Aus der Kirche

Verletzt an Leib und Seele

Seit zwei Jahren tobt der Krieg Russlands gegen die Ukraine. Über 14 Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer sind auf Hilfe angewiesen. Jetzt im Winter ist die Lage besonders schwierig. Andrij Waskowycz verantwortet die Hilfsprojekte der Diakonie Katastrophenhilfe. Achim Stadelmaier hat ihn in Kiew im Luftschutzraum erreicht. Von Achim Stadelmaier

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Mehr als 14 Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer sind auf Hilfe angewiesen.
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Andrij Waskowycz koordiniert Projekte der Diakonie Katastrophenhilfe in seiner Heimat.

Herr Waskowycz, wie ist die Situation bei Ihnen im Moment?

Andrij Waskowycz: Ich bin in Sicherheit. Wir haben hier in Kiew nahezu täglich Luftalarm. Russland hat seine Angriffe Anfang des Jahres verstärkt. Ich erinnere mich gut an den 2. Januar, als besonders viele Raketen in der Stadt eingeschlagen sind. Vier Menschen wurden getötet. Wir mussten stundenlang im Luftschutzkeller ausharren. Wir leben in Städten, die ständig bedroht sind beschossen zu werden. Und gleichzeitig haben sich die Menschen daran gewöhnt, mit der Gefahr leben zu müssen. Es ist schlimm, aber man gewöhnt sich an den Krieg!

Im Februar geht der Krieg ins dritte Jahr. Sie versuchen, den Menschen zu helfen. Wie genau?

Andrij Waskowycz: Wir helfen beispielsweise dabei, beschädigte Häuser zu reparieren, damit die Menschen im Winter in ihren Wohnungen bleiben können, wenn es die Sicherheitslage zulässt. Wir versorgen sie mit Heizmaterial und Lebensmitteln. Es ist oft schwierig, die Sachen in die Kriegsgebiete zu bringen. Auch deshalb arbeiten wir immer mit lokalen Partnerorganisationen zusammen. So können wir sicherstellen, dass die Hilfe wirklich bei denen ankommt, die sie am nötigsten brauchen.

Wie gefährlich sind diese Einsätze?

Andrij Waskowycz: Nicht ungefährlich. Nicht umsonst sind Millionen Menschen im Land auf der Flucht. Doch manche können nicht fliehen, weil sie alt oder krank sind oder eine Behinderung haben. Wir bringen sie an sichere Orte, wo sie längerfristig bleiben können. Zusätzlich zur Hilfe im Land unterstützen wir Projekte, die sich um Geflüchtete im Ausland kümmern – zum Beispiel in Polen, Rumänien oder Moldau. Wir sehen, dass sich die Lage der Menschen dort verschlechtert hat. Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass 14,6 Millionen Menschen in der Ukraine in diesem Jahr Hilfe benötigen – das sind etwa 40 Prozent der Bevölkerung. Die Not ist allgegenwärtig.

Fühlt sich das für Sie als Helfer nicht an wie ein Kampf gegen Windmühlen?

Andrij Waskowycz: Wenn wir verzweifeln würden, könnten wir nichts leisten. Natürlich ist die Lage im Land sehr schwierig, aber die Hilfsbereitschaft der Menschen in der Ukraine ist groß. Wir haben Millionen Binnenflüchtlinge und dennoch sehen wir keinen Anstieg der Obdachlosigkeit. Viele haben Geflüchtete bei sich aufgenommen. Die Solidarität im Land ist enorm, aber das Ausmaß der Not übersteigt die Möglichkeiten der Ukraine. Wir sind sehr dankbar, dass andere Länder vielen unserer Landsleute Zuflucht gewährt haben. Ohne internationale Hilfe können wir diese Notsituation nicht bewältigen. Und wenn keine Hilfe von außen mehr kommt, wird auch die Solidarität im Land nachlassen.

 

Mit rund 68 Millionen Euro Spenden für die Ukraine hatte die Diakonie Katastrophenhilfe im Jahr 2022 ein historisches Rekordergebnis verbucht. Es sichert die humanitäre Hilfe in der Ukraine und den Nachbarländern auch für die kommenden Monate ab. 2023 sind die Spenden im Vergleich zu 2022 auf rund ein Zehntel zurückgegangen. Das ist bei Katastrophen nicht ungewöhnlich.

 

Nach dem Rekordspendenaufkommen 2022 ist die Hilfsbereitschaft im letzten Jahr aber deutlich zurückgegangen.

Andrij Waskowycz: Ja, wir verzeichnen einen deutlichen Rückgang der Spenden, auch weil die mediale Aufmerksamkeit nachgelassen hat. Andere Konflikte haben den Krieg in der Ukraine überlagert. Doch die Not ist weiterhin da.

 

Und ein Ende des Krieges ist nicht in Sicht.

Andrij Waskowycz: Leider nein. Und selbst wenn der Krieg irgendwann vorbei sein sollte, wird er ein traumatisiertes Land zurücklassen. Millionen Menschen sind verstümmelt – an Leib und Seele. Sie werden wahrscheinlich ein Leben lang Hilfe brauchen. Viele haben schreckliche Erfahrungen gemacht. Familien wurden auseinandergerissen, Kinder mussten mitansehen, wie Angehörige bei Angriffen getötet wurden. Wir leisten dort psychologische Betreuung. Ein riesiges Problem ist auch die Verminung des Landes. Die Ukraine ist mittlerweile das am stärksten verminte Territorium der Welt. Es wird geschätzt, dass eine Fläche halb so groß wie Deutschland von Landminen durchzogen ist. Auch das wird unser Land noch Jahrzehnte beschäftigen.

Sie haben den Rückgang der Spenden angesprochen. Hier in Deutschland scheint sich eine gewisse Müdigkeit gegenüber dem Krieg in der Ukraine breitzumachen. Wie erleben Sie die Situation in Ihrem Land?

Andrij Waskowycz: Die Menschen in der Ukraine können sich keine Kriegsmüdigkeit leisten. Sie kämpfen um ihr Überleben, nicht um Territorien. Wenn sie diesen Krieg verlieren, wird ihr Land nicht mehr existieren. Sie werden also weiterkämpfen. Wir als humanitäre Helfer sehen täglich, welche Folgen dieser Krieg hat, und wir arbeiten weiter daran, die Not der Menschen zu lindern, so gut wir können.

Das Interview mit Andrij Waskowycz von der Diakonie Katastrophenhilfe gibt es auch im Radio zu hören.