Andauernde Einsamkeit ist in unserer Gesellschaft weiter verbreitet als gedacht und betrifft keineswegs nur Randgruppen. Sie wirkt oft unterschwellig und ist oft schambehaftet. Das hat auch eine aktuelle Umfrage von Diakonie und Caritas gezeigt, die von Januar bis März 2025 unter deren Beratungsstellen und Hilfeeinrichtungen durchgeführt wurde. Daran beteiligt haben sich 310 Beraterinnen und Berater aus ganz Baden-Württemberg.
63 Prozent der Beratungsstellen sagen, dass Einsamkeit sehr häufig ein Thema in den Gesprächen ist. Doch die wenigsten trauen sich, gezielt wegen ihrer Einsamkeit Hilfe zu holen. In 83 Prozent der Fälle taucht dieses Problem erst im Verlauf einer Beratung auf, bei der es zunächst um andere Schwierigkeiten geht. Und bei 13 Prozent der Betroffenen kommt das Thema Einsamkeit nur auf den Tisch, weil die Beraterin gezielt danach fragt. „Das gibt uns zu denken“, sagt die Freiburger Diözesan-Caritasdirektorin Birgit Schaer in ihrem Statement. „Es geht also auch darum, die Sprachlosigkeit, die mit dem Thema einhergeht, zu überwinden.“
Was ist zuerst da? Die Einsamkeit oder das mit ihr verbundene Problem? „Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo in der Mitte“, meint die Vorstandsvorsitzende der Caritas. Eine Beratungsstelle kann natürlich keine sozialen Beziehungen ersetzen. Aber sie kann helfen, Schritte zu gehen, um aus der Einsamkeitsfalle herauszukommen. Und für etwa ein Drittel der Ratsuchenden wirkt sich schon allein das Beratungsgespräch positiv auf die Gemütslage aus. Ein großes Plus von Caritas und Diakonie: Sie haben Netzwerke bis in die Kirchengemeinden hinein, auf die sie einsame Menschen verweisen können – soziale Orte, Angebote und Räume, wo Menschen willkommen sind.
Was die Politik noch sucht, haben Caritas, Diakonie und Kirchen längst zu ihrer Aufgabe gemacht. Sie sind da, wo Menschen leben. Flächendeckend in Baden-Württemberg, gut vernetzt und sichtbar.
sagt Annette Noller, Vorstandsvorsitzende der Diakonie Württemberg
Das Angebot solcher Gesprächsräume trage dazu bei, dass Menschen nicht aufgrund von Einsamkeit in extreme Denk- und Verhaltensmuster abrutschen. „Caritas und Diakonie leisten auf diese Weise auch Demokratiearbeit“, sagt Noller.
Die kirchlichen Wohlfahrtsverbände in Baden-Württemberg mit rund 175 000 Arbeitsplätzen trügen maßgeblich zur Wertschöpfung der Gesellschaft bei, etwa wenn Menschen in Arbeitshilfemaßnahmen befähigt würden, sich wieder in die Arbeitswelt einzugliedern. Oder wenn Beratung verhindere, dass Menschen wegen einer schwierigen Lebenslage in das Bürgergeld abrutschten. Entlastende Angebote wie Tagesgruppen für alte oder behinderte Menschen verschafften Angehörigen Freiräume, um einer Arbeit nachzugehen.
Nicht zuletzt sind Kirchen und ihre Wohlfahrtsverbände mit ihrer Botschaft der Zuversicht Hoffnungsträger. Sie sind Orte der Gemeinschaft von Menschen, an denen miteinander gebetet und gefeiert wird. Orte, an denen erfahrbar wird, dass die Menschenfreundlichkeit Gottes allen Menschen gleichermaßen gilt. Jeder und jede ist wichtig für das Miteinander.
sagt Annette Noller