Synästhesie habe zwar für sie keine negativen Aspekte, doch die Reizoffenheit verlangt Betroffenen viel ab. Deswegen ist für sie ein Tag in der Stadt oder das Reisen nicht aufgrund ihrer Synästhesie anstrengend, sondern weil ihr Gehirn Reize nicht so effektiv filtert, wie es bei neurotypischen Menschen der Fall ist.
Ich muss einfach anerkennen, dass mein Gehirn pro Tag mehr produziert und mehr zu verarbeiten hat. Das macht mich natürlich müde und manche Dinge kann ich vielleicht deswegen nicht so genießen wie andere. Aber dafür bin ich sehr empathisch, kreativ und hab eine Menge Inspiration für Kunst
sagt Maike Preißing
Synästhesie ist Teil der Neurodiergenz
Synästhesie ist in den meisten Fällen angeboren und fällt unter den Oberbegriff Neurodivergenz. Insgesamt gibt es mindestens 75 verschiedene Arten hiervon, wobei Maike Preißing ungefähr mit zehn davon ausgestattet ist. Ihre Mutter habe es bei ihr in der Grundschule festgestellt und unnachgiebig über die bunte Welt der Synästhesie ihrer Tochter geforscht. Viele der auffälligen genetisch bedingten Variationen beeinflussen die Verknüpfung von Nervenzellen im Gehirn und die Schaltkreise sind einfach anders verkabelt.
So wirkt sich Synästhesie aus
Wenn Maike Preißing etwas hört, sieht sie zum Beispiel gleichzeitig auch dynamische Farbformen mit ihrem inneren Auge. Das Gleiche gilt für Gerüche, Schmerzen, Berührungen. Alle Sinneserlebnisse haben für sie noch eine visuelle Komponente. Hinzu kommt ihre Ticker-Tape-Synästhesie, wodurch sie eine Art Untertitel in ihrem inneren Auge sieht. Das Lustige: Sie unterscheiden sich in der Schriftart je nach Länderdialekt.
Manche Menschen, berichtet sie, schmecken zum Beispiel Geräusche oder Stimmen. Das nennt sich „lexikal-gustatorische Synästhesie“ und ist eine der sehr seltenen Formen.
Synästhesie ist auch belastend
Neben der faszinierenden Besonderheit, die Welt auf diese Art wahrzunehmen, kann sie auch eine Belastung mit Folgen für die Lebensführung sein: Da schmeckt die Stimme eines Gegenübers nach Käsekuchen, was ja noch angenehm ist. Unangenehmer aber wird es, wenn das Gegenüber nett ist und nach etwas Scheußlichem schmeckt. Oder wenn ein Besuch im Restaurant mit vielen anderen Menschen zur Geschmacksüberflutung führt.
Eine weitere Form, die belasten kann, ist die Mirror-Pain-Synästhesie: Von ihr betroffene Menschen fühlen die Schmerzen von anderen, als wären es ihre eigenen. Sie spüren die Berührung oder den Schmerz bei der Beobachtung der anderen Person im eigenen Körper, weil die Spiegelneuronen ihres Gehirns keine Unterscheidung treffen.
Maike Preißig nutzt die Synästhesie für Positives
Eine Einschränkung, die nicht auf Maike Preißing zutrifft. Ganz von ihrer Synästhesie inspiriert betätigt sich die temperamentvoll wirkende Psychologin nun auch künstlerisch: Vor ihrem inneren Auge entsteht täglich die Grundlage für ihre Werke, zum Beispiel über das Geräusch von Schnarchenden oder über Regelschmerzen. Maike Preißing nutzt den tatsächlichen Moment, in dem sie die dynamischen Farbformen vor ihrem inneren Auge speichert und auf ihren Laptop überträgt.
Aufklärung ist dringend erforderlich, denn unsere Welt, deren Wahrnehmung und das Gehirn sind so viel komplexer, als wir oft glauben.
sagt Maike Preißing
Sie engagiert sich mittlerweile auch im Vorstand der Britischen Synästhesiegesellschaft UKSA, ist auf Synästhesie spezialisiert und tauscht sich als Psychologin auf diesem Gebiet wissenschaftlich aus. Ihre Erfahrungen teilt sie in regelmäßigen Podcastfolgen, auf Social Media, auf ihrer Website und im Kontakt mit Hilfe suchenden Menschen.
Neurodivergenz ist ein wichtiger Teil unserer menschlichen Population mit so vielen, unterschiedlich ausgestatteten Gehirnen. Wer sich damit auseinandersetzt, erfährt viel über sich selbst.