Eine Frau geht nach der Arbeit heim. Sie möchte nicht in eine dunkle Wohnung treten. So zögert sie die Ankunft hinaus, nimmt Umwege, besucht die Markthalle und eine Kunstausstellung. Und sie beobachtet und erinnert sich. „Heute Abend“ nennt Helga Schubert diesen kurzen Prosatext, in dem ein ganzes Leben aufscheint.
Das Leben hat der 85-jährigen Schriftstellerin viel zugemutet. Helga Schubert lebte in der DDR; eine Dissidentin war sie nicht: „Ich wollte dieses System nämlich nicht ändern, sondern ich wollte es überhaupt nicht haben.“ Sie wurde früh Mutter, zog ihren Sohn allein groß, arbeitete als Psychotherapeutin, erkrankte schwer, durfte nicht veröffentlichen, wurde vom Staat drangsaliert. Darüber schreibt sie in ihren kurzen Erzählungen, Aufsätzen und Vorträgen, von denen einige jetzt erstmals in dem Band „Luft zum Leben“ veröffentlicht werden.
Ihre Geschichten vom Übergang aus den Jahren 1960 bis 2025 sind nicht chronologisch, sondern thematisch angeordnet. Sie schreibt ungeschönt und dennoch tröstlich: „Es gibt immer einen Ausweg in eine Rettung, es gibt immer einen Übergang in eine vorher unsichtbare unvorstellbare Lösung.“
Ihr christlicher Glaube scheint gelegentlich in den Texten auf. „Ich lebe jeden Tag in Erwartung des Lebens und jeden Tag in Erwartung des Todes.“ Die poetischen Texte ergeben das Bild eines Frauenlebens in Deutschland. Die Öffnung einer neuen, tröstlichen Perspektive ist bei Helga Schubert immer nur einen Satz entfernt.