Großeltern haben es leicht, geduldig zu sein. Die sind ja nur zu Besuch. Oder die Enkel sind zu Besuch bei ihnen. Auch wenn Oma und Opa regelmäßig babysitten, ist das immer nur vorübergehend. Da fällt es einem leicht, geduldig zu sein. Die Großeltern müssen ja nicht jeden Tag Geduld üben.
Das höre ich oft – mit leisem Seufzen von den Eltern der Enkel. Manchmal auch von den Großeltern selbst mit einem kleinen Lächeln. „Es ist so schön, wenn sie kommen! Aber es ist auch schön, wenn sie gehen und wir wieder unsere Ruhe haben.“
Großeltern haben Zeit. Das scheint mir das Wichtigste. Mehr Zeit als ihre Kinder, die berufstätig sind und auch sonst mancherlei Verpflichtungen haben. Der Wocheneinkauf, die viele Wäsche, die Steuererklärung, der Reifenwechsel, die Elternabende, der Kuchen fürs Fußballturnier, vielleicht reicht es in dieser Woche wenigstens noch fürs Fitnessstudio. Da muss alles schnell gehen, damit man alles schafft.
Großeltern, die es eilig haben, verlieren auch die Geduld. Aber in der Regel haben sie Zeit. Sie haben weniger Termindruck und wissen: Was ich heute nicht schaffe, das kann ich auch morgen noch machen. Das entlastet und hilft, geduldig bei jedem Steinchen und jedem Käferchen stehen zu bleiben, die das Enkelkind anschauen möchte. Und man kann auch noch ein drittes Mal „Lottikarotti“ spielen, wenn man nicht pünktlich noch zu irgendeiner Verpflichtung muss.
Zur Geduld kommt die Lebenserfahrung. Die sagt den Großeltern, dass Rom auch nicht an einem Tag erbaut wurde. Deshalb können sie gelassen bleiben. Wenn das Enkelkind mit fünf Jahren seinen Namen nicht schreiben kann, dann lernt es das eben mit sechs oder mit sieben.
Vielleicht fällt solche Gelassenheit Oma und Opa deshalb leichter, weil sie sich nicht so sehr wie die Eltern verantwortlich fühlen für den Erfolg ihrer Kinder. Eltern möchten, dass ihre Kinder es weit bringen. Ist es nicht ihre Aufgabe, den Kindern dabei zu helfen? Deshalb messen Eltern sich und ihre Kinder oft mit anderen. Tim kann das schon, aber unsere Emma noch nicht. Machen wir da etwas falsch?
Oma und Opa dagegen wissen, auch was lange währt, wird endlich gut. Deshalb sehen sie, was die Enkel können und gern und gut machen. Und das loben sie. Kinder, die spüren, dass die Erwachsenen nicht mit ihnen zufrieden sind, haben schnell keine Lust mehr, es weiterzuprobieren. Aber wer gelobt wird, lernt Geduld für das, was noch nicht so gut klappt.