – und die Renaissance für nostalgische Begeisterung sorgte. Nachdem auch das „Commando Cannstatt“, die größte Ultragruppe des Vereins, sich nachhaltig für eine Wiederbelebung des Stückes eingesetzt hatte, wird es seitdem als festes Ritual vor jedem Anpfiff aufgelegt.
Ich freue mich, dass das Lied jetzt so eine Würdigung erfährt, denn man kann einem Menschen wohl kein größeres Denkmal setzen.
sagt Benjamin Kriwanek
Gleichzeitig kommt für ihn bei jedem Mal, wenn die Stimme seines Vaters erklingt, auch immer der 20. April 2003 wieder ins Gedächtnis. „Beides kann ich nicht voneinander trennen“, sagt er. An diesem Tag starb Wolle Kriwanek völlig überraschend an einem Aneurysma, zuhause, bei seiner Frau Irmgard und seinem Sohn. Die Erinnerung daran taucht bei Benjamin mit jeder Liedzeile erneut auf, und so schafft er es normalerweise nicht, selbst mitzusingen. Gleichzeitig ist er dankbar für all das, was ihm sein Vater hinterlassen und an Werten vermittelt hat.
Fest steht: Was Wolle Kriwanek tat, machte er aus vollem Herzen. Und vielleicht liegt darin das Geheimnis des Erfolgs von „Stuttgart kommt“ begründet. Einer Hymne, von der Benjamin Kriwanek nie geahnt hätte, „dass sie solche Dimensionen annimmt“.
Das Lied ist identitätsstiftend – und es spiegelt die Liebe und Treue zum Verein und zu seinen Fans wider, die er auf Augenhöhe gesehen hat.
sagt Benjamin Kriwanek