Direkt zum Inhalt
Humanitäre Katastrophe nach Erdbeben

Zwischen Trümmern und Trauma: Hilfe für Venezuela

Erst bebte die Erde unter ihren Füßen, dann begann ihr Einsatz: Alexandra und Daniel Seel helfen den Erdbebenopfern in Venezuela. Von Judith Kubitscheck (epd)

Das Bild zeigt die wehende Flagge des Staates Venezuela.
unsplash+/Planet Volumes

Es ist Mittwochabend, der 24. Juni. Alexandra Seel hat es sich gerade auf dem Sofa in ihrer Wahlheimat Valencia in Venezuela gemütlich gemacht, als der Boden anfängt zu beben. Zunächst dachte die Erzieherin aus Deutschland noch, dass das Erdbeben sicherlich gleich aufhören würde.

Nachbeben versetzen Menschen in Angst

Doch das Beben wird stärker: Als die Schränke und Wände anfangen zu vibrieren, flüchtet Alexandra Seel mit ihrem Mann Daniel unter einen tragenden Balken im Wohnzimmer. Nach eingen Sekunden ist das Doppelbeben, das sich für die beiden wie eine Ewigkeit anfühlt, vorbei. Für Zigtausende Menschen in der Region sind die Folgen katastrophal. Zuerst helfen die Seels einer Nachbarin, die im Rollstuhl sitzt und vor Angst völlig aufgelöst ist, aus dem Haus. Mehrere Nachbeben
folgen. Obwohl Valencia sehr nah am Epizentrum des Erdbebens liegt, ist es weniger betroffen als die 160 Kilometer entfernte Hauptstadt Caracas und die dortige Küste.

Zwei Männer schauen in die Kamera, während sie einen Wasserfilter installieren.
privat
Daniel Seel (links) installiert mit einem Mitarbeiter einen Wasserfilter direkt im Katastrophengebiet in La Guaira.

Hilfseinsatz unter schwierigsten Bedingungen

Kurz später fahren die beiden, die für die christliche Organisation „Coworkers” mit Sitz in Stuttgart arbeiten, in die Stadt La Guaira an die Küste, wo die Zerstörung verheerend ist. Im Kofferraum dabei: Hilfsgüter und Löschkalk für eine hygienische Bestattung. Daniel Seel unterstützt als Techniker und Logistiker Infrastrukturprojekte vor Ort.

Schon bevor man im Erdbebengebiet ankommt und die Zerstörung sieht, riecht man den Verwesungsgeruch.

erzählt Daniel Seel

Von Haiti nach Venezuela: Im Einsatz für Erdbebenopfer

Das Ehepaar, das aus dem sächsischen Vogtland stammt kennt sich mit Erdbeben aus: Die Seels verbrachten bereits fünf Jahre in Haiti nach dem dortigen schweren Erdbeben, um beim Wiederaufbau zu helfen. Diese Zeit hat sie geprägt.

Man gewöhnt sich an die Bilder von eingestürzten Häusern.

sagt Daniel Seel

Aber an die tragischen Schicksale der Menschen werden sich die beiden nie gewöhnen. „Wir haben hautnah mitbekommen, wie eine Mutter schon seit sieben Tagen um ihren Sohn bangte, der unter den Trümmern lag, haben ihre Erschöpfung und ihr ängstliches Hoffen gespürt”, sagt Alexandra Seel. Sie sprachen auch mit Familien, die alles verloren haben.

Porträt von Alexandra und Daniel Seel
privat
Die Seels halfen bereits beim Wiederaufbau in Haiti.

Große Hilfsbereitschaft trotz schwerer Zerstörung

Auch wenn einige internationale Notretter, die Leute bergen, bereits das Land wieder verlassen, befindet sich Venezuela weiter im absoluten Katastrophenmodus. Dabei sei die Solidarität enorm und die Hilfsbereichtschaft riesig.

Selbst die Ärmsten geben Nahrungsmittel und Kleidung an Spendenstellen für die Erdbebenopfer ab.

berichtet Alexandra Seel

Zwischen medizinischer Hilfe und Traumabegleitung  

Dringend benötigt werden medizinische Produkte, wie Verbandsmaterial oder Medikamente, die es vor Ort nicht gibt. Es gebe hoch motiviertes medizinisches Personal, aber das Material fehle überall. Das sei nötig, damit die mobilen Kliniken des Baptistenbunds vor Ort, dem Projektpartner der Seels, weiter betrieben werden könnten.

Der Verbund verteilt Hilfsgüter, ist mit mobilen Kliniken im Einsatz und kümmert sich um traumatisierte Kinder in Notunterkünften. Auch die Seels bringen sich mit ein: Daniel als gelernter Heizungssanitärmeister und Alexandra als Erzieherin mit einer Weiterbildung in Traumapädagogik. Sie wollten für die
Menschen da sein.

Wir fühlen uns hier an dem Platz, an dem Gott uns haben möchte.

sagt das Ehepaar Seel