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Vorleseprojekt

Vorlesen hinter Gittern: Das Vater‑Kind‑Projekt der HdM Stuttgart

Im Projekt „Papa liest für mich“ nehmen inhaftierte Väter Gute-Nacht-Geschichten für ihre Kinder auf. Sie halten so Kontakt und wollen etwas weitergeben. Von Achim Stadelmaier

Aufgeschlagenes Buch über Winnie Pooh
Unsplash/Elsa Tonkinwise

Ein Morgen in der JVA Heimsheim. Stefan, der eigentlich anders heißt, setzt sich nervös in einen kargen Besprechungsraum. Vor ihm: Mikrofon und Mischpult. Gegenüber sitzen zwei Studentinnen des Instituts für angewandte Kindermedienforschung (Ifak) der Hochschule der Medien (HdM) in Stuttgart. Sie nehmen Stefans Stimme auf, während er zwei Kinderbücher für seinen zweijährigen Sohn liest. „Papa liest für mich“ heißt das Projekt. Es gibt Vätern wie Stefan die Chance, ihren Kindern eine Gute-Nacht-Geschichte vorzulesen – zumindest auf einer Aufnahme.

Das Projekt „Papa liest für mich“: Nähe trotz Gefängnismauern

Stefan sitzt seit knapp ­einem Jahr in Heimsheim. Grund: Insolvenz­verschleppung und Betrug. Der Landmaschinenmeister erkannte zu spät, dass seine Firma in die Pleite rutscht. Seinen kleinen Sohn sieht der 43-Jährige nur dreimal im Monat. Abends vorlesen? Unmöglich. Deshalb macht Stefan mit.

Das ist etwas ganz Besonderes für mich!

sagt Stefan

Ein Mann mit tätowiertem Arm spielt Akustikgitarre.
Pressebild/David Romanowski

Elf Häftlinge lesen an diesem Morgen Geschichten für ihre Kinder. Manche sitzen lebenslänglich, andere, wie Stefan, nur für kurze Zeit. Doch alle wollen ihren Kindern durch das Projekt nahe sein.

Etwas unsicher schlägt Stefan die erste Seite des Kinderbuchs auf. Er liest die Geschichte von Bagger Ben. „Mein Sohn ist verrückt nach großen Maschinen. Wahrscheinlich hat er das von mir“, sagt er und schmunzelt.

Ein anderer Häftling bringt seine ­Gitarre mit. Zwischen den Geschichten spielt er Musikstücke. Ein berührender Moment. Viele Väter nutzen die Gelegenheit, ihren Kindern persönliche Grüße oder ermutigende Worte mitzugeben.

Vielleicht wird das Projekt bald auf das Frauengefängnis in Schwäbisch Gmünd ausgeweitet: „Mama liest für mich!“

Studentinnen der HdM Stuttgart begleiten das Projekt

Alma ist eine der Studentinnen, die das Projekt betreuen. Nach den Aufnahmen ist sie sichtlich bewegt. „Krass, diesen Einblick zu bekommen!“ Für die 22-Jährige ist das mehr als ein Studienprojekt.

Es ist schön, den Vätern und ihren Familien die Möglichkeit zu geben, etwas für ihre Kinder zu tun

sagt Alma

„Wir haben bisher tolle Erfahrungen gemacht“, sagt die zuständige So­zialarbeiterin von der JVA. „Die Väter bringen den Mut auf, ihre Komfortzone zu verlassen und das zu tun, was sie zuhause oft nicht gemacht haben: vorlesen.“

Beim Gefängnis-Projekt fließen Tränen

Nach etwa zehn Minuten ist Stefan fertig. „Ich war sehr aufgeregt, weil ich es perfekt machen wollte“, sagt er. Dann wird er emotional: „Ich musste mit den Tränen kämpfen. Wenn man ein kleines Kind hat, für das man nicht da sein kann – das ist schwer. Zuhause würde man ihm noch einen Gute-Nacht-Kuss geben oder es in den Arm nehmen. Das fehlt!“

Am Nachmittag bekommt Stefan ­Besuch von seiner Frau und seinem Sohn. Die Vorfreude hilft ihm, die Situation zu ertragen. Er hofft, bald in den offenen Vollzug wechseln zu können. Dann könnte er seinen Sohn öfter sehen. Diese Aussicht gibt ihm Kraft.

Alma und die anderen packen ihre Ausrüstung zusammen. Als sich die Gefängnispforte hinter ihnen schließt, spüren sie Erleichterung – und Dankbarkeit, etwas Sinnvolles getan zu haben.