Erwachsene stehen jedes Jahr aufs Neue vor der Frage: Was sollen wir den Kindern nur schenken? Da hat man zuweilen den Eindruck, dass es neben dem neuesten Handy und schicken Klamotten reich gar nichts mehr gibt. Doch das stimmt nicht. Aus einer aktuellen statisa-Umfrage geht hervor, dass auch Puppen auf dem Wunschzettel der Sechs- bis Dreizehnjährigen noch immer eine ziemlich große Rolle spielen.
„Die Puppe war schon immer und ist bis heute das wichtigste Spielzeug des Kindes“, schreibt Gabriele Pohl, Diplompädagogin, Kindertherapeutin und Begründerin des Kaspar-Hauser-Instituts für heilende Pädagogik, Kunst und Psychotherapie in Mannheim.
Mit der Puppe geht das Kind durch Höhen und Tiefen, an ihr übt es sich in Empathie und sozialer Intelligenz und entwickelt so eine Ich-Identität.
sagt Gabriele Pohl
Die Zahlen geben Pohl recht: Der Markt für Puppen und Plüschtiere in Deutschland wird 2024 laut statista einen Umsatz von rund einer Milliarde Euro erzielen – Tendenz steigend. Die Nachfrage nach hochwertigen Puppen und Plüschtieren in Deutschland spiegelt das wachsende Interesse an traditionellem Spielzeug wider sowie die Wertschätzung für handgefertigte Produkte.
Eine Leidenschaft dafür hat Giuseppe Ricucci, Inhaber der „Puppenklinik“ im Stuttgarter Bohnenviertel. Wie vielen lädierten Puppen er seit Eröffnung seiner Spezialklinik 1995 neues Leben eingehaucht hat, weiß er nicht. „Hunderten, vielleicht Tausenden“, sagt der 62-Jährige. Für manche seiner Kunden ist er die letzte Hoffnung. „Sie wollen, dass ihre Puppe wiederhergestellt wird – ob für sich selbst oder als Geschenk für ihre Kinder oder die Enkel.“ Dafür nehmen sie schon mal eine weite Anreise auf sich.
Ich hatte Kunden aus Italien und Spanien, aber auch schon aus Australien und den USA.
sagt Giuseppe Ricucci
Gerade haucht er einer Puppe von 1914 neues Leben ein, die in der einst von der im thüringischen Waltershausen ansässigen Firma „Kämmer & Reinhardt“ gefertigt wurde. Anders als Billigprodukte von der Stange hatten diese Puppen Charakter, findet der Puppendoktor. „In ihrer schlichten Schönheit haben sie die Fantasie der Kinder angeregt und waren Teil der Familie.“
Auch Gabriele Pohl hält nicht viel von modernen, hochgerüsteten Puppen: „Puppen, die alles können, auf Knopfdruck weinen, lachen, sprechen, in die Hosen machen, Kusshändchen werfen oder was sich die Spielwarenindustrie noch so alles einfallen lässt, lassen für die Fantasie des Kindes keinen Raum.“
Prinzipiell gelte: Je jünger das Kind ist, desto einfacher kann und soll die Puppe sein. „Je weniger festgelegt die Puppe ist, desto mehr Fantasie braucht das Kind, um zu ergänzen, was nur angedeutet ist“, erklärt Pohl.
Je weniger Gesichtsausdruck vorgegeben ist, desto mehr Gefühlsqualitäten kann das Kind in seine Puppe hineinlegen.
sagt Gabriele Pohl
Im Idealfall sollten Eltern für ihre Kinder selbst eine Puppe anfertigen, meint die Pädagogin. „Das regt eher zum Spielen an als das Arsenal an perfekter Massenware, wie man es leider in den meisten Kinderzimmern vorfindet.“
Dann räumt sie noch mit einem Vorurteil auf: dass Puppen nur etwas für Mädchen seien. Kuscheltiere, mit denen Jungs häufiger spielen, erfüllten zwar eine ähnliche Funktion wie Puppen:
Dennoch halte ich es für wichtig, dass Jungen mit Puppen spielen. Schließlich werden sie später ja auch nicht Väter von Schlappohrhasen oder Zottelbären.
sagt Gabriele Pohl