Frau Milz-Ramming, Sie sind mit Ihrer Gemeinde eng über WhatsApp verbunden. Wie kam das?
Daniela Milz-Ramming: Früher hatte ich 15 Anfragen am Tag: Wo ist Gottesdienst? Wann machen wir den Ausflug? Während Corona haben sich alle auf WhatsApp verlegt. Seither schauen die Leute meinen Status an und wissen, was los ist. Das hat mich während der Pandemie oft gerettet: Wenn jemand im Krankenhaus lag und nicht klarkam, ich aber nicht zu ihm durfte, habe ich einen Arzt überredet: „Machen Sie WhatsApp auf ihrem Handy auf, halten Sie es dem Patienten unter die Nase und sagen Sie mir, was ich sagen soll.“ Oder wenn die Polizei mit Gehörlosen zu tun hat. Man hat im Krankenhaus und bei Behörden ein Recht auf einen Dolmetscher, aber finden Sie mal einen.
Was charakterisiert die Gemeinschaft der Gehörlosen?
Daniela Milz-Ramming: Die Gehörlosenwelt ist eine eng vernetzte Community. Das ist eine Sprachfrage. Gehörlose fahren sehr weit, um mit anderen Leuten problemlos kommunizieren zu können. Es gibt ein paar einzelne Gehörlose, die mit Hörenden verbunden sind. Das sind entweder die Menschen, die gut von den Lippen ablesen können, das ist nämlich extrem schwierig. Man kann 30 Prozent von den Lippen ablesen, alles andere sieht gleich aus. Aber nur, wenn man ein Talent hat. Eines meiner Gemeindemitglieder geht einmal die Woche mit einer Seniorengruppe wandern. Er läuft mit, aber die Kommunikation bleibt schwierig. Sie beschränkt sich auf „guten Appetit“, „wie geht’s“, „gut“ und „danke“. Es ist eine ganz eigene Welt. Sie ist sehr vernetzt, wobei ich mit meinen hörenden Gemeinden ähnlich vernetzt war. Das ist mein Ding.
Wie sind Sie zur Arbeit mit Gehörlosen gekommen? Was hat Sie zur Gebärdensprache hingezogen?
Daniela Milz-Ramming: Es hat mich interessiert. Als ich 15 war, gab es den Film „Gottes vergessene Kinder“. Ich hatte keine Gelegenheit, ihn zu sehen, ich habe nur davon erfahren. Da war ich fasziniert. Zu meinem 18. Geburtstag hat mir mein damaliger Freund ein Gebärdenlexikon geschenkt, das war damals sehr teuer. Dann habe ich immer wieder versucht, einen Kurs zu machen. Der kam nie zustande, aber mein Interesse blieb. Während meiner Examensvorbereitung lag ein gelber Flyer in meinem Briefkasten: „Private Sprachschule bietet Gebärdensprachkurs“. Ich hatte keine Zeit, aber mein Mann hat gesagt: „Geh doch einfach hin und schau mal.“ Wir waren 15 Frauen und ein gehörloser Lehrer. Er forderte uns auf: „Geht alle mal woanders hin und schaut, ob ihr dort Gehörlose versteht.“ Zu mir sagte der Lehrer: „Du gehst in die Kirche.“ Wir wohnten damals in Kaufbeuren. Der bayrische Kollege kriegte große Augen. „Wie, Sie machen ein theologisches Examen und können Gebärdensprache?“ Von Können konnte keine Rede sein. Eine Woche später hatte ich die bayrische Gehörlosenseelsorge am Telefon. „Kommen Sie mit auf Fortbildung. Sie müssen nichts versprechen.“ So ging das seinen Weg. Schon mein Vikariat habe ich bei einem Gehörlosenseelsorger gemacht. Ich konnte es mir nicht mehr ohne die Gehörlosen vorstellen. Ich liebe diese Ganzkörpersprache. Ich kann die Hände gar nicht unten lassen, die Hände brauchte ich schon immer zum Reden.
Was könnte seitens der Landeskirche verbessert werden?
Daniela Milz-Ramming: Mein ganz kühner Traum, der in solchen Zeiten völlig unrealistisch ist, das ist ein ganzer Gehörlosenseelsorger pro Prälatur. Dann könnten wir die Arbeit sinnvoll verteilen. Derzeit haben wir eine halbe Pfarrstelle, wo sich ein Pfarrer aufteilen muss zwischen hörender und gehörloser Gemeinde. Die hörende Gemeinde ist ja vor Ort. Sich von ihr auf eine halbe Stelle abgrenzen – das klappt nie. Da kommt immer Mehrarbeit. Ich hätte gern vier volle Pfarrstellen für Württemberg. Die Katholiken arbeiten übrigens mit neun Personen, davon fünf in Vollzeit auf derselben Fläche.
Wie schätzen Sie Ihre Chancen ein?
Daniela Milz-Ramming: Null. Die evangelische Kirche muss gerade sehr schauen, wie sie überhaupt rumkommt, und Gemeinden zusammenlegen. Für mich ist das ein Witz. Unsere alten Leute fahren mit 80 Jahren zweieinhalb Stunden mit Bus und Bahn zum Gottesdienst. Wenn Leute sagen, ins Nachbardorf gehe ich nicht, dann lache ich darüber. Meine Leute fahren in ganz Württemberg umher. Wir haben ein Problem: Die hörenden Gemeinden werden größer. Das ist vor Ort für den einzelnen Pfarrer mehr Arbeit. Die letzten 100 Jahre haben die Gehörlosenseelsorgenden das nebenbei gemacht. Jeder Pfarrer hat ein Nebenamt. Da gibt’s welche, die sind nebenher gut zu machen, und dann gibt’s Aufgaben, die machen Mühe. Die Gehörslosenseelsorge macht sehr viel Mühe. Man muss eine ganz neue Sprache lernen. Wenn man zu der keinen persönlichen Zugang hat, dann ist sie schwer zu lernen. Ich habe das 20 Jahre lang gemacht mit vier Terminen im Monat. Als ich dann jeden Tag mit Gehörlosen zu tun hatte, ist meine Sprache noch einmal explodiert. Man muss mit den Leuten reden, um die Feinheiten kennenzulernen.