Die ersten „Strickstuben“: Vorläufer des Kindergartens
Seine vielleicht größte Pionierleistung vollbringt er in der Bildung. In einer Zeit, in der Kinder als kleine Erwachsene behandelt wurden, gründet er die ersten „Strickstuben“, die als direkte Vorläufer der Kindergärten gelten. Die Idee stammt von einer jungen Dorfbewohnerin, Oberlin macht daraus eine Institution. In den „Strickstuben“ werden Kinder betreut, gefördert und auf die Schule vorbereitet.
Pädagogik mit Herz: Lernen durch Güte und Naturerfahrung
Sein Grundsatz ist für das 18. Jahrhundert unerhört: „Erzieht eure Kinder ohne zuviel Strenge mit andauernder zarter Güte“. Er schafft Lehrmaterialien an, lehrt mit Bildern und Spielen und nimmt die Kinder mit auf Ausflüge, um ihnen die Natur nahezubringen.
Mut zur Weite: Abendmahl für Katholiken und Calvinisten
Oberlin ist auch ein politisch kluger Kopf. Als die Französische Revolution die Gottesdienste verbietet, ruft er kurzerhand einen „Volksklub“ ins Leben und führt seine Arbeit unter dem Deckmantel republikanischer Ideale weiter. Seine Weite zeigt sich auch darin, dass er in seiner lutherischen Gemeinde Katholiken und Calvinisten zum Abendmahl zulässt – ein damals unvorstellbarer Tabubruch.
Globales Erbe: Von Oberlin College bis Universität Tokio
Als Oberlin am 1. Juni 1826 nach 59 Amtsjahren starb, hatte er eine Gemeinschaft von 100 verarmten Familien in eine blühende Region mit rund 3000 Menschen verwandelt. Sein Erbe lebt weltweit fort. In den USA wurde 1833 das Oberlin College gegründet, das als eine der ersten Hochschulen des Landes systematisch Afroamerikaner und Frauen zuließ. In Tokio gibt es eine christliche J. F. Oberlin Universität.
Zum 200. Todestag erinnert das Museum in Oberlins ehemaligem Pfarrhaus im elsässischen Waldersbach an einen Mann, der bewies, dass Glaube Berge versetzen kann – manchmal mit einer Schaufel in der Hand.