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Pionier der Sozialreform

Theologe Johann F. Oberlin: Pionier von Bildung und Sozialarbeit

Kinder mit „zarter Güte” erziehen - das war im 18. Jahrhundert eine revolutionäre Idee. Sie stammt von dem Theologen Johann Friedrich Oberlin, dem Vordenker des Kindergartens. Vor 200 Jahren ist er gestorben. Von Marcus Mockler (epd)

Ein Mann sitzt zwischen kleinen Kindern auf dem Boden mit Spielsachen um alle herum. Eines der Kinder hat eine kleine Gitarre in der Hand.
Unsplash+/Getty Images

Sozialreformer, Pädagoge und Theologe: Johann Friedrich Oberlin war ein hochgebildeter Mann, der gleichzeitig körperliche Arbeit nicht scheute. Er gründete die Vorläufer des Kindergartens und inspirierte den Genossenschaftsgedanken. Vor 200 Jahren, am 1. Juni 1826, ist er gestorben.

Das Bild zeigt ein schwarz-weißes Porträt Johann Friedrich Oberlin
epd-bild/akg-images
Johann Friedrich Oberlin

Oberlins Ankunft im armen Steintal

Als Oberlin 1767 als junger evangelischer Pfarrer ins elsässische Steintal kommt, betritt er eine fremde Welt. Die abgelegenen Bergdörfer sind von Armut, Hunger und Unwissenheit geprägt. Es gibt keine befestigten Straßen, die Landwirtschaft liegt brach.

Oberlin, der in Straßburg nicht nur Theologie studiert, sondern auch Vorlesungen zu Medizin und Naturwissenschaften besucht hat, erkennt, dass fromme Worte allein nicht helfen werden. Also greift er selbst zu Hacke und Schaufel und überzeugt die misstrauischen Bauern, mit ihm eine Brücke und neue Wege zu bauen, um ihr Tal mit der Außenwelt zu verbinden.

Obstbäume für die Zukunft: Konfirmanden als Pflanzpioniere

Sein Tatendrang ist unerschöpflich und radikal praktisch. Er führt den Anbau einer klimaresistenten Kartoffelsorte ein, um den Hunger zu bekämpfen. Er legt im Pfarrgarten eine Baumschule für Obstbäume an und führt eine neue Tradition ein: Jeder Konfirmand muss bei seiner Aufnahme in die Gemeinde zwei Obstbäume pflanzen. So verbindet er einen kirchlichen Ritus mit der Zukunftssicherung des Tals.

Die Verbesserung des Obstbaus im Steintal, der Wiesen, Bewässerungsanlagen und der Bodenqualität, ist sein Verdienst.

schreibt der württembergische Kirchenhistoriker Dieter Isinger

Um die Wirtschaft anzukurbeln, gründet Oberlin eine Leihkasse und holt eine Seidenbandfabrik in die Region, die den Menschen im Winter ein Einkommen sichert.

Schon gewusst?

Im württembergischen Reutlingen inspirierte Oberlin den TheologenGustav Werner, der in Straßburg mit Oberlins Werk in Kontakt gekommen war, zur Gründung der BruderhausDiakonie.

Die ersten „Strickstuben“: Vorläufer des Kindergartens

Seine vielleicht größte Pionierleistung vollbringt er in der Bildung. In einer Zeit, in der Kinder als kleine Erwachsene behandelt wurden, gründet er die ersten „Strickstuben“, die als direkte Vorläufer der Kindergärten gelten. Die Idee stammt von einer jungen Dorfbewohnerin, Oberlin macht daraus eine Institution. In den „Strickstuben“ werden Kinder betreut, gefördert und auf die Schule vorbereitet.

Pädagogik mit Herz: Lernen durch Güte und Naturerfahrung

Sein Grundsatz ist für das 18. Jahrhundert unerhört: „Erzieht eure Kinder ohne zuviel Strenge mit andauernder zarter Güte“. Er schafft Lehrmaterialien an, lehrt mit Bildern und Spielen und nimmt die Kinder mit auf Ausflüge, um ihnen die Natur nahezubringen.

Mut zur Weite: Abendmahl für Katholiken und Calvinisten

Oberlin ist auch ein politisch kluger Kopf. Als die Französische Revolution die Gottesdienste verbietet, ruft er kurzerhand einen „Volksklub“ ins Leben und führt seine Arbeit unter dem Deckmantel republikanischer Ideale weiter. Seine Weite zeigt sich auch darin, dass er in seiner lutherischen Gemeinde Katholiken und Calvinisten zum Abendmahl zulässt – ein damals unvorstellbarer Tabubruch.

Globales Erbe: Von Oberlin College bis Universität Tokio

Als Oberlin am 1. Juni 1826 nach 59 Amtsjahren starb, hatte er eine Gemeinschaft von 100 verarmten Familien in eine blühende Region mit rund 3000 Menschen verwandelt. Sein Erbe lebt weltweit fort. In den USA wurde 1833 das Oberlin College gegründet, das als eine der ersten Hochschulen des Landes systematisch Afroamerikaner und Frauen zuließ. In Tokio gibt es eine christliche J. F. Oberlin Universität. 

Zum 200. Todestag erinnert das Museum in Oberlins ehemaligem Pfarrhaus im elsässischen Waldersbach an einen Mann, der bewies, dass Glaube Berge versetzen kann – manchmal mit einer Schaufel in der Hand.