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Buchtipp „Die Schönheit des Judentums. Eine muslimische Liebeserklärung" von Ahmad Milad Karimi

Eine muslimische Liebeserklärung an das Judentum

Ahmad Milad Karimi spricht sich in seinem neuen Buch dafür aus, die Schönheit des Judentums zu entdecken. Von Judith Kubitscheck (epd)

Ahmad Milad Karim hält ein Mikrofon in der Hand und spricht. Der Mann hat graue Locken, trägt eine Brille und einen Bart.
epd-bild/Jens Schulze
Religionsphilosoph und Islamwissenschaftler Ahmad Milad Karimi

Sie haben ein Buch mit dem „Die Schönheit des Judentums. Eine muslimische Liebeserklärung“ (Patmos-Verlag, Ostfildern) geschrieben. Was hat sie motiviert, dieses zu schreiben?

Ahmad Milad Karimi: Ich habe dieses Buch in einer Zeit geschrieben, in der der Hass so laut geworden ist, dass die Liebe kaum noch vernehmbar scheint. Gerade seit dem 7. Oktober 2023 und den darauffolgenden Eskalationen ist spürbar, wie schnell sich Wut in Pauschalisierungen verwandelt – bis hin zu einem neuen Antisemitismus, der in Sprache, Herzen und Handlungen einsickert. Dem wollte ich als Muslim nicht die übliche Reflexsprache hinzufügen, sondern ein anderes Wort sprechen: eine Liebeserklärung für das Judentum – gegen die bequeme Logik der Abgrenzung. Meine Grundintuition ist: Die tiefe spirituelle Nähe unserer Traditionen kann Teil der Lösung sein, nicht Teil des Problems.

Was macht für Sie als Muslim „die Schönheit des Judentums” aus und welche Konsequenzen hat das für Ihren eigenen Glauben?

Über den Autor

Ahmad Milad Karimi, geboren 1979 in Kabul, flüchtete mit 13 Jahren vor dem Bürgerkrieg in Afghanistan. Er studierte Philosophie und Islamwissenschaft und arbeitet nun als Professor für Kalam, islamische Philosophie und Mystik, an der Universität Münster.

Ahmad Milad Karimi: Die Schönheit des Judentums zeigt sich für mich zuerst als Haltung: Demut, Ehrfurcht, Hingabe – nicht als Pose, sondern als gelebte Beziehung zum Heiligen. Ich beschreibe das etwa an der Kippa: als kleines, stilles Zeichen, das mich in einer Synagoge unerwartet an die Schwere und Zartheit der Hingabe erinnert hat. Hinzu kommt die jüdische Kultur des Fragens: das Ringen um Sinn, das Studium der Tora, das Aushalten der Unverfügbarkeit Gottes. Diese geistige Disziplin – eine Liebe, die nicht besitzen will, sondern sich dem Namen Gottes mit Ehrfurcht nähert – hat für mich eine eigentümliche Ansteckungskraft.

Mein islamischer Glaube wird durch diese Entdeckungen nicht „anders”, aber er wird wacher. Er lernt neu, dass Gottesnähe nicht laut sein muss und Würde in der Zurücknahme liegen kann. Dass das Heilige nicht verfügbar, aber gegenwärtig ist, und dass Liebe Wertschätzung stiftet.

Sie schreiben, dass Sie sicher sind, dass „das was uns verbindet, größer ist, als das, was uns trennt“: Wo denken Sie, gibt es Gemeinsamkeiten zwischen Judentum und Islam? Und wie könnten diese helfen, trotz Wut, Hass und Sprachlosigkeit wieder aufeinander zuzugehen?

Ahmad Milad Karimi: Wir teilen einen gemeinsamen Ursprung und Geschichten: Abraham ist nicht nur eine Figur der Vergangenheit, sondern ein gemeinsamer Anfang, der uns verpflichtet. In Isaak und Ismael ist bereits eingeschrieben: Wir sind getrennt und dennoch Brüder. Auch die Geschichten von Sara und Hagar tragen eine geteilte Hoffnung, die Verantwortung stiftet, statt Feindschaft zu legitimieren. Zudem leben Judentum und Islam aus dem Monotheismus, aus der Einsicht, dass Gott größer ist als unser Zugriff.

Diese und andere Gemeinsamkeiten helfen uns praktisch, indem wir uns wieder vom Anderen her sehen lernen: nicht als Gegner im politischen Spiegelkabinett, sondern als Mit-Erben einer Geschichte, die uns verantwortlich füreinander macht. Zwar ersetzen die Gemeinsamkeiten keine politischen Konfliktlösungen, aber sie entgiften die religiöse Sprache. Sie verhindern, dass wir den Glauben als Waffe führen. Und sie eröffnen eine Haltung, in der Kritik möglich bleibt, ohne den anderen zu entmenschlichen: Nähe ohne Vereinnahmung, Solidarität ohne Verklärung, Wahrhaftigkeit ohne Hass.

Das Buch erhalten Sie über den Gemeindeblatt-Onlineshop oder beim Gemeindeblatt-Leserservice unter 0711 60100-28.