Wer warmherzige, realistische Kinderbücher schätzt, liegt hier genau richtig. Der circa zehnjährige Thies lebt seit der Trennung seiner Eltern in einem kleinen Haus im Dorf. Die Miete für die Wohnung in der Stadt, wo er zur Schule geht, wurde zu teuer. Ihm gefällt es hier gut, weil er den Wald liebt, der sich noch über die nahe Grenze zu Belgien erstreckt. Mal unwillig, aber stets zuverlässig kümmert er sich um seine kleine Schwester Mira, wenn die Mutter als Hebamme zu den unterschiedlichsten Zeiten unterwegs ist.
Ein altes, verlassenes Bahnwärterhaus mit „Betreten verboten“-Schild davor zieht Thies magisch an. Weil er seinen besten Freund Matteo für ängstlich – und vielleicht auch nicht ganz zuverlässig hält, stöbert er allein heimlich darin herum und entdeckt etwas unter einer Bodendiele. Matteo und er stellen sich beim Spielen immer wieder einmal vor, wie es hier wohl zur NS-Zeit mit jüdischen Menschen auf der Flucht zuging. So richtig begreifen können sie es nicht. Sie sind Kinder. Doch Thies‘ Fund hilft, die so bitter und unfreundlich wirkende alte Vermieterin näher und menschlicher erscheinen zu lassen.
Sigrid Zeevaert erzählt in „Thies“ fein und sensibel eine berührende Geschichte aus Kindersicht. Nicht alles ist gelöst am Ende, weil es so nicht funktioniert im Leben. Aber genau dieses realistische Moment dürfte auch der Zielgruppe ab 10 Jahren guttun. Denn Freundschaft und Ehrlichkeit helfen, alles in hellerem Licht erscheinen zu lassen, selbst Schatten aus der Vergangenheit.