Direkt zum Inhalt
VfB-Hymne

„Stuttgart kommt“: Wolle Kriwaneks VfB-Vermächtnis

Wenn in der MHP‑Arena die Stadionhymne „Stuttgart kommt“ erklingt, wird aus einem Fußballmoment ein Stück gelebte Erinnerungskultur. Für zehntausende Fans des VfB Stuttgart ist das Lied pure Gänsehaut – für Benjamin Kriwanek jedoch weit mehr: eine Verbindung zu seinem Vater Wolle Kriwanek, der die Hymne einst schrieb. Von Franciska Bohl

Blick von der Zuschauertribüne auf die MHP-Arena in Stuttgart bei einem Fußballspiel. Fans halten Schaals und Flaggen mit dem VfB-Logo hoch.
privat/Franciska Bohl

Gänsehaut vor dem Anpfiff: Ritual in der Stuttgarter MHP‑Arena

Es ist inzwischen ein festes Ritual, kurz vor Anpfiff in der MHP-Arena, dem früheren Neckarstadion. Die Zuschauer erheben sich von ihren Sitzen, recken die weiß-roten Schals nach oben und stimmen ein in die Hymne „Stuttgart kommt“: „Der ganze wilde Süden strahlt in Weiß und Rot, der Neckar, der wird weiterfließen, du wirst weiter Tore schießen“, erklingt Wolle Kriwa­neks Stimme über die große Videoleinwand und hallt es aus knapp 60.000 Kehlen durch das weite Rund.

Benjamin Kriwanek lehnt an einer Wand, auf der groß das VfB-Logo angebracht ist. Er trägt ein weißes T-Shirt und einen roten VfB-Schaal. Der junge Mann lächelt in die Kamera.
privat/Franciska Bohl
Benjamin Kriwanek

Der VfB ist mein Verein

sagt Benjamin Kriwanek

Es sind Gänsehautmomente, auch für Benjamin Kriwanek. Der heute 43-Jährige hat die Liebe zu seinem Verein von seinem Vater quasi in die Wiege gelegt bekommen. „Der VfB war immer schon da und einfach mein Verein“, erzählt er und zeigt ein altes privates ­Video aus dem Jahr 2007, als der VfB beim Auswärtssieg im Bochumer Ruhrstadion den Weg zur Deutschen Meisterschaft ebnete.

Als der DFB das falsche Lied spielte

Weitere Fotos zeigen Wolle Kriwanek mit dem DFB-Pokal in der Hand, aus dem Jahr 1997. So glücklich er als VfB-Fan auf den Bildern strahlt, so dubios war die Situation damals, berichtet Benjamin Kriwanek mit einem Schmunzeln. Denn eigentlich war geplant, dass beim Finale in Berlin die Stadionhymne „Stuttgart kommt“ laufen sollte – doch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hatte das falsche Stück aufgelegt. Entsprechend verärgert war der schwäbische Musiker damals.

Wer war Wolle Kriwanek?

Wolfgang „Wolle” Kriwanek (1949-2003) war ein Rockmusiker, der mit schwäbischen Texten bekannt wurde. Als Sonderschullehrer setzte er sich für benachteiligte Menschen ein, organisierte private Kleiderspenden und Wildcampen mit Schülern aus schwierigen Verhältnissen. Als Christ war er vielseitig diakonisch engagiert.

Sein Lied „Stuttgart kommt!” gibt es hier auf Youtube anzuhören

Wie die VfB-Hymne „Stuttgart kommt“ entstand

Trotz Zwischenfällen wie diesem: Die heutige Erfolgsgeschichte von Wolle Kriwaneks Stadionhymne ist ebenso beeindruckend wie über­raschend. Denn das Stück hatte er bereits Mitte der 1990er-Jahre komponiert. Damals suchte der VfB ein Lied, „das die Fans mitsingen könnten“, so wünschte es sich das damalige VfB-Vorstandsmitglied Ulrich Schäfer. Zunächst sollte Wolle Kriwanek bei dem Projekt nur in be­ratender Funktion unterwegs sein. Doch am Ende komponierte er das Stück selbst – obwohl er, so Benjamin Kriwanek, „riesigen Respekt vor dieser Aufgabe hatte“.

So war dem Musiker wichtig, dass die Anhänger sich damit auch identifizieren können. „,Die Stimmung im Stadion kommt aus der Fankurve, nicht von der Haupttribüne‘, war immer seine Aussage“, berichtet Benjamin Kriwanek. Und dem wollte er damit Tribut zollen. Im Urlaub, am Strand von Kroatien, entstand dann „Stuttgart kommt“.

Warum die Hymne bis 2022 in Vergessenheit geriet

Doch die wechselhafte Geschichte des Vereins und die sportliche Inkonstanz spiegelte sich auch in der Musik wider – so richtig etablieren konnten sich damals weder „Stuttgart kommt“ noch alle anderen nach­folgenden Hymnen, die der Verein mehr oder weniger wahllos aus den Stadionlautsprechern dudelte.

Bis zum Saisonauftakt 2022/2023, als plötzlich wieder Wolle Kri­wa­neks Hymne aufgelegt wurde – und die Renaissance für nostalgische ­Begeisterung sorgte. Nachdem auch das „Commando Cannstatt“, die größte Ultragruppe des Vereins, sich nachhaltig für eine Wieder­belebung des Stückes eingesetzt hatte, wird es seitdem als festes ­Ritual vor jedem Anpfiff aufgelegt.

Zwischen Stolz und Schmerz: Was die Hymne für Benjamin Kriwanek bedeutet

Ich freue mich, dass das Lied jetzt so eine Würdigung erfährt, denn man kann einem Menschen wohl kein größeres Denkmal setzen.

sagt Benjamin Kriwanek

Gleichzeitig kommt für ihn bei jedem Mal, wenn die Stimme seines Vaters erklingt, auch immer der 20. April 2003 wieder ins Gedächtnis. „Beides kann ich nicht voneinander trennen“, sagt er. An diesem Tag starb Wolle Kriwanek völlig überraschend an einem Aneurysma, zuhause, bei seiner Frau Irmgard und seinem Sohn. Die Erinnerung daran taucht bei Benjamin mit jeder Liedzeile erneut auf, und so schafft er es normalerweise nicht, selbst mitzusingen. Gleichzeitig ist er dankbar für all das, was ihm sein Vater hinterlassen und an Werten vermittelt hat.

Fest steht: Was Wolle Kriwanek tat, machte er aus vollem Herzen. Und vielleicht liegt darin das Geheimnis des Erfolgs von „Stuttgart kommt“ begründet. Einer Hymne, von der Benjamin Kriwanek nie geahnt hätte, „dass sie solche Dimensionen annimmt“.

Das Lied ist identitätsstiftend – und es spiegelt die Liebe und Treue zum Verein und zu seinen Fans wider, die er auf Augenhöhe gesehen hat.

sagt Benjamin Kriwanek