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Pfarrerinnen und Pfarrer erklären

Warum der Buß- und Bettag wichtig ist

Ist es heute noch zeitgemäß, am Buß- und Bettag in den Gottesdienst zu gehen – obwohl der Tag kein staatlicher Feiertag mehr ist? Und wenn ja, weshalb ist dieser Gottesdienst so wichtig und was macht ihn zu einem besonderen Ereignis? Von Antje Schmitz und Nicole Marten

Eine aufgeschlagene Bibel liegt auf einem Tisch. Eine Person sitzt an dem Tisch, hat ihre Hände auf der Bibel wie zum Gebet gefaltet.
Unsplash/Patrick Fore

Der Buß- und Bettag ist ein evangelischer Feiertag. Er gehört zu den sogenannten beweglichen Feiertagen und wird jedes Jahr am Mittwoch nach dem Volkstrauertag und vor dem Ewigkeitssonntag begangen, in diesem Jahr am 19. November. 1995 wurde der Buß- und Bettag als gesetzlicher Feiertag zur Finanzierung der Pflegeversicherung in allen Bundesländern außer in Sachsen abgeschafft. Die evangelische Kirche bezeichnet die Abschaffung bis heute als Fehlentscheidung. In Bayern haben Kinder schulfrei, so dass viele Eltern einen Urlaubstag nehmen müssen.

Doch auch wenn der Bußtag kein staatlicher Feiertag mehr ist, hat er seinen festen Platz im Kirchenjahr nicht verloren. Er ist ein Tag der Umkehr, der Neuorientierung und dient auch dem Nachdenken über gesellschaftliche Fehlentwicklungen. Viele Gemeinden laden meist für den frühen Abend zu Andachten ein, um Berufstätigen die Teilnahme zu ermöglichen. In Bayern, Baden-Württemberg, Sachsen, Sachsen-Anhalt sowie im Saarland gilt ein Tanzverbot.

Ursprung des Buß- und Bettages

Ursprünglich wurden Bußtage aus aktuellen Anlässen ausgeschrieben, wie etwa während des Dreißigjährigen Kriegs (1618-1648). Sie hatten öffentlichen Charakter: Die gesamte Bevölkerung wurde angesichts von Notständen und Gefahren zu Buße und Gebet aufgerufen. Im 19. Jahrhundert verständigten sich die evangelischen Landeskirchen auf die Einführung eines allgemeinen Buß- und Bettags.

Fünf Pfarrerinnen und Pfarrer erklären, warum ihnen der Buß- und Bettag wichtig ist

Was macht den Buß- und Bettag zu einem besonderen Tag im Verlauf des Kirchenjahrs? Drei Pfarrerinnen und zwei Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg geben Antworten, warum ihnen der Gottesdienst so wichtig ist. 

Stefanie Bauspieß lächelt in die Kamera.
privat
Stefanie ­Bauspieß ist Pfarrerin in Ulm-Grimmelfingen.

Schuld und das Erlebnis, davon frei zu werden

Warum lohnt es sich, an Buß- und Bettag in den Gottesdienst zu gehen?

Im Alltag spüren wir zwar oft die Auswirkungen von Schuld, aber wir schaffen es nur selten, das ohne ­unproduktive Selbstvorwürfe oder unangebrachte Vorwürfe zu klären. Streit- und Versöhnungskultur gehen uns verloren. Im Gottesdienst wird man oft konkret an die Hand genommen, um mit Hilfe von Texten oder Bibelgeschichten über Schuld im eigenen Leben nachzudenken. Im besten Fall gibt es Symbolhandlungen, die helfen, die eigene Schuld bewusster wahrzunehmen und vielleicht auch loslassen zu können oder anderen zu verzeihen.

Was ist das Besondere an diesem Gottesdienst?

Die notwendige Beschäftigung mit Schuld und das Erlebnis von Freiwerden von Schuld. Feiert man gemeinsam Abendmahl, findet die Bewegung von Sündenbekenntnis und Vergebung fühlbar statt. Auch ohne Abendmahl wird deutlich: Schuld passiert nicht nur mir. Im besten Fall spüren wir gemeinsam, dass unsere Last leichter wird, weil wir als Christen wissen dürfen, dass Gott uns liebt, auch wenn wir schuldig geworden sind. Dass wir zu ihm kommen und neu beginnen dürfen.

Stefanie Bauspieß, Ulm-Grimmelfingen

Pfarrer Markus Eckert steht vor einer Leinwand. Er trägt eine Brille, hat graue Haare und einen Bart.
privat
Markus Eckert ist Pfarrer in Fellbach-Oeffingen.

Am Buß- und Bettag fragen: Bin ich mit mir noch in Kontakt?

Warum lohnt es sich, an Buß- und Bettag in den Gottesdienst zu gehen?

Es lohnt sich immer, in einen Gottesdienst zu gehen! Aber an Buß- und Bettag liegt der Fokus besonders auf der Frage: Wie ist das eigentlich mit mir? Wie geht es mir? Bin ich mit mir noch in Kontakt? Gehe ich noch den Weg, den ich auch gehen möchte? Wo ist Gott für mich im Moment? So sehne ich mich nach ihm. In ­anderen Zusammenhängen würde man vielleicht sogar von Retreat (spirituelle Ruhe) sprechen.

Was ist das Besondere an diesem Gottesdienst?

Er bietet viel Raum. Wir nennen unseren Gottesdienst bewusst Blues- und Bettag und hören viel Musik von einer Blues- beziehungsweise Jazzband. Nicht, weil wir nicht singen können oder wollen, sondern weil wir Raum geben wollen, in uns zu hören. Der Blues ist da, finde ich, besonders geeignet: Er kombiniert die Klage über das Vergangene mit einer trotzigen Zuversicht. Die Idee zu diesem Gottesdienst habe ich aus Norddeutschland mitgenommen. Denn ein Bluesgottesdienst passt wunderbar zu uns, weil wir dreimal im Jahr Jazz-Konzerte mit Impuls haben. An Buß- und Bettag wird es bewusst liturgisch-meditativ.

Markus Eckert, Fellbach-Oeffingen

Eine Frau sitzt an einem Tisch.
privat
Regina Korn ist geschäftsführende Pfarrerin im Pfarramt Nord von Bad Mergentheim.

Innehalten, nachdenken – und getröstet weitergehen

Warum lohnt es sich, an Buß- und Bettag in den Gottesdienst zu gehen?

Ein Abendgottesdienst mitten in der Woche – das ist vom Buß- und Bettag übrig geblieben für die meisten von uns. Einzelne kommen noch nach der Arbeit zum Abendgottesdienst in die Kirche. Die Chance liegt darin, dass dies mitten im Alltag ­geschieht, eine Unterbrechung der Routine während der vollgefüllten Woche. Ich erlebe es so, dass gerade darin das Besondere liegt. An diesem Abend schließt keine Sitzung den Arbeitstag ab, sondern ein Gottesdienst. Wie wohltuend!

Was ist das Besondere an diesem Gottesdienst?

Für mich ist der Gottesdienst an Buß- und Bettag ein Ort, um innezuhalten, um auch einmal auf die Stellen meines Lebens zu schauen, die schmerzen. Und um das zu benennen, was in der Welt geschieht, mit dem ich nicht zurechtkomme. Es gelingt nicht alles im Leben, es wird nicht alles gut. Auch diese Geschichten gehören zu meinem Leben. Ich muss mir und anderen und auch Gott nichts vormachen, davon erzählt dieser Feiertag. Es tut gut, darüber nachzudenken. Danach kann ich wieder weitergehen, getröstet, aufgerichtet, gehalten von meinem Gott.

Regina Korn, Bad Mergentheim

Porträt von Cora Böttiger
privat
Cora Böttiger ist Gemeindepfarrerin in Bad Wurzach, Dekanat Ravensburg, und zudem als Gottesdienst­beraterin tätig.

Wahrhaftiger Blick auf eigene Schwächen werfen

Warum lohnt es sich, an Buß- und Bettag in den Gottesdienst zu gehen?

Er hat einen ganz eigenen Charakter. Seit der Abschaffung als gesetzlicher Feiertag 1995 wird er in der Regel abends gefeiert. Der Abend ist, so finde ich, eine gute Zeit für das, was den Buß- und Bettag ausmacht: zur Ruhe kommen, nachdenken, sich neu orientieren. Mit Buße verbinden wir oft Strafe. Dabei ist nichts anderes gemeint, als sich auf das eigene Handeln zu besinnen und zu erkennen, wo was schiefgelaufen ist im Leben. Der Buß- und Bettag erinnert uns also an unsere Verantwortung für unser Handeln gegenüber Gott und unseren Mitmenschen.

Was ist das Besondere an diesem Gottesdienst?

Er bietet die Möglichkeit, mir bewusst Zeit zu nehmen und auf mein Leben zu schauen. Mit einem wahrhaftigen Blick auf meine Schwächen kommen meine eigene Schuld, aber auch Versäumnisse der Gesellschaft als Ganze in den Blick. Jesus hat die Menschen immer wieder zur Buße, zur Umkehr, aufgerufen. Er skizzierte dabei aber kein drohendes Gottesgericht, sondern verwies auf Gottes liebevolle Zuwendung zu den Menschen. Gottes Vergebung wird mir zugesprochen. Ein Neuanfang ist möglich.

Cora Böttiger, Bad Wurzach

Julian Scharpf sitzt auf einer Kirchenbank. Im Hintergrund ist eine Kirche von Innen zu sehen. Der junge Mann trägt eine Brille, ein weißes Hemd und einen Kurzhaarschnitt.
privat
Julian Scharpf ist Pfarrer in Ulm.

In Gemeinschaft innehalten und Vergebung am Buß- und Bettag erfahren

Warum lohnt es sich, an Buß- und Bettag in den Gottesdienst zu gehen?

Mein erster Impuls ist: Es lohnt sich nicht nur am Buß- und Bettag, in den Gottesdienst zu gehen! Zugleich ist es für mich ein besonderer Feiertag und es ist schade, dass er bei uns kein staatlicher Feiertag mehr ist. Der aktuelle gesellschaftliche Festkalender scheint inzwischen eine Lücke in der Zeit zwischen Halloween und Weihnachten aufzuweisen, während er die herbstlichen Feiertage der Buße und Trauer weniger kennt. Das ist beklagenswert, weil da etwas verloren geht an kollektiver Erfahrung, die dann eher individuell bewältigt werden soll. Dabei ist es wichtig, auch in Gemeinschaft innezuhalten, sich seiner Schuld bewusst zu werden, Vergebung durch Gott zu erfahren und Möglichkeiten zur Kurskorrektur zu erkennen.

Was ist das Besondere an diesem Gottesdienst?

Die Worte „Sünde“, „Buße“, „Vergebung“ und „Umkehr“ werden so übertragen, dass ich spüre, wie sie mein Leben und unsere Gesellschaft betreffen. Der Gottesdienst lässt mich innehalten: Wo stehe ich, wo gehe ich hin; was gelingt mir, wo läuft etwas schief? Im Abendmahl erfahre ich Vergebung und kann mich neu ausrichten.

Julian Scharpf, Ulm