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Leihmutterschaft

Vaterschaft von Jens Spahn per Leihmutter löst Kritik aus

Jens Spahn und sein Mann sind mithilfe einer Leihmutter in den USA Eltern geworden. Politiker, Theologen und Ethiker finden das nicht nur aufgrund der früheren Position Spahns gegen die Legalisierung der Leihmutterschaft bedenklich. Spahn wird Doppelmoral und fehlende Glaubwürdigkeit vorgeworfen. Von Corinna Buschow und Franziska Hein (epd)

drei Frauen sitzen nebeneinander. Alle drei sind schwanger und halten ihre Hände um ihren jeweiligen Bauch.
Unsplash+/Getty Images

Kontroverse um Jens Spahns Familiengründung per Leihmutterschaft

Nach der Bekanntgabe von Jens Spahns Vaterschaft per amerikanischer Leihmutter hat der Stuttgarter evangelische Landesbischof, Ernst-Wilhelm Gohl, den CDU-Politiker kritisiert. Es sei kein Wunder, dass eine breite und laute Debatte um die Themen Doppelmoral und Leihmutterschaft entbrannt sei, erklärte Gohl laut Mitteilung der württembergischen Landeskirche am Freitag, 17. Juli.

Daniel Funke, Mann des Unionsfraktionsvorsitzenden Jens Spahn, hatte am Mittwoch auf der Plattform Instagram ein Foto von sich und Spahn mit Kinderwagen und den Worten „We are family” veröffentlicht. Der „Bild” bestätigte Funke, dass das Kind von einer Leihmutter zur Welt gebracht wurde. Der Zeitung zufolge wurde das Kind in den USA geboren, wo Leihmutterschaft anders als in Deutschland erlaubt ist. Spahn wollte sich auf epd-Anfrage nicht äußern.

Ethische und politische Dimensionen der Leihmutterschaft

Wenn ausgerechnet ein ehemaliger Gesundheitsminister und Regierungspolitiker öffentlich mache, dass er im Ausland Leihmutterschaft in Anspruch genommen habe, gehe es auch um Doppelmoral und Glaubwürdigkeit, sagte Gohl. Die Diskrepanz zwischen politischen Überzeugungen und persönlichem Handeln beschädige auch das Vertrauen in die Politik insgesamt. „Davon profitieren am Ende die Anti-Demokraten, die unsere demokratischen Grundwerte grundsätzlich infrage stellen”, sagte Gohl.

Wer den Eindruck erzeugt, dass politische Überzeugungen und persönliches Handeln auseinanderfallen, verliert Vertrauen.

sagt Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl

Landesbischof Gohl: „Kinder sind keine Ware“

Spahn steht auch parteiintern in der Kritik, weil sein privates Verhalten im Widerspruch zur Position der CDU und zu eigenen früheren Äußerungen steht. Auch Gohl befürwortet das Verbot der Leihmutterschaft in Deutschland. Als Christ und Theologe stimme er dem klaren Verbot der Leihmutterschaft in Deutschland zu. 

Position der CDU zu Leihmutterschaft

Die CDU lehnt Leihmutterschaft ab. Der CDU-Parteitag hatte im Februar einem Antrag der Frauen Union zugestimmt, in dem es heißt, dass die Partei angesichts „ethischer, rechtlicher und praktischer Bedenken” ihre Forderung bekräftigt, „Leihmutterschaft – auch in altruistischen Modellen – in Deutschland weiterhin zu verbieten”. Altruistische Leihmutterschaft bedeutet, dass die Leihmutter das Kind ohne finanzielle Vergütung an die Wunscheltern abgibt, wobei diese die schwangerschaftsbedingten Kosten übernehmen.

Bisherige Position Jens Spahns zu Leihmutterschaft

Spahn hatte in der Vergangenheit selbst die Legalisierung der Leihmutterschaft in Deutschland abgelehnt. 2015 sagte er im Magazin GQ: „Als schwuler Mann und Christ kann ich mich persönlich nur sehr schwer mit der Idee eines gemieteten Mutterbauchs anfreunden.”

Im Jahr 2020, als Jens Spahn Gesundheitsminister war, bekräftigte sein Ministerium das Verbot von Leihmutterschaft.

Ein unerfüllter Kinderwunsch, so Gohl weiter, verdiene Mitgefühl. Auch deshalb müssten ethische Fragen der Leihmutterschaft „in Ruhe und angemessen” diskutiert werden. „Schon den Begriff Leihmutter halte ich für problematisch. Mutter bleibt man ein Leben lang.” Es müsse gefragt werden: Welche Rolle spielt die finanzielle Abhängigkeit bei den Frauen, die ein Kind austragen? Welche Folgen hat es für Schwangerschaft und Geburt, wenn sie zur Dienstleistung werden? „Kinder sind keine Ware”, betonte der Landesbischof. „Es geht um Menschen, ihre Würde und ihr Wohl”, sagte Ernst-Wilhelm Gohl. 

Ähnlich äußerte sich auch der evangelische Theologe und Ethiker Peter Dabrock: „Ich finde bedenklich, wenn einer der mächtigsten Menschen der Republik sich in diese rechtliche Grauzone begibt“, sagte der frühere Vorsitzende des Deutschen Ethikrats dem epd.

Öffentliche Personen wie Jens Spahn haben auch eine öffentliche Verantwortung. Es bleibt ein Gefühl der Betrübnis, dass sich jemand da etwas herausnimmt, weil er das Geld, die Position, die Möglichkeit dazu hat.

sagt Peter Dabrock

Leihmutterschaft in den USA unter bestimmten Umständen legal

In Kalifornien eingegangene Elternschaften würden „in Deutschland ohne Probleme anerkannt”. Sie kosteten deutlich mehr als in der Ukraine vermittelte Leihmutterschaften, wo es entsprechende Rechtsabkommen nicht gebe. „Es geht hier also nicht nur um das Verständnis für ungewollt kinderlose und homosexuelle Paare, sondern auch die Frage, wer sich das leisten kann”, sagt Peter Dabrock.

Rechtslage bei Leihmutterschaft in Deutschland:

In Deutschland ist Leihmutterschaft verboten. Ärzte, die eine Leihmutterschaft herbeiführen, machen sich nach dem Embryonenschutzgesetz strafbar. Auch die Vermittlung von Leihmüttern ist unter Strafe gestellt. Nicht strafbar machen sich hingegen die „Wunscheltern”. Grund für das Verbot sind ethische Überlegungen.

Ich tue mich schwer mit der hier offenkundigen Diskrepanz zwischen dem Politiker, der Regeln für andere mitgestaltet, und der Privatperson, die das überhaupt nicht schert.

sagt Peter Dabrock zu Spahns früherem Nein zur Leihmutterschaft

Aus Spahns Umfeld verlautete laut „Focus”, der CDU-Politiker leite „grundsätzlich aus seinem Privatleben keine politischen Forderungen ab”. Für die USA-Entscheidung sei auch die rechtliche und wirtschaftliche Situation der Leihmutter ausschlaggebend gewesen. Leihmutter kann laut dem Magazin dort nur werden, wer finanziell unabhängig ist, bereits eigene Kinder und ein geordnetes Familienleben hat.

Wachsende Kritik aus der Politik an Spahns Entscheidung 

Wer es sich finanziell leisten kann, wählt den Weg über eine Leihmutter im Ausland, anstatt sich beispielsweise für ein Pflege- oder Adoptivkind zu öffnen.

kritisierte Carmen Wegge, die SPD-Bundestagsabgeordnete Carmen Wegge

Bei Auslands-Leihmutterschaften seien Frauen häufig „nur unzureichend vor gesundheitlicher und finanzieller Ausbeutung” geschützt. Gleichzeitig  sprach sich Wegge im „Spiegel” für die Einführung einer altruistischen Leihmutterschaft, also ohne Bezahlung, „in engen Grenzen auch in Deutschland” aus.

Der Vorsitzende der Senioren-Union, Hubert Hüppe, kritisierte in zwei Interviews Spahns Familiengründung per Leihmutterschaft. Im „Spiegel” verwies er auf die Instrumentalisierung von Frauen, im „Focus” auf die Haltung der Union, Frauen und Kinder nicht „zu einer Ware zu machen“. Hüppe drängte im „Spiegel” darauf, Leihmutterschaft im Ausland in Deutschland unter Strafe zu stellen.

CDU-Politiker Daniel Peters forderte in der „Bild”-Zeitung am Freitag den Rücktritt von Spahn. Seine Begründung:

Mit einer Leihmutterschaft in den USA hat Spahn sich in voller Absicht über in Deutschland geltendes Recht hinweggesetzt.

sagte Daniel Peters

Die Frauen Union lehnt eine Änderung der geltenden Rechtslage ab, wie eine Sprecherin dem epd mitteilte. Sie verwies auf einen CDU-Beschluss vom Februar 2026. „Frauen dürfen weder zum Sex gekauft, noch als Brutkasten missbraucht werden”, sagte Mechthild Heil, Vorsitzende der Gruppe der Frauen der Unionsfraktion im Bundestag, der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung”. Heil sagte, die allermeisten Frauen seien „den Käufern dieser Ausbeutung nicht gleichgestellt”. Sie handelten aus finanzieller Not, physischer oder psychischer Abhängigkeit oder dem vermeintlichen Mangel an Alternativen.

Die wenigen selbstbestimmten Frauen, die unabhängig und frei entscheiden können, unterstützen am Ende aber auch dieses ausbeuterische System zwischen Kaufeltern und Leihmüttern. Ich lehne den Kauf von Kindern und damit die Leihmutterschaft ab.

sagte Mechthild Heil

Spahns Parteikollege Thomas Rachel (CDU) hat die ablehnende Position der CDU zu Leihmutterschaften betont. „Leihmutterschaft ist in Deutschland aus guten Gründen gesetzlich verboten”, sagte der Bundesvorsitzende des Evangelischen Arbeitskreises der CDU/CSU (EAK) am Freitag dem epd. So solle es aus Sicht des Arbeitskreises auch bleiben, ergänzte er. „Kommerzialisierung, Ausbeutung und gesundheitliche Risiken müssen generell verhindert werden”, sagte Rachel, der auch Beauftragter der Bundesregierung für Religionsfreiheit ist. Die CDU habe zu dem Thema „eine eindeutige Beschlusslage, nämlich die Ablehnung jeder Form von Leihmutterschaft aufgrund der gravierenden ethischen, rechtlichen und praktischen Bedenken gegen dieses Geschäftsmodell”.

Die Selbstbestimmung endet dort, wo andere Menschen zum Mittel werden.

sagte Thomas Rachel