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Religion und Politik

US-Präsidenten und der Glaube

Die Präsidenten der USA waren alle Christen. Ein Rückblick auf Geschichte und Gegenwart und die Frage, warum Barack Obama im Wahlkampf einst als Araber diffamiert wurde. Von Andreas Steidel

Das Weiße Haus mit Brunnen und grünen Bäumen im Vordergrund
Unsplash+/Getty Images
Am 5. November 2024 entscheidet sich, wer in das Weiße Haus in Washington einziehen wird.

Obamas christlicher Glaube wurde angezweifelt

Die Szene hatte Symbolkraft. Barack Obama, der später zum ersten schwarzen Präsidenten der USA gekürt werden sollte, eröffnete seinen Wahlkampf am Altar einer Kirche in Selma, Alabama. Damit sollte ein für alle Mal klargestellt werden, dass er christlichen Glaubens ist und dieser Glaube für ihn Bedeutung hat.

Immer wieder hatte es Gerüchte gegeben, Obama sei Moslem. In einer Veranstaltung seines Herausforderers John McCain sprach eine Frau sogar davon, „dass er ein Araber ist“. Bis McCain dazwischenging und seinen Gegner verteidigte. Vermutlich verbargen sich hinter den Gerüchten um Obamas vermeintlich muslimisch-arabische Abstammung rassistische Vorurteile, die man so nicht benennen durfte. Also wurde seine religiöse Identität und Herkunft zur Zielscheibe.

Kennedy war der erste Katholik im Amt

In den USA haben Präsidentschaftskandidaten, die keine bekennenden Christen sind, schlechte Karten. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts hätte man ergänzen können: kein bekennender Protestant.

Erst mit John F. Kennedy zog rund 180 Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung ein Katholik ins Weiße Haus ein.  Zuvor war es undenkbar, dass man einen Anhänger des Papstes hätte das Land regieren lassen.

Das hatte lange nur evangelische Einwanderer erlebt. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts kamen Katholiken in großer Zahl aus Irland und Italien – und machten den Amerikanern Angst. Eine 1843 gegründete „Native American Party“ (Partei einheimischer Amerikaner) betonte die Unvereinbarkeit von Katholizismus und republikanischen Werten.

Als der Katholik und Gouverneur von New York, Alfred E. Smith, 1928 für die Demokraten als Präsident kandierte, unterstellte man ihm, er wolle den Katholizismus zur Staatsreligion machen. Er wurde nicht gewählt. Erst mit dem Katholiken Kennedy schlug das politische Charisma den Glauben. Überdies hatte man im Kommunismus einen neuen Feind gefunden, der den Papst allmählich in den Hintergrund rückte.

Mit Joe Biden war 2020 ein weiterer Katholik zum US-Präsidenten gewählt worden. Das hatte damals allerdings kaum noch jemanden interessiert, die meisten wussten gar nicht, welcher Konfession er genau angehört. Was sie allerdings wussten: Er glaubt und ist Christ. Wie alle seine Vorgänger betonte auch er immer wieder die Bedeutung der Religion für sein Leben.

George Washington setzte sich für Toleranz ein

Die Glaubensverbundenheit der US-Präsidenten zieht sich wie ein roter Faden durch die amerikanische Geschichte. Das begann schon mit dem ersten Amtsinhaber George Washington, der als Anglikaner getauft war. Anglikanisch blieb Washington zeitlebens, fast 15 Jahre gehörte er sogar dem Kirchengemeinderat an. Allerdings trat er auch für Toleranz gegenüber anderen Konfessionen ein und besuchte regelmäßig deren Gottesdienste. So sprach er sich schon damals gegen eine Diskriminierung der Katholiken aus und unterstützte finanziell ein Reihe weiterer christlicher Kirchen.

Sein Nachfolger Thomas Jefferson war sogar mit theologischen Schriften bekannt geworden, ebenso wie die Gründungsväter Benjamin Franklin und Patrick Henry. Dabei hatte Jefferson den Glauben stets als Privatsache betrachtet und Franklin war in den Verdacht geraten, Atheist zu sein. Also publizierte man lieber.

Schwierigkeiten für Lincoln

Auch Abraham Lincoln wäre beinahe an seiner Glaubensferne gescheitert. Der berühmte US-Präsident und nationale Identifikationsfigur im Bürgerkrieg, war in einem strengen, baptistischen Haushalt aufgewachsen. Zur Religion ging er danach auf Distanz und trat auch keiner Kirche bei.

Das brachte ihn bei der Präsidentschaftskandidatur 1846 in Schwierigkeiten. Schließlich ließ er über eine Flugschrift klarstellen, dass er niemals die Wahrheit der Heiligen Schrift geleugnet habe. Später als Präsident prägte er in der berühmten Rede von Gettysburg 1863 den Begriff der „Nation unter Gott“, von wo aus es nicht mehr weit war zu der Formel „God’s own country“ (Gottes eigenes Land).

Trump instrumentalisiert den Glauben

Undenkbar, dass ein Konfessionsloser und Agnostiker wie Olaf Scholz an die Spitze der Regierung gewählt würde. Auch die Clintons trugen den Glauben wie eine Monstranz vor sich her und selbst Donald Trump instrumentalisiert ihn für seine Zwecke.

Als Baptistin hat sich Kamala Harris zu erkennen gegeben. Die Zahl derer, die in den USA an Gott glauben, ist Umfragen zufolge weit höher als in Deutschland. Das christliche Selbstverständnis ist ein Stück nationale Identität.

Bisher noch kein jüdischer Präsident

Oder sollte man sagen, das christlich-jüdische Selbstverständnis? Immerhin hatte Dwight D. Eisenhower als Präsident diesen Begriff geprägt und damit der Tatsache Ausdruck verliehen, dass eine Vielzahl von Menschen jüdischen Glaubens in den USA lebt und dort durchaus einflussreiche Positionen innehat.

Allerdings: Ein Präsident war noch nie darunter. Immerhin hatte sich 2020 mit Bernie Sanders ein jüdischer Bewerber um das Amt bemüht, war in den Vorwahlen der Demokraten aber gescheitert. Das mag auch daran gelegen haben, dass das jüdische Thema in den USA politisch aufgeladen ist. Und da hatte Sanders mit kritischen Aussagen über Benjamin Netanjahu für Diskussion gesorgt.

Heile Familie und Glaube

Ein Stück weit ist es mit dem christlichen Glauben so ähnlich wie mit dem Familienideal: Dem muss ein amerikanischer Präsident – oder eine Präsidentin – entsprechen. Was hinter den Kulissen passiert, ist etwas ganz anderes. Die heile Familie und der tiefverwurzelte Glaube sind zwei Grundeigenschaften, ohne die ein Kandidat in den USA bis heute kaum gewinnen kann.