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Dienstkleidung bei Pfarrern

Talar ade? Warum sich Pfarrer heute moderner präsentieren

Der Talar gehörte lange selbstverständlich zum Pfarrer. Doch besonders jüngere Geistliche distanzieren sich zunehmend von der traditionellen Amtstracht und setzen auf lockerere Kleidung auf Augenhöhe. Von Matthias Pankau (epd)

Auf einer Wiese steht ein Kleiderständer an dem drei Talare hängen. Ein Talar hat eine bunte Stola um die Schultern, einer ist weiß und einer schwarz
epd-bild/Hans Scherhaufer

Die Mitgliederzahlen der beiden großen Kirchen in Deutschland sinken dramatisch. Allein im vergangenen Jahr traten rund 345.000 Menschen aus der evangelischen und weitere 322.000 aus der katholischen Kirche aus – zusammen entspricht das einer Stadt von der Größe Stuttgarts oder Leipzigs.

Zeitgemäße Kirche: Wie Pfarrer gegen den Mitgliederschwund kämpfen

Was tun gegen den Schwund? Eine Antwort lautet: zeitgemäßere Formen finden. Dazu gehört für jüngere Pfarrerinnen und Pfarrer auch die Kleidung. Seit mehr als 200 Jahren ist der schwarze Talar die offizielle Amtstracht evangelischer Pfarrer – geregelt im Paragraf 36 des Pfarrdienstgesetzes. Der Talar sei das sichtbare Zeichen des Amtes. Allerdings gebe es Ausnahmen, etwa bei Gottesdiensten im Freien oder bei Jugendgottesdiensten. Dort könne auf den Talar verzichtet werden: „Dies geschieht aus praktischen Gründen oder weil die Form des Gottesdienstes es nahelegt.“

Im Regelfall predigen Pfarrer im Talar

sagt eine EKD-Sprecherin 

Geschichte des Talars

Eingeführt wurde der Talar 1811 auf Anordnung des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III – „um der Gleichförmigkeit Willen“. Schwarz war damals modisch und so entstand die weitärmelige, knöchellange und dunkle Dienstkleidung der evangelischen Pfarrer. Bis heute gilt der Talar in allen 20 Gliedkirchen der EKD als verbindlich.

Talar oder Alltagskleidung? Kleidungsvorschriften in den Landeskirchen

Für die konkrete Ausgestaltung dieser Vorschriften haben die EKD-Gliedkirchen ihre eigenen Rege­lungen. So ist der Talar etwa in der Evangelischen Landeskirche in Württemberg ausschließlich ordinierten Pfarrpersonen vorbehalten. In der Evangelischen Landeskirche in Baden hingegen dürfen ihn auch Diakone und sogar Prädikantinnen sowie Prädikanten tragen. Beide Kirchen betonen jedoch, dass der Verzicht auf den Talar bei Pfarrerinnen und Pfarrern die Ausnahme darstellt.

Evangelische Kirche im Wandel

Nach Einschätzung des Heidelberger Theologieprofessors Fritz Lienhard bleibt der Talar im landeskirchlichen Bereich dennoch Standard; schließlich verleihe er der Predigt die nötige Autorität. Gleichzeitig beobachtet Lienhard auch einen tiefgreifenden Wandel:

Früher erinnerte die evangelische Kirche an eine Behörde – es war eine starke Institution. Heute entwickelt sie sich zunehmend zu einer Or­ganisation, vergleichbar mit einer Nichtregierungsorganisation (NGO).

sagt Fritz Lienhard

Dieser Wandel zeige sich auch in der Kommunikation. So setze man heute auch in den Landeskirchen stärker auf Interaktion. Es gehe um eine Kommunikation, die auf Augenhöhe stattfindet, so Lienhard. Aus diesem Grund predigten auch zunehmend mehr Pfarrer nicht mehr von der Kanzel, die traditionell über den Köpfen der Gemeinde thront, sondern vom Altar oder einem Lesepult aus. Sie empfänden die Kanzel als Symbol einer „starken Machtasymmetrie zwischen Pfarrperson und Gemeinde“. Das sei heute vielfach nicht mehr gewünscht.

Ein Prediger steht auf einer Bühne, er trägt Jeans mit Löchern, ein T-Shirt und ein offenes Hemd drüber. Seine rechte Hand ist in die Höhe gehalten, in seiner linken Hand hält er ein Mikrophon. Neben ihm steht eine Frau, die ebenfalls ein Mikrophon in der Hand hält.
Unsplash/Claudia Raya
Predigen in Jeans mit Löchern und T-Shirt: Das ist in Freikirchen möglich.

Freikirchen ohne Talar: Moderner Auftritt als Nähebekenntnis

In vielen Freikirchen wird die Kleiderordnung schon länger leger gehandhabt. Dort ist der Talar zumeist unbekannt. Viele Pastoren und Pastorinnen wollen durch eine moderne und zwanglose Kleidung im Gottesdienst Nähe zur Gemeinde signalisieren. Ob Anzug, Kleid oder Jeans mit Hemd – das Anliegen bleibt gleich: Distanz zur Gemeinde soll gar nicht erst entstehen.

Kommunikation auf Augenhöhe: Vom Talar zur Alltagskleidung

In den Landeskirchen findet der Trend zur Verkündigung auf Augenhöhe also mittlerweile nicht nur auf kommunikativer Ebene, sondern auch im äußeren Erscheinungsbild seinen Ausdruck: weniger Amtstracht, mehr Alltag, weniger Predigt von oben, mehr auf Augenhöhe. Ob sich durch den Anzug anstelle des Talars und einen veränderten Auftritt allerdings der Mitgliederschwund aufhalten lässt, bleibt fraglich – und wird sich erst in den ­kommenden Jahren zeigen.