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Christliche Geschichte

Trier und sein römisches Erbe

Die älteste Bischofskirche nördlich der Alpen stand in Trier. In der Stadt an der Mosel sind christliche und römische Geschichte aufs Engste miteinander verwoben, mit Monumentalbauten aus der Antike, die ihresgleichen suchen und teilweise komplett erhalten sind. Von Andreas Steidel

Liebfrauenkirche Trier
Katja Pfrommer/Andreas Steidel
Der Dom und die Liebfrauenkirche in Trier sind katholisch.

Die Kaiser liebten es protzig. Das gilt besonders für einen der römischen Caesaren, der Trier zu seiner Hauptstadt auserkoren hatte: Flavius Va­lerius Constantinus, der später als Konstantin der Große in die Geschichte eingehen sollte. Von 306 bis 316 residierte er in der heute ganz im Westen von Rheinland-Pfalz liegenden Stadt.

In diese Zeit fiel auch ein Prachtbau, der alle Dimensionen sprengte: Mit eineinhalb Millionen Ziegelsteinen, italienischem Marmor und ägyptischem Porphyr ließ er sich einen Palast bauen, der die doppelte Größe der berühmten Porta Nigra hatte. Das Gebäude, um 310 nach Christus errichtet, ist heute als Konstantinbasilika bekannt. Es war ursprünglich ein 67 Meter langer und 33 Meter hoher Repräsentationssaal, in dem nichts außer dem Thron des Kaisers stand. Wer immer zu einer Audienz geladen wurde, sollte sich möglichst klein und verloren fühlen.

Konstantinbasilika
Die Konstantinbasilika ist die evangelische Kirche von Trier.

Es gehört zu den Ironien der Geschichte, dass die Konstantinbasilika heute die evangelische Kirche von Trier ist. Es waren die Preußen, die sie 1856 dazu machten. Als nach dem Wiener Kongress die Stadt Teil ihrer Rheinprovinz wurde, brachten sie auch den Protestantismus ins urkatholische Moseltal.

Die Konstantinbasilika hatte jahrhundertelang als Residenz der Bischöfe von Trier herhalten müssen. Denen zeigte man nun, wer Herr im Hause ist, legte den antiken Baukörper wieder frei und schenkte den wenigen Evangelischen ein Gotteshaus, das weit über dem Bedarf lag. „Auf ewige Zeiten“, hatte man sicherheitshalber noch angefügt und die Kirche dem Erlöser gewidmet, in dessen Rolle die Preußen sich selbstverständlich auch sahen.

Noch in seiner Trierer Zeit hatte Konstatin ein Edikt unterzeichnet, das Religionsfreiheit gewährte. Das bedeutete nichts anderes, als dass die Zeit der Christenverfolgung vorbei war. Die Löwen im nahen Trierer Amphitheater würden ab sofort keine Andersgläubigen mehr zum Fraß vorgeworfen bekommen. Noch heute kann man sich dort vorstellen, wie die grausigen Schauspiele einst inszeniert wurden, die unterirdischen Gänge der Raubtiere und Gladiatoren sind weitgehend erhalten. Es ist ohnehin imposant, welch gewaltige Überreste aus der römischen Epoche die Zeiten überdauert haben. „Alles Originale“, sagt Stadtführer David Kunz, der zuweilen etwas lächeln muss, wenn von römischen Spuren an anderen Orten in Deutschland die Rede ist. Oft sind es nur wenige Steine und ein paar Nachbauten, in der Kaiserstadt Trier haben jedoch zum Teil komplette römische Bauwerke die Zeiten überstanden.

Das bekannteste von ihnen ist die Porta Nigra, heute das Wahrzeichen der Stadt Trier. Es ist ein vollständig erhaltenes Stadttor aus der Zeit um 170 nach Christus, das älteste Baudenkmal auf deutschem Boden. Seine Bewahrung ist einem historischen Zufall zu verdanken, und der hat durchaus christliche Ursachen. Um das Jahr 1030 herum lebte in der Porta Nigra ein Einsiedler-Mönch namens Simeon, der eng mit dem Trierer Erzbischof Poppo befreundet war. Als dieser Simeon starb, erwirkte der Bischof seine baldige Heiligsprechung und ließ eine Kirche auf seine Behausung bauen. So wurde die Porta Nigra in einem christlichen Gotteshaus eingekapselt und hieß fortan St. Simeon.

Andreas Steidel
Antike Pracht: Die Porta Nigra ist das Wahrzeichen von Trier.

Diese Geschichte erzählte man viele hunderte Jahre später Napoleon Bonaparte, der das Moseltal in seinen Besitz genommen hatte und 1804 in Trier weilte. Als er begriff, dass unter der Kirche ein komplett erhaltenes römisches Stadttor verborgen lag, fackelte er nicht lange: Er befahl den Abriss der christlichen Hülle und die Freilegung der darunter konservierten Antike. Das Erstaunliche ist, dass das römische Stadttor unter der Überbauung kaum gelitten hatte, sondern sie vermutlich seine Rettung war. Heute will man kaum glauben, dass da ein Stück vollständig erhaltenes Rom vor einem steht, das 800 Jahre lang den Deckmantel einer christlichen Kirche trug.

Das Christentum kam sehr früh nach Trier. Verantwortlich dafür ist natürlich auch jener Konstantin, der auf dem Sterbebett 337 sogar noch die Taufe empfangen haben soll. Bald danach war das Christentum Staatsreligion und man selbst gut beraten, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. So bildeten sich an römischen Residenzorten wie Trier schnell christliche Gemeinden. Die brauchten neue Gotteshäuser und bekamen sie in entsprechender Größenordnung. So standen an der Stelle des heutigen Trierer Doms gleich vier christliche Kirchen aus römischer Zeit, die in ihrer Dimension das heutige nicht gerade kleine Bauwerk deutlich übertrafen.

Stadtführer David Kunz lenkt den Blick auf die Überreste römischer Mauern, die man an der Seitenwand des Domes noch entdecken kann. Typische Muster, die die Spuren antiker Handwerkskunst tragen. Der Trierer Dom wurde zur ersten Bischofskirche auf deutschem Boden, kein Bistum ist älter als das in der Stadt der Römer.

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Noch heute ist ein Stadtbezirk rund um den Dom katholischer Besitz. Ein Kirchenareal von respektabler Größe, bis zu seiner Auflösung 1803 war das Erzbistum Trier ein geistliches Territorium mit Einfluss. Der Erzbischof war zugleich Kurfürst und durfte den Kaiser wählen. Der Dombezirk strahlt bis heute etwas von dieser Grandezza aus. In der Völkerwanderung und den Wikingerstürmen mehrfach zerstört, wurde er immer wieder aufgebaut. Ein Konglomerat von Baustilen, das den Betrachter staunen lässt.

Gleich neben dem Dom steht die Liebfrauenkirche, die mit dem Nachbarn so verwoben ist, dass man sie oft fälschlich für einen Teil von ihm hält. Doch sie war ein eigenständiger Kirchenbau, mit dem man 1227 einen französischen Architekten beauftragt hatte. Heute gilt sie als einer der frühesten Zeugnisse gotischer Kirchenbaukunst in Deutschland. Seit 1986 genießt das historische Trier den Status eines Unesco-Welterbes. Das bezieht sich ausdrücklich nicht nur auf die antiken römischen Bauten, sondern auch auf seine großen christlichen Kirchen, die ihnen folgten.

In der Konstantinbasilika kommt beides zusammen: die Pracht der Römer und Preußens protestantische Gloria. Der Platz vor der Kirche heißt seit 2017 übrigens Martin-Luther-Platz. Dem hatte man vor lauter Römern und Erzbischöfen bis dato noch keine öffentliche Fläche in Trier gewidmet. Ein Dickschädel war er genau wie Konstantin, der Rom ja auf seine Art ebenso reformiert hatte wie Luther die Glaubenswelt.