14 Texte bilden einen Buchband mit dem verheißungsvollen Titel „Der stille Freund“. Zugegeben: In die Umschlagsgestaltung mag man sich auch gerne hineinträumen. Anhand starker Persönlichkeiten beschreibt Ferdinand von Schirach in diesem Buch harte Konflikte, Lebensgeschichten und Begegnungen verschiedenster Art. Dies alles in klarer Sprache und unaufgeregt.
Schnell könnten die rund 170 Seiten gelesen werden, die an Schauplätzen von Berlin bis Kapstadt, Rom, Wien und der Côte d’Azur spielen, aber das würde diesem Buch nicht gerecht werden. Die Texte haben Substanz, sind voller Überraschungen und arbeiten nach. Als Ich-Erzähler betrachtet Schirach Schuld und Recht aus der Situation heraus, ebenso Strafe, Gewalt, Verrat, Loyalität und Hoffnung. Ereignisse und Menschen stellt er in Momenten einer Entscheidung dar, womit er grundsätzliche Fragen berührt, ohne sie laut zu stellen.
Von Schirach liefert keine Antworten, wertet nicht und überlässt das Einordnen den Lesenden. Der Autor reflektiert über Verletzlichkeit, Zufall und die Frage, was ein gutes Leben ausmacht. Dabei werden Kunst, Recht, Musik und Philosophie zu Orientierungsmarken bei privaten Begegnungen und historischen Ereignissen. Letztlich spiegelt von Schirach auch, wie Zufälle ein Leben unaufhaltsam verändern können: von der Unbegreiflichkeit und Großartigkeit des Menschen über die Zerbrechlichkeit des Daseins bis hin zur Sehnsucht nach Schutz, Sicherheit und Frieden.