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Queere Kirche

Queeres Pfarrerpaar: „Es war ein steiniger Weg“

Johannes Giel und Peter Annweiler waren das erste schwule Pfarrerpaar in der Pfalz mit kirchlichem Segen im ­Pfarrhaus. Von Florian Riesterer und Leonie Mändler

Johannes Giel und Peter Annweiler sitzen auf einem cremefarbenen Sofa
Foto: Florian Riesterer
Das Pfarrerpaar Peter Annweiler und Johannes Giel (von links).

Herr Annweiler, unter dem pfälzischen Kirchenpräsident Eberhard Cherdron haben Sie sich engagiert, die Segnung für queere Paare auf den Weg zu bringen. Was sind Ihre Erinnerungen?

Peter Annweiler: Das war mühsam, weil ich die ganzen Diskussionen, Vorwürfe und Bibelauslegungen wieder und wieder hören und mich dem ­stellen musste. Bis wir im Pfarrhaus zusammenwohnen konnten, war das ein steiniger Weg. Wir mussten eine Untermiets­konstruktion machen. Da waren alle möglichen Ängste, was andere denken könnten. 

Was bedeutet LGBTQ? 

L: lesbisch (Frauen lieben Frauen)

G: schwul (englisch: gay) (Männer lieben Männer)

B: bisexuell (Bisexuelle Personen lieben Männer und Frauen)

T: Transgeschlechtlichkeit (Trans Personen identifizieren sich nicht mit dem Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde)

Q: Queer (positive Sammelbezeichnung, für alle Menschen, die nicht heterosexuell sind)

Zusätze wie IA+ bedeuten: Intersexuell und Asexuell, das + steht für weitere sexuelle Orientierungen

Haben Sie das Gefühl, Sie mussten sich rechtfertigen?

Peter Annweiler: Eigentlich geht es darum, dass unsere Realität von ­anderen wahrgenommen werden sollte und nicht wir allein darauf ­gucken müssen, was für andere schwierig ist. In dem Prozess für die gottesdienstliche Begleitung gleichgeschlechtlicher Paare musste eine Handreichung erarbeitet werden. Ich habe mich immer gefragt: Warum soll man da was anderes sagen als in einem Gebet für ein hetero­sexuelles Paar? Mein Wunsch ist, dass die Realität als Normalität gesehen wird und man aus dieser Rechtfertigung herauskommt.

Ist es heute anders?

Peter Annweiler: Ich staune einerseits, wie weit wir gekommen sind. Trotzdem gibt es Räume, in denen immer noch ­gefragt wird, ist das erlaubt? Wir möchten aber nicht darüber sprechen, ob erlaubt ist, wer wir sind. We are queer and we are here.

Herr Giel, Ihre Segnung liegt jetzt 18 Jahre zurück. Was für ein Gefühl war das?

Johannes Giel: Da war schon Angst, diesen Schritt zu gehen in der Öffentlichkeit. Wir standen damals vor der Stiftskirche Kaiserslautern und ich erinnere mich an Kommentare wie „Muss der da jetzt einziehen?“ Eine Frau neben mir sagte „Ja, wo ist denn hier die Braut?“ Und wir haben uns angeschaut und gesagt: „Es gibt keine.“ Wir hatten wahnsinnig Angst, dass die Veranstaltung von Fundamentalisten gesprengt wird. Das erste Pfarrerpaar in der Pfalz, das gesegnet wird im Gottesdienst und zusammenlebt in einem Pfarrhaus – das war schon für viele eine Anfechtung. Es war ein wunderbares Fest, aber es war nie angstfrei.

Peter Annweiler: Schön wäre, wenn das alles keine Rolle mehr spielt. Wenn zwei Menschen sich lieben, können sie heiraten, egal welchen Geschlechts und welcher Orientierung sie sind und egal was andere denken. Es geht um die Personen, die Liebe, Individualität, nicht darum, draufgeklebte Etiketten nach außen zu tragen. Dahin zu kommen, ist für mich Evangelium.

Hat sich seit dieser Zeit etwas ge­ändert in der Gesellschaft?

Peter Annweiler: Vieles ist selbst­verständlicher geworden. Und doch bin ich manchmal entsetzt darüber, wie junge Leute in der Seelsorge mit denselben Themen wieder ­kommen. Transpersonen und nicht-­binäre Menschen schildern, wie sie diskriminiert werden. Das ist ganz schön heftig, wie sich manches wieder zurückentwickelt. Wie kommt es, dass das, was 30 Jahre lang erstritten worden ist, jetzt wieder zur Disposition steht?

Johannes Giel: Wir machen zunehmend Erfahrungen, wo wir nicht dachten, dass die noch möglich sind. Ich erschrecke manchmal und denke: Wie schön waren die Zeiten des Aufbruchs, man wurde als ­Bereicherung erlebt. Heute wird es doch wieder mehr zum Problem.

Können Sie Beispiele nennen?

Johannes Giel: Eltern erklären zum Beispiel, das ist kein Gegenstand, mit dem die Kinder konfrontiert werden sollten im Biologieunterricht. Oder ganz privat: Wenn ich mich im Fitnessstudio umgezogen habe und angespuckt worden bin wegen meines Regenbogenarmbands – oder mir Schüler nachgerufen haben, so behindert, wie der läuft, ist er bestimmt schwul. Aber das sind nicht die Mehrheitserfahrungen. Die Mehrheitserfahrungen sind positiv und zugewandt. Es gab breiten Support von Schulleitung, Kollegium, von Schülerinnen und Schülern und in unserer Kirche.

Wie gehen Sie mit Queerfeindlichkeit um?

Johannes Giel: Ich versuche, mich davon frei zu machen, zu sagen: Leute, erkennt mich, wer ich bin. Dass ich genauso Würde habe, genau derselbe Mensch bin. Aber es tut immer wieder weh. Das sind Schmerzerfahrungen, mit denen haben wir gelernt zu leben. Aber daran geben wir unseren Glauben und uns nicht auf, weil wir uns anders erleben als eine Zumutung, sondern als ein Geschenk des Himmels. Da hilft mir auch mein Glaube. Wenn Leute mir ihren Hass entgegenschleudern, dann ist das etwas, womit sie leben müssen. Ich werde daran nicht bitter, halte das ganz gut aus, außer es ist bei Jugendlichen, das triggert mich.

Wieso?

Johannes Giel: Weil die Prägung, in die viele Menschen hineinfinden, gar nicht unbedingt selbstgewählt ist. Das sind Systeme, in denen sie groß werden. Und das finde ich manchmal schon befremdend, wie unsere Welt neue Werte generiert, die nicht meine sind.

Was gilt es also zu tun?

Peter Annweiler: Wir leben in einer Gesellschaft, in der vieles, was uns selbstverständlich geworden ist, wieder zur Disposition steht. Ich bin manchmal erschüttert, wo ­dieser Hass herkommt auf Menschen, die nicht einer heteronormativen Lebensweise entsprechen – und das auch gerade in sogenannten christlichen Kreisen. Deswegen ist es wichtig, als evangelische Kirche zu zeigen, dass gleichgeschlechtliche und queere Lebensformen selbstverständlich sind. Und es über ein Etikettieren als etwas Besonderes hinausgeht.

Sondern?

Peter Annweiler: Es geht nicht um eine queere Lobbygruppe, die für ihre Interessen kämpft. Wie beim ­Antijudaismus, wo es nicht nur alleine darum geht, dass Juden verletzt werden, geht es bei Queerfeindlichkeit auch nicht nur darum, dass queere Leute verletzt werden, sondern letztlich die Gottesbotschaft verraten wird. Es geht um Kirche, Demokratie, um Strukturen, ums Ganze.

Konservative christliche Kreise sehen das anders ...

Johannes Giel: Ich finde, wo die ­Liebe von Menschen in Frage gestellt wird, wird auch Gottes Liebe in Frage gestellt. Mit der Frage nach den Menschen geht es auch gleichzeitig um die Frage nach Gott. 

Peter Annweiler: Queerfeindlichkeit ist Gotteslästerung, weil es einfach nicht möglich ist, Gottes Liebe von Menschen zu trennen.

Johannes Giel: Ich möchte mit Menschen, mit denen ich solche Erfahrungen mache, nicht auf dieselbe Weise umgehen. Dem Hass nicht mit Hass zu begegnen, ist für mich schon die größte spirituelle Anfechtung. „Liebe deine Feinde“, das ist eine ­Zumutung, an der man scheitern muss. Trotzdem sage ich: Ihr bekommt meinen Hass nicht. Ich will diesen Menschen Gottes Liebe nicht absprechen. Aber ich sage, sie sind auf einem Weg, wo ich diese innere Erfüllung davon nicht spüre. Was ist Evangelium, wo lebe ich das? Das ist für mich nicht vereinbar mit Menschenhass. Und wenn Menschen sich lieben, kann ich sie nicht ­hassen dafür. Das ist für mich ein Gegensatz, der nicht ­lebbar ist. Emotional wie spirituell.

Was wünschen Sie sich von Kirche?

Johannes Giel: Ich wünsche mir, dass „faith spaces“ „safe spaces“ sind, es eine Willkommenskultur gibt, die angstfrei ist und die Be­gegnung ermöglicht, in aller Unterschiedlichkeit. Natürlich sollten auch Schulen „safe spaces“ sein für Schülerinnen und Schüler, die in ihrer Orientierung einen Schutzraum brauchen.

Peter Annweiler: Wichtig ist, dass es nicht bei Sprechblasen bleibt. „Alle sind willkommen“, sagt fast jede Kirchengemeinde. Aber es ist trotzdem eine Nagelprobe, wenn man sich vorstellt: Ein Transmann geht sonntags in den Gottesdienst und wird nicht angestiert. So weit möchte ich das denken. Aber so weit sind wir an vielen Stellen noch nicht.

Johannes Giel: Ich sage immer zu meinen Schülern: Für mich als Christ geht es um die Message von Jesus. Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein. Im Unterricht versuche ich, Ambivalenzen zu ver­mitteln, dass Schüler sich in die ­andere Person hineinversetzen. Der Umgang mit der Bibel ist für mich nicht nur eine spirituelle Frage, sondern auch eine Bildungsfrage.      

Jahrzehntelang kämpfen Sie beide nun diesen Kampf. Was raten Sie jungen queeren Menschen, die vor Angst haben, abgelehnt zu werden?

Johannes Giel und Peter Annweiler:Lebt nicht an eurer Liebe vorbei. Geht nicht in die Selbstentfremdung. Denn daran geht man zugrunde. Wenn ich meiner Liebe keinen Raum mehr schenke und mich in der Angst verkrieche, werde ich in mir nie Liebe spüren. Man gibt sich selbst verloren – als Mensch.