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47. Stuttgarter Tage der Medienpädagogik

Wie Deepfakes Medien und Gesellschaft beeinflussen

Wie behalten wir bei der Fülle an Informationen den Durchblick? Wem können wir aufgrund von „Deepfakes” noch trauen? Die Stuttgarter Tage der Medienpädagogik haben versucht, Antworten auf diese Fragen zu finden. Von Franciska Bohl

Ein Mann und eine Frau stehen auf einer Bühne. Hinter ihnen steht auf einer Leinwand: "Wir sprechen mit ChatGPT"
SWR/Patricia Neligan
Leonie Maderstein (links) moderierte die Stuttgarter Tage der Medienpädagogik. Zur Schlussrunde war die KI gefragt – gesteuert von Simon Maier (SWR).

Die 47. Stuttgarter Tage der Medienpädagogik standen unter dem Motto „Wahrheit und Realität im digitalen Zeitalter“.

Organisiert wurde die Veranstaltung sie vom Evangelischen Medienhaus Stuttgart, der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart, der Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg, der Landeszentrale für politische Bildung, dem SWR, dem Landesmedienzentrum und der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur.

Die Macht der Medien: Einfluss und Auswirkungen

„Das TV ist ein Spiegelkabinett, mit dem die Realität vorgetäuscht wird.“ Das Zitat aus historischen Archivunterlagen stammt aus dem Jahr 1978 – und zeigt, dass die Diskussion um Einfluss und Auswirkungen der Medien die Gesellschaft nicht erst seit ein paar Jahren beschäftigt.

Der Diskurs über Meinungsfreiheit steht im Fokus, die Wahrheit in der digitalen Wirklichkeit „ist algorithmisch geprägt“, so beschreibt es Fabian Karg, stellvertretender Direktor des Landesmedienzentrums Baden-Württemberg. Er war einer der Podiumsgäste bei 47. Stuttgarter Tagen der Medienpädagogik im SWR Funkhaus Stuttgart.

Deepfakes: Eine neue Form der Desinformation

Eine große Rolle bei dem Thema spielt die Diskussion um so genannte „Deepfakes“: Der Begriff beschreibt realistisch wirkende Medieninhalte, die durch Techniken der künstlichen Intelligenz (KI) verfälscht worden sind. Während diese sich vor ein paar Jahren nur auf Bilder bezog, geht es dabei heute um Fotos, Filme und Videos, die durch KI manipuliert worden sind. Dadurch erscheinen Menschen, Orte, Gegenstände oder Ereignisse echt, obwohl sie gefälscht wurden.

Die Technologie hinter Deepfakes verändert sich schnell

„Gesichter werden vertauscht, Lippen- oder Körperbewegungen vorgetäuscht“, beschreibt es Maria Pawelec. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin der Forschungsgruppe Robotik und KI an der Uni Tübingen zeigt an diesem Seminartag anschauliche Beispiele, was für Bilder hierzu mit entsprechenden Programmen in Sekundenschnelle erstellt werden können.

So ist Friedrich Merz zu sehen, wie er zusammen mit seinem Politikerkollegen Olaf Scholz in entspannter Freizeitkleidung Golf spielt. Alles nicht echt – obwohl es so scheint. „Vor ein paar Jahren benötigte man hierfür noch ein besonderes technisches Knowhow. Heute reicht eine Minute Audiomaterial und ich kann Fake-Bilder erstellen“, sagt Pawelec. Bald könne man auf dem Handy einen Text eingeben und erhalte „ein hollywoodreifes Video“.

Zumal man auf dem kleinen Bildschirm des Handys kaum unterschieden kann, ob solche Videos echt sind oder nicht, darauf weist Thomas Rathgeb, Leiter der Abteilung Medienkompetenz bei der Medienanstalt für Baden-Württemberg, hin.

Die Auswirkungen von Deepfakes auf Medien und Gesellschaft

Eine Frau steht an einem Rednerpult, hinter ihr ist eine große Leinwand auf der Menschen abgebildet sind.
SWR/Patricia Neligan
Etliche Beispiele von Deepfakes wurden auf der Tagung gezeigt.

Damit sind Manipulationen, etwa beim Wahlkampf, Tür und Tor geöffnet. Davon zeugen etwa im Vorfeld der US-Wahlen in Umlauf gebrachte Fotos von jungen „Swifties“, also jungen Taylor-Swift-Anhängerinnen, die vermeintlich für Donald Trump warben. Auch hierzulande wurden Friedrich Merz Aussagen in den Mund gelegt, mit denen er angeblich seine Verachtung für die Demokratie zum Ausdruck brachte.

Wo beginnt Satire – und ab wann spricht man von Desinformation? Welchen Einfluss haben Deepfakes auf das Wahlverhalten? Keine sonderlich große, meint Maria Pawelec.

Die Wahlentscheidung eines einzelnen ist komplex und unklar. Es ist eher so, dass bereits bestehende Überzeugungen dadurch gestärkt werden.

sagt Maria Pawelec

Ein anderes Beispiel zeigt ein Foto von Wrestlerinnen, die in Indien gegen sexuellen Missbrauch protestiert hatten und deshalb verhaftet wurden. Dazu kursierten Fotos, auf denen es so aussah, als ob die Verhafteten lächeln würden.

Fest steht: Deepfakes tragen zum Vertrauensverlust in die Berichterstattung bei. Vor allem die etablierten Medien werden dadurch neu hinterfragt und geschwächt. „Mit dem Verweis auf Deepfakes werden Zweifel an der Echtheit der Realität gestreut“, sagt Pawelec.

Mit Deepfakes können aber auch zum Beispiel Reden verstorbener Persönlichkeiten reaktiviert werden, so dass sie zu uns in der Gegenwart sprechen. Dadurch kann Geschichte einerseits lebendig gemacht und jungen Menschen näher gebracht werden. Anderseits besteht dadurch die Gefahr der Manipulation, dass bereits verstorbenen Prominenten Worte in den Mund gelegt oder Ansichten unterstellt werden, die sie so nie vertreten hätten.

Auch im privaten Umfeld werden solche Methoden populär – immer mehr Minderjährige erstellen Deepfakes von Mitschülern, Mobbing ist damit Tür und Tor geöffnet.

Was tun gegen Deepfakes?

Was also tun? Eine einfache oder eindeutige Antwort darauf gibt es nicht, das wurde im Verlauf der Debatte deutlich. „Wir brauchen mehr Regulierung, zum Beispiel ein Verbot von Deepfake-Pornografie, aber auch Transparenzpflicht. Und Berufsethik muss gefördert werden“, sagt Maria Pawelec. Auch die Kennzeichnungspflicht für retuschierte Darstellungen steht als eine Lösung im Raum, professioneller Journalismus müsse gefördert werden.

Noch gebe es recht wenige Programme, die sich auf digitaler Ebene gut zur Überprüfung solcher Deepfakes eigneten. Pawelec hält es daher für wichtig, Quellen zu hinterfragen und sich digitaler Möglichkeiten wie etwa im Internet der Bilderrückwärts-Suche zu bedienen. Sie warnt allerdings davor, „zu viel Verantwortung auf den Einzelnen abzuwälzen“.

Die Geschichte der Entstehung von Deepfakes gibt es zusammengefasst beim Medienkompass.

Für Fabian Karg spielt „die Vorbildfunktion der Erwachsenen“ eine entscheidende Rolle, um gerade junge Menschen entsprechend zu sensibilisieren. Bei kursierenden Bildern und Nachrichten sei es wichtig, nachzufragen: „Woher hast du diese Information? Kannst du das bezeugen?“ Oder, falls möglich, selbst nach der Wahrheit zu recherchieren, mit Betroffen zu sprechen und sich ein Bild zu machen. Das sei natürlich bei lokalpolitischer Berichterstattung und im privaten Umfeld einfacher als auf der auf der großen Bühne der Politik. Wichtig also: „Die kritische Neugier immer beibehalten, nicht still sein“.

Wir müssen in Dialog treten – und auch im privaten Umfeld Inhalten widersprechen und in Frage stellen, die einem suspekt vorkommen.

sagt Fabian Karg