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Verunsicherung

Telefonseelsorge: Ein offenes Ohr für Menschen in Not

Bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Telefonseelsorge Stuttgart laufen viele Sorgen und Nöte auf. Einblick in eine Beratungsstelle, die auch ein Spiegelbild der Gesellschaft ist. Von Franciska Bohl und Katharina Hirrlinger

Eine Frau (Martina Rudolph-Zeller) sitzt an einem Schreibtisch. Im Hintergrund sind zwei Bildschirme zu sehen.
Foto: Julian Rettig
Martina Rudolph-Zeller leitet die Telefonseelsorge Stuttgart.

In Krisen und Notsituationen ist die Telefonseeslorge ein wichtiger Anlaufpunkt für Menschen. Martina Rudolph-Zeller ist Leiterin der Telefonseelsorge Stuttgart – Sie erinnert sich bis heute an einen Anruf, der sie besonders berührt hat. Eine junge Lehrerin, die unter Selbstzweifeln litt, von vielen gescheiterten Beziehungen erzählte und sich von anderen Menschen zurückgezogen hatte konnte durch das Gespräch mit ihr Trost finden. „Als ich ihr gegenüber offen äußerte, dass sie vermutlich an einer Depression erkrankt sei, reagierte sie mit Erleichterung und Dankbarkeit“, erzählt Rudolph-Zeller. Gemeinsam überlegten sie dann, wo es einen Therapieplatz für sie geben könnte.

Es tat ihr gut, dass jemand ihren Zustand ernst genommen hat.

sagt Martina Rudolph-Zeller

Auch Beate, die sich seit 15 Jahren bei der Telefonseelsorge ehrenamtlich engagiert, erinnert sich noch gut an zwei Anrufe. Einmal habe sich ein Kind gemeldet, das von seinem Vater missbraucht wurde. Nach langem Schweigen erst vertraute sich das Mädchen ihr an. Beate nannte ihr dann verschiedene Anlaufstellen, an die sie sich wenden konnte. Ein andermal sei eine verurteilte Straftäterin in der Leitung gewesen, die auf dem Weg in die Vollzugsanstalt anrief.

Rund 40 Anrufe gehen bei der Telefonseelsorge Stuttgart täglich ein. Das sind jährlich 13.000 Anrufe. Circa 100 Ehrenamtliche engagieren sich in ihrer Freizeit als Telefonseelsorgerinnen und -seelsorger.

Die Telefonseelsorge ist ein Angebot der Evangelischen und Katholischen Kirche in Deutschland ist rund um die Uhr unter 0800-111-0111 erreichbar.

Warum rufen die Menschen bei der Telefonseelsorge an?

Inhaltlich, sagt Martina Rudolph-Zeller, sind es seit vielen Jahren und Jahrzehnten ähnliche Probleme, die die Menschen beschäftigen. Allerdings würden diese, so ihre Empfindung, die Menschen heute viel mehr belasten als früher. In erster Linie stehen vor allem private Krisen im Mittelpunkt: Trennungen, Scheidung, Verlust des Arbeitsplatzes, eine Krankheitsdiagnose oder auch Einsamkeit. „Wir haben Anrufer oder Anruferinnen, die sagen: ‚Sie sind heute mein einziger menschlicher Kontakt‘“, erzählt Beate. Die Telefonseelsorge ist kein Problemlöser, aber ein erster Schritt wieder klarer zu sehen.

Wir stellen hier fest: Es gibt kein Leben ohne Brüche. Es gibt kein Leben ohne Scheitern. Es gibt kein Leben ohne dunkle Punkte

sagt Martina Rudolph-Zeller

In den Dialogen, betont Rudolph-Zeller, nehmen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Telefonseelsorge nicht die Position der Ratgeber ein. Vielmehr bieten sie „einen geschützten Raum, in dem alles ausgesprochen werden und so stehen bleiben darf“. Rudolph-Zeller bezeichnet es als „Entlastungsgespräche“, durch die die Menschen spürbar ruhiger werden, weil sie reden können und verstanden werden. „Und oft kommen sie am Ende selbst drauf, was ihnen gut tun könnte.“

Eine Frau (Beate) sitzt an einem Schreibtisch, sie hält einen Telefonhörer in der Hand und lächelt.
Foto: Julian Rettig
Beate engagiert sich seit 15 Jahren bei der Telefonseelsorge.

Hoffnung durch Humor 

„Wenn wir es schaffen, ein bisschen Humor mit ins Gespräch reinzubringen, sodass der Anrufer merkt, ‚Ich kann mein Leben auch aus einer anderen Perspektive sehen‘, dann wird es leichter“, erklärt Beate. Oftmals komme der Spaß durch die Anrufenden. „Die sind selbst verblüfft, dass es auch geht, die Dinge heller zu sehen und über das eigene Thema zu lachen.“ Das gelinge natürlich nicht immer. „Manche Themen sind zu dramatisch, da kann man nicht lachen“, sagt Beate.

 

Das gibt Halt in unsicheren Zeiten

Verunsicherung sei ein großes Thema, zunehmende Angst die Steigerung davon. Die Kunst dabei sei es, möglichst realistisch auf die Situation zu blicken: Ist es wirklich so gefährlich in dieser Welt geworden, dass man sich nicht traut, in die Innenstadt zu gehen? Der rationale Blick sei hilfreich, „dadurch relativiert sich vieles“.

6 Tipps von der Expertin für mehr Stabilität im Leben:

  • soziale Kontakte pflegen
  • Rituale oder Feste wie Weihnachten und Ostern feiern
  • Bewegung – am Besten in der Natur
  • Glaube
  • selbst aktiv werden durch Hobbys
  • Engagement im Verein

Martina Rudolph-Zeller ist davon überzeugt, „dass in den Menschen ganz viel Kraft steckt“. Sie beobachtet jedoch auch, dass in einer Welt mit ihren scheinbar unendlichen Möglichkeiten Themen wie Schmerz, Tod und Endlichkeit immer weniger akzeptiert werden. So, als wäre alles möglich und als ließe sich alles perfektionieren. Gerade die Frustrationstoleranz sei spürbar gesunken.

Abstand und Selbstfürsorge für die Telefonseelsorger

Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Telefonseelsorge ist es wichtig, Abstand zu den Telefonaten zu bekommen. Wie sie mit belastenden Situationen umgehen, lernen sie in der Ausbildung.

Es hat wenig Sinn, wenn wir hier rausgehen nach einer Schicht und selber vollkommen fertig sind.

sagt Beate

Probleme der Anruferinnen und Anrufer dürfen nicht zu den eigenen Problemen gemacht werden. „Wenn ich den Hörer auflege, gebe ich das Problem zurück an den Menschen, dann hole ich tief Luft, trinke vielleicht ein Wasser und bin dann bereit für das nächste Gespräch“, sagt die ehrenamtliche Mitarbeiterin. Was ihr außerdem hilft, ist ihre tiefe persönliche Überzeugung, „dass jeder Anruf seine himmlischen Helfer hat und nicht alleine ist“.