Herr Annweiler, unter dem pfälzischen Kirchenpräsident Eberhard Cherdron haben Sie sich engagiert, die Segnung für queere Paare auf den Weg zu bringen. Was sind Ihre Erinnerungen?
Peter Annweiler: Das war mühsam, weil ich die ganzen Diskussionen, Vorwürfe und Bibelauslegungen wieder und wieder hören und mich dem stellen musste. Bis wir im Pfarrhaus zusammenwohnen konnten, war das ein steiniger Weg. Wir mussten eine Untermietskonstruktion machen. Da waren alle möglichen Ängste, was andere denken könnten.
Herr Giel, Ihre Segnung liegt jetzt 18 Jahre zurück. Was für ein Gefühl war das?
Johannes Giel: Da war schon Angst, diesen Schritt zu gehen in der Öffentlichkeit. Wir standen damals vor der Stiftskirche Kaiserslautern und ich erinnere mich an Kommentare wie „Muss der da jetzt einziehen?“ Eine Frau neben mir sagte „Ja, wo ist denn hier die Braut?“ Und wir haben uns angeschaut und gesagt: „Es gibt keine.“ Wir hatten wahnsinnig Angst, dass die Veranstaltung von Fundamentalisten gesprengt wird. Das erste Pfarrerpaar in der Pfalz, das gesegnet wird im Gottesdienst und zusammenlebt in einem Pfarrhaus – das war schon für viele eine Anfechtung. Es war ein wunderbares Fest, aber es war nie angstfrei.
Peter Annweiler: Schön wäre, wenn das alles keine Rolle mehr spielt. Wenn zwei Menschen sich lieben, können sie heiraten, egal welchen Geschlechts und welcher Orientierung sie sind und egal was andere denken. Es geht um die Personen, die Liebe, Individualität, nicht darum, draufgeklebte Etiketten nach außen zu tragen. Dahin zu kommen, ist für mich Evangelium.
Hat sich seit dieser Zeit etwas geändert in der Gesellschaft?
Peter Annweiler: Vieles ist selbstverständlicher geworden. Und doch bin ich manchmal entsetzt darüber, wie junge Leute in der Seelsorge mit denselben Themen wieder kommen. Transpersonen und nicht-binäre Menschen schildern, wie sie diskriminiert werden. Das ist ganz schön heftig, wie sich manches wieder zurückentwickelt. Wie kommt es, dass das, was 30 Jahre lang erstritten worden ist, jetzt wieder zur Disposition steht?
Johannes Giel: Wir machen zunehmend Erfahrungen, wo wir nicht dachten, dass die noch möglich sind. Ich erschrecke manchmal und denke: Wie schön waren die Zeiten des Aufbruchs, man wurde als Bereicherung erlebt. Heute wird es doch wieder mehr zum Problem.
Können Sie Beispiele nennen?
Johannes Giel: Eltern erklären zum Beispiel, das ist kein Gegenstand, mit dem die Kinder konfrontiert werden sollten im Biologieunterricht. Oder ganz privat: Wenn ich mich im Fitnessstudio umgezogen habe und angespuckt worden bin wegen meines Regenbogenarmbands – oder mir Schüler nachgerufen haben, so behindert, wie der läuft, ist er bestimmt schwul. Aber das sind nicht die Mehrheitserfahrungen. Die Mehrheitserfahrungen sind positiv und zugewandt. Es gab breiten Support von Schulleitung, Kollegium, von Schülerinnen und Schülern und in unserer Kirche.
Wie gehen Sie mit Queerfeindlichkeit um?
Johannes Giel: Ich versuche, mich davon frei zu machen, zu sagen: Leute, erkennt mich, wer ich bin. Dass ich genauso Würde habe, genau derselbe Mensch bin. Aber es tut immer wieder weh. Das sind Schmerzerfahrungen, mit denen haben wir gelernt zu leben. Aber daran geben wir unseren Glauben und uns nicht auf, weil wir uns anders erleben als eine Zumutung, sondern als ein Geschenk des Himmels. Da hilft mir auch mein Glaube. Wenn Leute mir ihren Hass entgegenschleudern, dann ist das etwas, womit sie leben müssen. Ich werde daran nicht bitter, halte das ganz gut aus, außer es ist bei Jugendlichen, das triggert mich.
Wieso?
Johannes Giel: Weil die Prägung, in die viele Menschen hineinfinden, gar nicht unbedingt selbstgewählt ist. Das sind Systeme, in denen sie groß werden. Und das finde ich manchmal schon befremdend, wie unsere Welt neue Werte generiert, die nicht meine sind.
Was gilt es also zu tun?
Peter Annweiler: Wir leben in einer Gesellschaft, in der vieles, was uns selbstverständlich geworden ist, wieder zur Disposition steht. Ich bin manchmal erschüttert, wo dieser Hass herkommt auf Menschen, die nicht einer heteronormativen Lebensweise entsprechen – und das auch gerade in sogenannten christlichen Kreisen. Deswegen ist es wichtig, als evangelische Kirche zu zeigen, dass gleichgeschlechtliche und queere Lebensformen selbstverständlich sind. Und es über ein Etikettieren als etwas Besonderes hinausgeht.
Sondern?
Peter Annweiler: Es geht nicht um eine queere Lobbygruppe, die für ihre Interessen kämpft. Wie beim Antijudaismus, wo es nicht nur alleine darum geht, dass Juden verletzt werden, geht es bei Queerfeindlichkeit auch nicht nur darum, dass queere Leute verletzt werden, sondern letztlich die Gottesbotschaft verraten wird. Es geht um Kirche, Demokratie, um Strukturen, ums Ganze.
Konservative christliche Kreise sehen das anders ...
Johannes Giel: Ich finde, wo die Liebe von Menschen in Frage gestellt wird, wird auch Gottes Liebe in Frage gestellt. Mit der Frage nach den Menschen geht es auch gleichzeitig um die Frage nach Gott.
Peter Annweiler: Queerfeindlichkeit ist Gotteslästerung, weil es einfach nicht möglich ist, Gottes Liebe von Menschen zu trennen.
Johannes Giel: Ich möchte mit Menschen, mit denen ich solche Erfahrungen mache, nicht auf dieselbe Weise umgehen. Dem Hass nicht mit Hass zu begegnen, ist für mich schon die größte spirituelle Anfechtung. „Liebe deine Feinde“, das ist eine Zumutung, an der man scheitern muss. Trotzdem sage ich: Ihr bekommt meinen Hass nicht. Ich will diesen Menschen Gottes Liebe nicht absprechen. Aber ich sage, sie sind auf einem Weg, wo ich diese innere Erfüllung davon nicht spüre. Was ist Evangelium, wo lebe ich das? Das ist für mich nicht vereinbar mit Menschenhass. Und wenn Menschen sich lieben, kann ich sie nicht hassen dafür. Das ist für mich ein Gegensatz, der nicht lebbar ist. Emotional wie spirituell.