Direkt zum Inhalt
Alkoholsucht

Leben ohne Alkohol als Gewinn

Nathalie Stüben aus Rosenheim war viele Jahre alkoholabhängig und trank regelmäßig – bis zur Bewusstlosigkeit. Heute hilft sie anderen, nüchtern zu leben. Von Juliane Eberwein

Frau legt Kopf auf einen Tisch und blickt auf ein gefülltes Wasserglas
Unsplash+/Faruk Tokluoğlu

Seit neun Jahren trinkt Nathalie Stüben keinen Alkohol mehr. Als „trocken“ bezeichnet sie sich nicht, den Begriff mag sie nicht. Das Wort „nüchtern“ ist ihr lieber. Von Scham, über die eigene Alkoholabhängigkeit zu sprechen, keine Spur. Offen erzählt sie aus der Zeit, als sie noch trank. Damals arbeitete Nathalie als Journalistin.

Nathalie nimmt alle Termine wahr ­– trotz Alkoholabhängigkeit

Egal, wie viel sie am Abend vorher getrunken hatte, sie erschien immer zum Dienst. Oft verkatert, einmal sogar mit gebrochenem Zeh, weil sie in der Nacht unbedingt noch betrunken mit dem Fahrrad nach Hause fahren wollte und stürzte. Pflichtbewusst war sie immer:

Ich war einfach wahnsinnig hart mir selbst gegenüber und kannte kein Erbarmen. Ich habe mich zur Arbeit geprügelt und Leistung abgeliefert.

sagt Nathalie Stüben

Nathalie Stüben sitzt auf einer Terrasse mit einem Glas Wein und einer Zigarette in der Hand.
privat/Nathalie Stüben
Nathalie Stüben an ihrem 21. Geburtstag

Das erste Mal Alkohol mit 13 Jahren

Angefangen hat es bei Nathalie, geboren 1985, mit 13 Jahren. Da trank sie das erste Glas mit ihren Eltern. „In meiner Familie hatte Alkohol trinken etwas sehr Festliches. Meine Eltern haben abends immer ein Glas Rotwein getrunken. Ich habe heute noch vor Augen, wie sie mit ihren schönen Gläsern angestoßen und sich ein Küsschen zugeworfen haben“, erinnert sich Nathalie. „Für mich war damit schon als Jugendliche klar: Zu einem guten Leben gehört Alkohol.“

Später betrank sich Nathalie mit ihren Freundinnen. „Ich konnte alle unter den Tisch trinken. Das kam wahnsinnig gut an. Und damals war es auch noch witzig, am nächsten Tag aufzuwachen und mit meinen Freundinnen zu rekonstruieren, was am Abend vorher eigentlich passiert war.“

Der Kampf mit der Alkoholsucht

Nathalie wurde erwachsen und der Alkohol zum ständigen Begleiter. Oft trank sie bis zum Absturz: „Das war wie so eine dunkle Macht, die dann Besitz von mir ergriff. Es fühlte sich an, als würde sich in meinem Kopf ein Schalter umlegen. Und dann konnte ich nicht mehr aufhören.“

Ihre Blackouts wurden immer häufiger. Regelmäßig wachte sie neben Männern auf, bei denen sie sich nicht an die Namen erinnern konnte, geschweige denn, wie sie zusammen im Bett gelandet waren. Heute schüttelt sie darüber den Kopf: „Ich hatte wahnsinnig Glück, dass ich in diesen Nächten nie schwanger geworden bin. Oft wusste ich morgens nicht mehr, was passiert war.“

Nathalies Doppelleben: Alkoholismus als stille Sucht

Ihr Umfeld bemerkte scheinbar nicht, wie groß das Alkoholproblem inzwischen geworden war.

Der Alkohol hat mir meine Lebensfreude geraubt. Meine Welt war dunkel geworden, ich war verzweifelt, gereizt und dünnhäutig, hatte eine große Melancholie in mir.

sagt Nathalie Stüben

Erst Jahre später hätten ihre Mutter und eine ihrer engsten Freundinnen wahrgenommen, wie schlecht es ihr wirklich ging. Dass Alkohol der wahre Grund dafür war, ahnte niemand – auch Nathalie nicht. Sie entwickelte ein Doppelleben. Es gab die Nathalie, die im Job prima funktionierte und nach außen ein erfolgreiches Leben führte. Und es gab die, die immer wieder bis zum Filmriss trank.

Wendepunkt: Nathalie findet raus aus der Alkoholsucht

Ein Morgen im Juli 2016 veränderte alles. Wieder einmal wachte Nathalie in ihrem wohlbekannten Horror auf: ein nackter Typ neben ihr, dessen Namen sie vergessen hatte, ihr zerfetztes Sommerkleid auf dem Boden, Hämatome an den Beinen, bei denen sie sich nicht erinnerte, woher sie stammten. Es war wie so oft und doch war es an diesem Tag anders. An diesem Sommermorgen wurde Nathalie klar, dass sie aufhören würde zu trinken. Für immer.

Meine persönliche Schmerzgrenze war erreicht.

sagt Nathalie Stüben

Sie warf den Mann aus ihrer Wohnung und fuhr zur Arbeit. Danach fing sie an zu recherchieren. Alles, was sie zum Thema Alkoholsucht finden konnte, sog sie in den darauffolgenden Wochen und Monaten in sich auf: „Ich habe mich in jeder Minute meiner Freizeit damit beschäftigt.“

Unterstützung von außen hilft Nathalie

Sie las, wie wichtig es sei, Verbindlichkeit zu schaffen, und erzählte ihrer Mutter und ihren engsten Freundinnen von ihrer Alkoholsucht und dass sie jetzt aufhören werde zu trinken. Und das zog sie durch. Nach und nach kehrte Nathalies Lebensfreude zurück: „Es war plötzlich so viel Ballast weg.“ In den folgenden Monaten wurde ihr klar, dass sie andere Menschen unterstützen könnte, sich aus der Alkoholabhängigkeit zu befreien.

Nathalie Stüben vor einem blauen Hintergrund
EMH
Nathalie Stüben heute: Sie hat aus der Alkoholsucht rausgefunden.

Erfolgreiches Leben ohne Alkohol 

Ihr Podcast „Ohne Alkohol mit Nathalie“ wurde der erste deutschsprachige Podcast, der sich mit Abstinenz und Nüchternheit beschäftigt. Neben dem Podcast bietet Nathalie Online-Programme an, mit denen sie Menschen in ein nüchternes Leben begleitet. Und auch ihr Privatleben hat sich komplett verwandelt: Nathalie ist mittlerweile verheiratet und Mutter von zwei Kindern.

„Es war die beste Entscheidung meines Lebens“, sagt Nathalie Stüben heute. Sie vermisse den Alkohol keine Sekunde:

Keinen Alkohol zu trinken, ist für mich kein Verzicht mehr, sondern ein Gewinn.

sagt Nathalie Stüben