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Jiddische Sprache

Wie Jiddisch in Deutschland entstand – und warum wir es heute noch sprechen

Jiddisch hat seine Wurzeln im mittelalterlichen Mitteleuropa und beeinflusst bis heute das Deutsche. Viele geläufige Begriffe stammen aus dieser lebendigen Sprache – oft ohne dass wir es wissen. Welche das sind, erklärt Michael Rubinstein, Gemeindedirektor der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs. Von Claudio Murmann

Jiddisch hat seinen Ursprung im Mittelalter

Jiddisch ist ein Geflecht vieler Sprachen – „eine Mischung aus dem Deutschen, aus dem Hebräischen, durch Zu- und Abwanderung hat es mittlerweile slawische Einflüsse“, erläutert Rubinstein. Ursprünglich ist Jiddisch im Mittelalter als Umgangssprache der jüdischen Minderheit Mitteleuropas entstanden. Aber auch heute wird sie noch geschrieben und gesprochen. In Polen erscheint etwa mit „Dos Jidisze Wort“ eine zweisprachige Zeitschrift in polnisch und jiddisch. In den jüdisch-orthodoxen Nachbarschaften New Yorks und Jerusalems ist sie sogar noch immer gesprochene Alltagsprache.

Spuren jüdischer Sprache im Alltag

Jiddisch ist stark vom Deutschen geprägt. Einige Formulierungen haben es aber auch zurück in den deutschen Sprachgebrauch geschafft – sogenannte „Jiddismen“. Das Wort „Tacheles“ etwa geht auf das hebräische „Tachlit“ zurück. Wörtlich bedeutet das „Ziel“ oder „Absicht“. Wer Tacheles spricht, redet also mit einem Ziel – man möchte auf den Punkt kommen.

Auch „Schlamassel“ hat jiddische Wurzeln: „Masel“ bedeutet Glück – wie etwa im Glückwunsch „Masel tov“. Der „Schlamassel“ hingegen ist das Gegenteil: Das Unglück. Für manche sicher auch eher unglücklich: Hart arbeiten, also „malochen“. „Man könnte meinen, es kommt aus dem Ruhrgebiet“, witzelt Rubinstein – tatsächlich kommt es von „Malochet“ – hebräisch für „Arbeit“.

Manche Redewendungen haben die Übersetzung ins Deutsche nicht unbeschadet überstanden. Ein Beispiel: Der Wunsch „Hals- und Beinbruch“ geht auf die jiddischen Worte „Hazloche u Broche“ zurück, was so viel wie „Glück und Segen“ bedeutet. Diese Formulierung wurde sprachlich verzerrt ins Deutsche übernommen, eine „Verballhornung“ nennt man das.

Warum hängt der Haussegen schief?

Bei manchen Redewendungen ist die Herkunft nicht zweifelsfrei geklärt. Herrscht etwa zuhause schlechte Stimmung, hängt sprichwörtlich der Haussegen schief. Rubinsteins Erklärung: Der Haussegen – oder Mesusa – ist eine Schriftkapsel, die in einem jüdischen Haushalt an jedem Türrahmen befestigt wird. Darin enthalten ist das „Schma Jisrael“, das jüdische Glaubensbekenntnis. Aber warum hängt der Segen schief? Rubinstein erklärt: „Da sich die Gelehrten nicht einigen konnten, ob man ihn horizontal oder vertikal hängt, hat man sich auf diagonal geeinigt.“

Auch das Wort „Kaff“ hat laut Rubinstein einen jüdischen Ursprung. Es leite sich vom hebräischen „Kfar“ für Dorf ab. Im Deutschen wird es für einen kleinen oder abgelegenen Ort verwendet. Es gibt aber auch andere mögliche Erklärungen, beispielsweise mit „gāw“, dem Romani-Wort für Dorf.

Was ist ein Schmock?

Der „Schmock“ ist eine Beleidigung und bedeutet so viel wie „Dummkopf“. Der Ursprung ist aber deutlich derber. Rubinstein übersetzt: „Schmock ist auf gut Deutsch der Schwanz“ – das männliche Geschlechtsteil. Im Deutschen wäre das eine grobe Beleidigung, im Jiddischen sei es jedoch harmloser: Wie viele der Begriffe, die es aus dem Jiddischen ins Deutsche geschafft haben, werde auch der Schmock mit einem Augenzwinkern verwendet. Rubinstein nennt das typisch jüdische Leichtigkeit: „Masel und Schlamassel liegen bei uns oft nah beieinander.“

Mehr als nur einzelne Wörter

Für Rubinstein sind diese Begriffe mehr als sprachliche Kuriositäten. Sie verweisen auf die lange gemeinsame Geschichte von Juden und Nichtjuden im deutschsprachigen Raum. „Jiddisch ist der beste Beweis, dass es jüdisches Leben schon in den vergangenen Jahrtausenden gab“, resümiert Rubinstein, „und ist auch heute noch ein lebendiger Teil der deutschen Sprache ist, ohne dass man es weiß.“