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Trauer

Warum Beileidsbekundungen gut tun

Immer mehr Trauernde verzichten auf Beileidsbekundungen am Grab. Warum das nicht sinnvoll ist – eine persönliche Betrachtung. Von Bärbel Altendorf-Jehle

Trauernde Frau stützt sich auf einen Sarg, Hände auf ihren Schultern
Unsplash+/Kateryna Hliznitsova

Es war das Schlimmste, was mir im Leben passiert ist: der Tod unseres 15-jährigen Sohnes. Unfassbar, nicht verstehbar. Was folgte: Trauer, Wut, Fassungslosigkeit und das Gefühl, am liebsten aus dieser Welt zu verschwinden, denn was sollte sie noch bringen. Ich wollte niemanden sehen und war doch froh über jeden, der an die Tür klopfte und mit mir trauerte.

Eine „schöne“ Beerdigung und Beileidsbekundungen helfen

Zwei Menschen haben in dieser Zeit etwas bewirkt, das ich nie für möglich gehalten hatte. Ein Freund, der mir klarmachte, dass mein Sohn Andreas eine schöne, tolle Beerdigung verdient hätte. Wörter wie „toll“ und „schön“ klangen in meiner Trauerwelt voller Dunkelheit und Düsternis einfach falsch. Mein Mann und ich haben den Vorschlag dennoch beherzigt – er war richtig und wichtig.

Der zweite Ratschlag war noch unverständlicher. Er kam von Uwe Quast, ehemals Pfarrer in der Kirchengemeinde Grüntal/Frutenhof/Musbach, jetzt Seelsorger in Wasseralfingen. „Streicht den Satz: Von Beileidsbezeugungen am Grab bitten wir Abstand zu nehmen.“ Meine Reaktion war Entsetzen: „Das halte ich nicht aus, das schaffe ich nicht, daran gehe ich zugrunde“, waren meine Antworten. Doch Pfarrer Quast ließ sich nicht beirren: „Ihr werdet jeden Zuspruch, jedes gute Wort, jeden Händedruck benötigen, nur dann schafft ihr es überhaupt.“

Einladungskarte zu einer Trauerfeier
Canva
Auf vielen Einladungen zu Trauerfeiern steht der Satz: „Von Beileidsbezeugungen am Grab bitten wir Abstand zu nehmen.”

„Von Beileidsbekundungen am Grab bitten wir Abstand zu nehmen” schadet Trauernden

Wir haben es getan, haben den vermeintlich hilfreichen Satz weggelassen. Nicht aus Überzeugung, sondern einfach, um nicht diskutieren zu müssen, in Ruhe gelassen zu werden, in diesem Fall vom Pfarrer. Uwe Quast sagt heute: „Vor etwa 20 Jahren fing es an. Es ging wie eine Welle durch die Gesellschaft. In immer mehr Todesanzeigen stand dieser verhängnisvolle Satz.“ Die Worte suggerieren den Hinterbliebenen einen mutmaßlichen Schutz. Dabei vergessen sie, dass man dem Nachbarn und Arbeitskollegen später im Alltag dennoch begegnet und dann wird eben doch kondoliert.

Es bleibt also nichts „erspart“, es wird nur verschoben. Die Hinterbliebenen glauben jedoch, es an diesem einen Tag nicht verkraften zu können. Sie vermuten es, ohne es zu wissen, und sie werden das Sich-fallen-Lassen in die offenen Arme der Menschen am Grab, den Händedruck, der mehr sagen kann als tausend Worte, auch nie erfahren. Wie grenzenlos schade.

Diese Trauernden werden stattdessen all ihren Bekannten in einer ähnlichen Situation raten, diesen Satz unbedingt in die Anzeige oder auf die Trauerkarte zu schreiben, weil es anders nicht aushaltbar sei. Sie sagen es voller Überzeugung, weil sie es nicht anders erfahren haben.

Im Gegenzug haben Menschen, die Beileidsbekundungen am Grab entgegennehmen, oft Schwierigkeiten, diese schönen Gefühle in Worte zu fassen und weiterzugeben. Die Antwort, die sie darauf meist erhalten: „Du bist halt ein starker Mensch.“ Die dahinterstehende Botschaft lautet: Meine Trauer ist viel tiefer, deshalb kann ich das nicht. Also halten sich Menschen mit diesem Ratschlag zurück. Nicht so aber die Bestatter.

Traurige Familie bei Beerdigung
Unsplash+/Curated Lifestyle
Die Anteilnahme gehört den Hinterbliebenen.

Bestatter: Das Ablehnen von Beileidsbekundungen verunsichert

Stephan Fischer vom Bestattungshaus in Freudenstadt sagt es bei jedem Gespräch, wiederholt gebetsmühlenartig, wie wichtig dieses Ritual ist. Besonders natürlich für die Hinterbliebenen selbst, aber er bringt einen weiteren Aspekt in die Überlegung: „Der Satz ‚Von Beileidsbekundungen am Sarg (Grab) bitten wir abzusehen‘, ist eine Ausladung in einer Einladung.“

Durch die Bekanntgabe des Trauertermins werde die Trauergemeinde explizit zum gemeinsamen Abschiednehmen eingeladen. Gleichzeitig bitte man sie aber darum, nicht zu kondolieren. Da frage man sich: „Ist meine Anwesenheit überhaupt erwünscht?“

Sicherlich bedeutet der Gang zum Friedhof, dass man den Verstorbenen auf seinem letzten Weg begleitet. Doch die Teilnahme gehört den Angehörigen. Wenn man ihnen aber nicht beistehen darf, keine Worte des Mitgefühls aussprechen kann, wozu dann das Dabeisein an der Trauerfeier?

Die Familie sitzt vorne, sieht nicht, wer überhaupt gekommen ist, später am Grab stehen sie abseits, blicken zu Boden. Wenn die Beisetzung der Urne beispielsweise erst später im engsten Familienkreis stattfindet, verlassen die Trauernden nach der Trauerfeier manchmal fluchtartig den Raum. Sie wollen niemanden sehen, mit niemanden sprechen, lassen damit aber die Trauergemeinde in einem Vakuum zurück.

Drei Menschen halten die Hände zusammen
The Good Funeral Guide
Beileidsbekundungen helfen den Trauernden.

Die Bitte von Beileidsbekundungen abzusehen verhindert schöne Begegnungen

„Würdest du mich bitte in das Trauerbuch eintragen“, bat mich einst eine Bekannte, „ich tue mir das nicht an, merkt eh keiner bei dieser großen Feier, ob ich da war oder nicht.“ Die Trauergemeinde zählt plötzlich nur noch als Masse (Oh, es waren aber viele bei der Beerdigung!), nicht mehr jeder Einzelne wird beachtet. „Hast du die Arbeitskollegen von Fabian gesehen?“, fragte mich meine Cousine, die auch ihren Sohn (25-jährig) zu Grabe tragen musste. Ihre Bekannte hatte es ihr erzählt und es hat sie zutiefst berührt, dass diese die weite Reise angetreten waren. „Bitte von Beileidsbekundungen abzusehen“, stand auch in Fabians Todesanzeige und verhinderte eine wunderbare Begegnung.

Beileidsbezeugungen werden – wie Pfarrer Quast meint – oftmals zu Unrecht in den Verdacht der Heuchelei gebracht. Das kann auch Stephan Fischer bestätigen: „Es herrscht leider manchmal auch die Meinung, dass Menschen, die sich im Leben nicht um die Verstorbenen gekümmert haben, dies jetzt auch im Tod nicht mehr machen müssten.“ Doch egal wie man zum Verstorbenen zu Lebzeiten stand: Wer zur Beerdigung kommt, zeigt damit, dass es doch eine Verbindung gab, und die meisten sind ehrlich betroffen vom Tod, sonst würden sie erst gar nicht kommen. Denn zu einer Beerdigung zu gehen, gehört heute nicht mehr zum guten Ton, wie es früher einmal der Fall war.

Unsplash+/Pablo Merchán Montes
Durch Beileidsbekundungen können die Hinterbliebenen den Verstorbenen nochmal erleben.

Persönliche Begegnungen am Grab: Den Verstorbenen nochmal erleben

„Ihr Sohn hat meinem Sohn, der nur die Hauptschule besuchte, nie das Gefühl gegeben, er, der Gymnasiast, wäre etwas Besseres.“ „Ich werde Andreas nie vergessen.“ „Ihr Sohn war der Einzige, der mich stets höflich gegrüßt hat.“ „Andreas war wunderbar, ich bin froh, dass er mein Freund war.“ All diese Worte bekam ich am Tag seiner Beerdigung zu hören. Ja, ich konnte dabei meine Tränen nicht zurückhalten, aber ich habe mich über diese Sätze gefreut.

Sie haben mir meinen Sohn vor Augen geführt, wie er für seine Mitmenschen war. Es sind diese Begegnungen am Grab, die ich für alles Geld der Welt nicht missen möchte, und ich habe nur einen Wunsch: Streichen sie den unleidigen Satz „Von Beileidsbekundungen am Sarg bitten wir abzusehen.“