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Pflege

Wenn junge Menschen sich um kranke Angehörige kümmern

Im Schnitt sitzen in jeder Schulklasse zwei Kinder oder Jugendliche, die Angehörige pflegen. Sie stehen oft unter großen Belastungen. Doch es gibt Ansätze, um ihnen zu helfen. Von Pat Christ (epd)

Verantwortung in jungen Jahren: Wenn Jugendliche zu Pflegenden werden

Das Härteste sei anfangs gewesen, die Großmutter nackt zu sehen. „Auch für meine Oma war das schlimm“, erzählt Martin Frank. Fünf Jahre lang pflegte er seine Großmutter sowie deren Schwester. Die Großmutter war nach einem Schlaganfall pflegebedürftig geworden, die Großtante dement. Auch wenn die fünf Jahre nicht leicht waren, sagt er heute: „Das war für mich eine Charakterschule.“

Sechs Prozent betroffen: Wie viele junge Menschen tatsächlich pflegen

Der heute 34-Jährige wurde mit 19 ein sogenannter Young Carer, ein junger Pflegender. Von denen gibt es weit mehr, als man denken könnte. Eine Studie aus dem April 2026 schätzt den Anteil von pflegenden Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 10 und 22 Jahren auf gut sechs Prozent. Im Schnitt sitzen also in jeder Schulklasse zwei Young Carer. Überwiegend pflegten sie ihre eigenen Eltern.

Zwischen Ausbildung und Pflegealltag: Der Balanceakt eines 19‑Jährigen

Martin Frank war 19 Jahre alt, als er anfieng, sich neben der Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten um seine Großmutter zu kümmern. Seine Ausbildungsstätte befand sich in der Nähe des Bauernhofs auf dem die Großmutter lebte

Ich konnte meine Oma zwischendurch auf Toilette bringen.

sagt Martin Frank

An diese intimen Pflegesituationen, erzählt Martin Frank, habe er sich rasch gewöhnt. Wie belastend die Pflege psychisch war, merkte er erst Jahre später: „Ich bekam Neurodermitis.“ Die führte er zunächst auf die Desinfektionsmittel zurück. Nachdem seine Großmutter und seine Großtante, starben, kam der junge Mann nicht mehr mit Desinfektionsmitteln in Berührung, doch die Haut juckte weiter. Daher rät Martin Frank anderen Young Carern, sich regelmäßig eine Auszeit zu gönnen: „Geschieht dies nicht, können auch junge Pflegende in einen Burnout schlittern.“

Jugendliche sollen keine pflegerische Verantwortung übernehmen

Die Pflegewirtin Sabine Wenzel-Geier vom Pflegestützpunkt im unterfränkischen Rhön-Grabfeld erklärt, es sei wichtig, zwischen normalen familiären Hilfeleistungen und belastendem Engagement zu unterscheiden. Werde ein Kind aufgefordert, hin und wieder nachmittags mit der demenzkranken Großmutter Mensch-ärgere-dich-nicht zu spielen, sei dies ein normaler sozialer Akt. Etwas anderes sei es, gehe die pflegerische Verantwortung eines Jugendlichen so weit, Papas Windeln zu wechseln und ihn im Intimbereich zu waschen.

Eine Reha für junge Pflegende

Seit 2022 werden Young Carer in dem Krankenhaus der Johanniter rehabilitiert. Die Nachfrage steige, erklärt Pädagogin Sandra Teckentrup von der Kinderfachklinik im nordrhein-westfälischen Bad Sassendorf. 2022 nahmen 4 Young Carer das Angebot wahr, 2025 bereits 34.

Typisch für Young Carer ist laut Teckentrup ein ausgeprägtes Verantwortungsgefühl, aus dem heraus Schuldgefühle entstehen können. Allein der Wunsch, etwas mit Freunden zu unternehmen, fühle sich für Jugendliche mitunter so an, als würden sie das pflegebedürftige Familienmitglied im Stich lassen.

Gesundheitliche Folgen: Von Erschöpfung bis Konzentrationsproblemen

  • depressive Verstimmungen
  • Ängste
  • Erschöpfung
  • Schlafstörungen
  • Konzentrationsprobleme

In der Reha lernen Young Carer, ihre Bedürfnisse wieder wahrzunehmen. Unter anderem werden konkrete Situationen würden besprochen und zum Teil eingeübt. Etwa: Wie sage ich meiner Familie, dass ich heute eine Pause brauche?