Zweimal erklingt derselbe tiefe Ton, dann schwingt sich die Melodie in zwei großen Schritten hinauf zur Oktave – seit dem Mittelalter das Symbol Gottes in der Musik. Eindeutiger könnte ein Beginn nicht sein als in dem Choral „Sonne der Gerechtigkeit“, zumal die ersten vier Noten mit ihrer relativen Länge eine Statik ausstrahlen, die in starkem Kontrast zur nachfolgenden, gedehnten melodischen Floskel auf dem Rest des Wortes „Gerechtigkeit“ steht.
Statik und Dynamik, Ernst und Freude, Majestät und Leichtigkeit, all das verbindet sich in diesem Lied, das die Sonne klingend in Szene setzt. Nach dem Aufschwung des Anfangs kehrt die Melodie über mehrere Stufen wieder zu ihrem ursprünglichen Ton zurück. Ein Kreislauf schließt sich in den Noten, so wie der Kreislauf des Tages vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang sich rundet.
Doch bevor der Sonne in der Bibel und in den liturgischen Gesängen des Christentums gehuldigt werden konnte, musste sie als Symbol etabliert werden. So selbstverständlich, wie das aus heutiger Perspektive wirkt, vor allem wenn man die eingängige Melodie von „Sonne der Gerechtigkeit“ im Ohr hat, ist das aber keineswegs, betritt man doch den Bereich der naturnahen arkanen Kulturen.
Bereits im alten Ägypten, später auch in den Kulturen des antiken Griechenland und Rom wurde die Sonne als eigenständige, personalisierte Gottheit in einem polytheistischen Umfeld verehrt. Für das frühe Christentum war es also zunächst eher fernliegend, einem solchen „Götzen“ zu huldigen. Erst als die Kirchenväter in den ersten Jahrhunderten nach Jesu Geburt den Sonn-Tag als Tag des Herrn festlegten, war der Weg frei für die christliche Feier der Sonne.
Vor allem Franz von Assisi war mit seinem 1225 geschriebenen „Sonnengesang“ wegweisend. Darin wird die Sonne als „Bruder“ und als „Geschöpf Gottes“ besungen und gelobt. Interessant ist, dass der Sonne hier zugleich eine herausgehobene Stellung zugewiesen wird: „strahlend mit großem Glanz; von Dir, Höchster, ein Sinnbild“. Die Sonne wird als ein Geschöpf Gottes bezeichnet, zugleich als Ebenbild des Schöpfers stilisiert.
Im Gesangbuch findet sich eine modernisierte Version des „Sonnengesangs“ unter dem Titel „Laudato si“ (EG 515), die mit ihren vielen Tonwiederholungen und dem synkopierten Rhythmus, der die Betonungen gegen das Taktempfinden setzt, fast schon Ohrwurm-Charakter hat. Sowohl im franziskanischen Original des Mittelalters als auch in dieser sehr eingängigen modernen Fassung wird ein Zusammenwirken vieler göttlicher Schöpfungen thematisiert: Der Mensch ist mit der Natur und den Gestirnen in einem Einklang, lebt als Teil einer großen Einheit, in der der Sonne eine zentrale Bedeutung zukommt.
Spätestens seit der Zeit des Neuen Testaments ist die Aneignung des Sonnensymbols im Christentum vollzogen. Das Leiden und Sterben sowie die Grablegung von Jesus werden als „wahrer Sonnenuntergang“ betrachtet, seine Auferstehung ist der „reine Sonnenaufgang“. Somit wird Jesus Christus zum „Sol in-victus“, zur unbesiegbaren Sonne, und in vielen Liedern des Gesangbuchs wird die Sonne in der Folge als Sinnbild der christlichen Erlösungshoffnung gedeutet.
Im österlichen Choral „Frühmorgens, da die Sonn aufgeht“ (EG 111) wird das hörbar, vor allem die siebte und achte Strophe sind hier wichtig, wenn das Reich Gottes verkündet wird und die Freude des Gläubigen thematisiert wird, die nur durch Jesu Opfer möglich wird.
Musikalisch wird das in diesem Choral auf zwei Ebenen verdeutlicht. Rhythmisch wird hier ein Dreier-Takt gewählt, der vordergründig tänzerisch und freudig wirken mag, aber auch theologisch zu verstehen ist: Erst durch Tod und Auferstehung wird der Mensch Jesus zum göttlichen Christus, und die singende Gemeinde spürt das im deklamatorischen Gesang und dem einprägsamen rhythmischen Gefüge in der göttlichen Drei-Zahl.
Eine gewisse Ambivalenz wird hier allerdings ebenfalls deutlich. Auch wenn die Sonne mit Christus gleichgesetzt wird und als Zeichen der Hoffnung verstanden wird, schwingt darin auch eine dunkle Seite mit, nicht nur im mitzudenkenden Passionsgeschehen. Die Sonne kann auch abwesend sein. Kälte, Dunkelheit, Lebensfeindlichkeit machen sich dann auf der Erde breit.
Im christlichen Kontext wäre das die Abwesenheit von Glauben, Frieden und Gerechtigkeit als zentralen Tugenden. In sehr barockem Duktus erzählt davon das Lied „Herr Jesu, Gnadensonne“ (EG 404). Das Leben wird hier als fortwährender Gottesdienst besungen, der Gläubige bedarf der Hinwendung zu Gott, um seine natürlichen Triebe, aber auch das Böse und die Erbsünde in sich zu bändigen und ein Leben im Sinne der Gottes- und Nächstenliebe leben zu können. Nur wer sich der „Gnadensonne“ zuwendet, erfährt die Anwesenheit und Liebe Gottes und kann Teil der „Gerechtigkeit“ werden.
Mal in barocker Manier („Die Sonn hoch an dem Himmel steht“, EG 459), mal in modernem Gewand („Komm, göttliches Licht“, EG 575) wird diese Lehre verkündet. Aus den Evangelien wird die Botschaft abgeleitet, dass Jesus von Gott in diese Welt geschickt wurde, um als „Licht der Welt“ zu wirken, um die göttliche Botschaft neu zu verkünden und den Menschen für alle Zeit ein Vorbild zu sein.
Deshalb fällt die Geburt Jesu in die dunkle und kalte Jahreszeit, er ist das „Licht, das in die Welt gekommen“ (EG 592) ist, und fordert die Menschen auf, sich auf die Suche nach Licht und Erleuchtung zu machen. Wieder wird Jesus mit der Sonne gleichgesetzt, wieder wird das Licht der Sonne als göttliche Erleuchtung verstanden: „Strahlen brechen viele aus einem Licht“ (EG 268).
Die Sonne ist also der göttliche Fixstern, an dem sich der Gläubige in seinem Handeln und Leben orientiert.