Weshalb werden die christlichen Kirchen immer leerer? In seiner zugleich spannenden und anspruchsvollen Analyse benennt Alexander Grau Gründe für den Niedergang des Christentums in Europa – und ruft zugleich dazu auf, sich selbstbewusst auf den geistigen Kern des Protestantismus zu besinnen: auf Freiheit, Individualität und geistige Autonomie.
Mit Protestantismus meint Grau dabei nicht Institution, Amtskirche oder Glaubensgemeinschaft. Er definiert Protestantismus im Sinne eines intellektuellen Weltzugangs und als religiöse Überzeugung. Als eine Glaubensüberzeugung, die darauf basiert, dass jeder allein durch die Kraft des Nachdenkens und seiner Gefühle ein unmittelbares Verhältnis zum Höchsten bekommen kann. Als große Errungenschaft des Protestantismus benennt Grau die Alphabetisierung.
Erst die Reformation ermöglichte die Bildung der breiten Bevölkerung, die allgemeine Schulbildung brachte daraufhin einen unvorstellbaren wissenschaftlichen und technischen Fortschritt. Allein deshalb sei, so der Autor, die Welt heute in gewissem Sinn protestantisch, deshalb gehören heute die Ideale der Reformation zur Lebenswirklichkeit der Menschen.
Tröstlich ist sein Fazit, dass sich die Zukunft des Protestantismus nicht an der Zahl der Kirchenmitglieder vorhersagen lasse. Vielmehr habe Protestantismus überall da eine Zukunft, so Grau, wo Menschen die Freiheit lieben, wo Skepsis eine Tugend ist und wo der Einzelne mehr zählt als das Kollektiv und die Gemeinschaft.