Buchtipp: „Lichtungen“ von Iris Wolff

Das Leben rückwärts verstehen

Sie sind einander Herzensmenschen. Lev und Kato haben sich als Kinder im kommunistischen Vielvölkerstaat Rumänien angefreundet, aus den Augen verloren, und weil die mutige Katogen Westen zog, erst lange nach dem Ende der Diktatur wiedergefunden. Von Ina Hochreuther

Iris Wolff: Lichtungen. Klett-Cotta 2024, 256 Seiten, 24 Euro

Zu Beginn des Romans „Lichtungen“ reisen sie durch Südfrankreich und beschließen, gemeinsam in ihr Herkunftsland zurückzukehren. Das ist gleichzeitig das Ende der Geschichte, denn hier wird rückwärts erzählt, von Kapitel neun zu Kapitel eins. Erstaunlicherweise ergibt sich dennoch ein Spannungsbogen. Nach und nach erschließt sich die Beziehung der beiden und ihr Umfeld. Der vorsichtige, klug beobachtende Lev steht im Mittelpunkt. Er weiß um Verluste. Sein rumänischer Vater starb, als er ein kleines Kind war. Der geliebte österreichische Großvater floh später mit seiner Hilfe vor dem Ceausescu-Regime. Lev selbst überstürzt nichts. Die politische Wende bringt die ersehnte Freiheit, aber auch eine Überforderung.

Iris Wolff erzählt feinsinnig, zurückhaltend und gleichzeitig präzise. Unaufdringlich werden Zeitgeschichte und Mentalitäten greifbar. Es ist ein nachdenklicher Blick darauf, wie schwer wir uns oft tun mit den Verletzungen aus der Vergangenheit.

Die Autorin, 1977 im rumänischen Sibiu (Hermannstadt) geboren, wuchs in einem Pfarrhaus im Banat auf, bevor ihre Familie, als sie acht Jahre alt war, nach Deutschland emigrierte. Der Wechsel zwischen diesen Welten blitzt immer wieder so kunstvoll wie beeindruckend in ihren Romanen auf und so führt sie durch die Verschiedenartigkeit der Welt.

Dieses Buch erhalten Sie im Gemeindeblatt Onlineshop oder beim Gemeindeblatt-Leserservice unter 0711 60100-28.