Wie Glaubensfragen in Comics neu verhandelt werden
Für sein Hobby ist Cornrad gerne mal in Frankreich unterwegs: „Hier wird diese Kunstform ernster genommen als in Deutschland.“ Der der 52-jährige stöbert auf Flohmärkten, im Internet und in kleinen Läden nach neuen Schätzen – auch mit religiösen Motiven. „Gott, Götter und Göttliches streifen schon lange durch Comics – mal mit einem gewaltigen Vorschlaghammer, mal in einer lichten Wolke, mal als Hippie-Jesus, mal als moderner Buddha“, weiß er. Ihm gefällt besonders, dass die Künstler keine fertigen Antworten liefern:
Comics geben eher Anstöße zum eigenen Weiterdenken
sagt Burkhard Conrad
Superhelden als moderne Mythen und Ersatzgötter
Im Jahr 1938 erschien der erste Action-Comic mit der Figur Superman, es folgten weitere Superhelden. „Sie haben die Rolle von Ersatzgottheiten: Sie tun Wunder, beschützen Menschen, können fliegen, verhindern Katastrophen und stürzen sich in apokalyptische Endzeitprügeleien“, erklärt Literaturwissenschaftler Dennis Bock aus Wedel, der zu Religion im Comic forscht. Es sei ein weit verbreitetes Missverständnis, dass sich Comics vornehmlich an eine jugendliche Zielgruppe richteten.
Gerade US-amerikanische Comics hatten immer eine erwachsene Zielgruppe im Blick, für sie wurden die Comics konzipiert
sagt Dennis Bock
Kritik an Religion und Kirche
Damals wie heute spiegeln die Geschichten wichtige Themen der Gesellschaft und die amerikanische Kultur wider. In den 1990er Jahren beginnt die „Religionswelle“: Das Christentum, seine Geschichte, die katholische Kirche, der Islam, das Judentum und andere Glaubensformen werden seitdem in Comics thematisiert. Kritisiert werden Religion und christliche Kirchen als gesellschaftliche Organisationen. Es geht um Beziehungen von Islam und Judentum, die Auslegung von Koran und Thora im 21. Jahrhundert, um Sinnsuche und Spiritualität.
Wenn Gott im Comic vor Gericht steht
Vor allem alttestamentarische Geschichten werden in Szene gesetzt, dazu kommen religiöse Erlöser- und Heldenmythen.
erklärt Dennis Bock
Comics greifen Sinnkrisen und angesichts des Leids in der Welt auch die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes auf. Hier steht Gott vor Gericht, Jesus trifft sich mit Satan in einer Bar, wird Praktikant bei einem Superhelden oder Adam und Eva essen verbotenerweise vom Baum der Erkenntnis, an dem Penisse und Vulven wachsen. „Comics spielen mit Klischees, wollen Dialoge anstoßen und provozieren“, sagt der 45-Jährige.
Immer mehr Graphic Novels in Deutschland
Für ihn sind Comics selbstverständlich eine Gattung der Literaturgeschichte. Eine Nische, die es nicht leicht hat. Obwohl das Interesse daran zunehme, könnten sich viele kleine Comicverlage nur „gerade so“ über Wasser halten. Bock hofft auf eine Trendwende: „Seit gut zehn Jahren sind Graphic Novels in Deutschland salonfähig.“ Aktuell trage der Manga-Boom zu einer weiteren Popularisierung in Deutschland bei.
Mehr Vielfalt denn je: Von Biografien bis Klimawandel im Comicformat
Sprechblasen-Geschichten werden beliebter, bestätigt der Börsenverein des Deutschen Buchhandels in Frankfurt. So stiegen 2024 die Zahl der Neuerscheinungen auf 1134 gedruckte und 511 digitale Comics, dazu kommen unter neuen Manga-Titeln 1814 Print- und 1250 E-Books. Insgesamt sei das ein Plus von 6,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, geht aus den aktuellsten verfügbaren Zahlen hervor. Der Umsatzanteil von „Comic, Cartoon, Humor, Satire“ betrug damit zehn Prozent in der Warengruppe Belletristik. „Seit 2010 ist der Anteil in dieser Warengruppe deutlich gestiegen“, informiert der Börsenverein.
Ebenso ist die Bandbreite der Themen größer geworden: Comics stellen Biografien historischer Persönlichkeiten vor, vermitteln Wissen über Zeitgeschichte ebenso wie über die LGBTQ+-Bewegung und informieren über den Klimawandel. Auch stellen sie Fragen nach Glauben oder dem Sinn des Lebens. „Der Titel 'Maus. Die Geschichte eines Überlebenden' über den Holocaust zählt zu den wichtigsten Titeln der Comicgeschichte“, findet Experte Bock. Comics seien längst mehr als Superman oder Asterix.
Sie (Comics) vermitteln immer mehr ernste Themen – nur eben anders.
sagt Dennis Bock