Seit Kurzem ist Ihr Buch „Theophobie. Warum Gott nicht sicher, aber gut ist” (R. Brockhaus-Verlag, Witten) auf dem Markt. Was genau verstehen Sie unter dem Begriff „Theophobie”?
Manuel Gräßlin: In meinem Wortgebrauch meint „Theophobie” keine grundsätzliche Angst vor Gott an und für sich. Vielmehr geht es um die Angst vor Gott als „dem ganz Anderen” (Karl Barth). Mich beschäftigt die Frage: Was wäre, wenn Gott ganz anders ist, als ich ihn rational begreifen oder mir fantasievoll vorstellen kann? Kann man sich mit der Bibel, Tradition, Erfahrung oder Biografie ein falsches Bild von Gott malen, das ihn ganz anders zeigt, wie Gott sich eigentlich zeigen will? Darum braucht jedes Reden von Gott Vertrauen, Offenheit und die Erwartung, dass Gott sich selbst zeigt. Das hat er in Jesus getan und tut es weiterhin.
An Karfreitag denken Christen an Jesu Tod. Braucht es für moderne Menschen den brutalen Kreuzestod Jesu überhaupt noch?
Manuel Gräßlin: Ja, ich glaube: Den Kreuzestod Jesu „braucht” es auch für moderne Menschen noch. Wobei schon diese Frage viel über uns verrät. Sie klingt schnell nach: „Was bringt s mir?” – oder: „Was ist der Nutzen?” Das ist sehr modern - und auch ziemlich kapitalistisch gedacht.
Das Kreuz entzieht sich aber genau dieser Logik. Für mich steht der Kreuzestod, dass Jesus Christus „für unsere Sünden” gestorben ist (1. Korinther 15,3), im Zentrum des christlichen Glaubens. Weil das Reden darüber schnell abgegriffen klingen kann, helfen mir neue, unverbrauchte Worte, um über Jesu Tod und Auferstehung nachzudenken – ohne die alten, bekannten Formulierungen und Interpretationen abzuwerten.
Der Kirchenvater Irenäus von Lyon spricht etwa von einer „Wieder-ein-holung”: Jesus geht den Weg des Menschen noch einmal – aber diesmal so, wie Gott ihn sich für uns Menschen gedacht hat. Er kommt uns in unserer Schwachheit ganz nah und holt uns durch Kreuz und Auferstehung in Gottes überwältigende Liebe und ewiges Leben hinein. Gerade in Jesu Tod und Auferstehung begegnet uns Gott anders, als wir denken – verstörend, fremd und voller Liebe.
Was würden Sie gläubigen Menschen sagen, die an ihrem Glauben zweifeln und was Menschen, die zweifeln, aber gerne glauben würden?
Manuel Gräßlin: Der verstorbene Papst Franziskus meinte mal, „wenn einer Antworten auf alle Fragen hat, dann ist das der Beweis dafür, dass Gott nicht mit ihm ist.” Ich sehe das ähnlich. Zweifel sind nicht automatisch falsch (Jakobus 1,6). Denn sie sind nicht das Gegenteil von Glauben, sondern dessen lebendiger Pulsschlag: Sie gehören zum Tagesgeschäft von uns Christenmenschen einfach dazu (Matthäus 28,17).
Und dabei können Zweifel zu einer Art Ressource werden, die den Glauben erden und zugleich öffnen. Gleichzeitig zeigen Zweifel ein ehrliches Ringen um Wahrheit. Im Zweifel kann die Sehnsucht verankert sein, Gott zu erkennen. Deshalb gilt bei allem Zweifeln Gottes Versprechen: „Suchet mich und ihr werdet mich finden” (nach Jeremia 29,13).