Wenn Josef seine Gedanken ordnen möchte, setzt er sich frühmorgens auf den Balkon und schreibt dort auf, was ihn beschäftigt. Und das ist eine ganze Menge. Denn der Sechsjährige ist kürzlich mit seinen Eltern von Köln nach Wuppertal gezogen, in ein Haus, wo zahlreiche Eisenbahnfamilien wohnen. Als introvertierter Einzelgänger möchte er am liebsten nur Klavier spielen. Ein Grund, weshalb er die Schule in Köln abbrechen musste.
Trotz anfänglicher Eingewöhnungsprobleme: In der Schwebebahn-Stadt findet Josef immer mehr eine zweite Heimat. Das liegt an Menschen wie Pater de Kok oder dem Jugendtrainer, die sein Potenzial sehen. Und vor allem an Mücke, Tochter des Gemüsehändlers, mit der ihn ein bald eine unzertrennliche Freundschaft verbindet. Trotzdem bleibt das Leben für ihn, einen hochsensiblen und begabten Jungen herausfordernd – und in der Schwebe.
In seinem Roman, der in den späten 1950er-Jahren spielt, arbeitet Hanns-Josef Ortheil seine eigene Kindheit auf. Auch weil er die Persönlichkeit des kleinen Josef, der den Wiederaufbau im Nachkriegsdeutschland miterlebt, einfühlsam und facettenreich geschildert, lässt die Leserinnen und Leser die stille Erzählung nicht mehr los.
Ortheil zeigt, wie Kinder, die nicht der Norm entsprechen, an den Regeln der Erwachsenen zu zerbrechen drohen. Und er zeigt, wie aus Träumereien, die von anderen Menschen als versponnen abgestempelt werden, Großes entstehen kann – wenn Freiheit und Toleranz walten.