Das erste Mal Alkohol mit 13 Jahren
Angefangen hat es bei Nathalie, geboren 1985, mit 13 Jahren. Da trank sie das erste Glas mit ihren Eltern. „In meiner Familie hatte Alkohol trinken etwas sehr Festliches. Meine Eltern haben abends immer ein Glas Rotwein getrunken. Ich habe heute noch vor Augen, wie sie mit ihren schönen Gläsern angestoßen und sich ein Küsschen zugeworfen haben“, erinnert sich Nathalie. „Für mich war damit schon als Jugendliche klar: Zu einem guten Leben gehört Alkohol.“
Später betrank sich Nathalie mit ihren Freundinnen. „Ich konnte alle unter den Tisch trinken. Das kam wahnsinnig gut an. Und damals war es auch noch witzig, am nächsten Tag aufzuwachen und mit meinen Freundinnen zu rekonstruieren, was am Abend vorher eigentlich passiert war.“
Der Kampf mit der Alkoholsucht
Nathalie wurde erwachsen und der Alkohol zum ständigen Begleiter. Oft trank sie bis zum Absturz: „Das war wie so eine dunkle Macht, die dann Besitz von mir ergriff. Es fühlte sich an, als würde sich in meinem Kopf ein Schalter umlegen. Und dann konnte ich nicht mehr aufhören.“
Ihre Blackouts wurden immer häufiger. Regelmäßig wachte sie neben Männern auf, bei denen sie sich nicht an die Namen erinnern konnte, geschweige denn, wie sie zusammen im Bett gelandet waren. Heute schüttelt sie darüber den Kopf: „Ich hatte wahnsinnig Glück, dass ich in diesen Nächten nie schwanger geworden bin. Oft wusste ich morgens nicht mehr, was passiert war.“
Nathalies Doppelleben: Alkoholismus als stille Sucht
Ihr Umfeld bemerkte scheinbar nicht, wie groß das Alkoholproblem inzwischen geworden war.
Der Alkohol hat mir meine Lebensfreude geraubt. Meine Welt war dunkel geworden, ich war verzweifelt, gereizt und dünnhäutig, hatte eine große Melancholie in mir.
sagt Nathalie Stüben
Erst Jahre später hätten ihre Mutter und eine ihrer engsten Freundinnen wahrgenommen, wie schlecht es ihr wirklich ging. Dass Alkohol der wahre Grund dafür war, ahnte niemand – auch Nathalie nicht. Sie entwickelte ein Doppelleben. Es gab die Nathalie, die im Job prima funktionierte und nach außen ein erfolgreiches Leben führte. Und es gab die, die immer wieder bis zum Filmriss trank.
Wendepunkt: Nathalie findet raus aus der Alkoholsucht
Ein Morgen im Juli 2016 veränderte alles. Wieder einmal wachte Nathalie in ihrem wohlbekannten Horror auf: ein nackter Typ neben ihr, dessen Namen sie vergessen hatte, ihr zerfetztes Sommerkleid auf dem Boden, Hämatome an den Beinen, bei denen sie sich nicht erinnerte, woher sie stammten. Es war wie so oft und doch war es an diesem Tag anders. An diesem Sommermorgen wurde Nathalie klar, dass sie aufhören würde zu trinken. Für immer.
Meine persönliche Schmerzgrenze war erreicht.
sagt Nathalie Stüben
Sie warf den Mann aus ihrer Wohnung und fuhr zur Arbeit. Danach fing sie an zu recherchieren. Alles, was sie zum Thema Alkoholsucht finden konnte, sog sie in den darauffolgenden Wochen und Monaten in sich auf: „Ich habe mich in jeder Minute meiner Freizeit damit beschäftigt.“
Unterstützung von außen hilft Nathalie
Sie las, wie wichtig es sei, Verbindlichkeit zu schaffen, und erzählte ihrer Mutter und ihren engsten Freundinnen von ihrer Alkoholsucht und dass sie jetzt aufhören werde zu trinken. Und das zog sie durch. Nach und nach kehrte Nathalies Lebensfreude zurück: „Es war plötzlich so viel Ballast weg.“ In den folgenden Monaten wurde ihr klar, dass sie andere Menschen unterstützen könnte, sich aus der Alkoholabhängigkeit zu befreien.