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Impuls

Eine andere Perspektive

Impuls zu Erntedank: Markus 8,1-9. Von Julian Scharpf

Markus 8,1-9

Zu der Zeit, als wieder eine große Menge da war und sie nichts zu essen hatten, rief Jesus die Jünger zu sich und sprach zu ihnen: Mich jammert das Volk, denn sie harren nun schon drei Tage bei mir aus und haben nichts zu essen. Und wenn ich sie hungrig heimgehen ließe, würden sie auf dem Wege verschmachten; denn einige sind von ferne gekommen. Seine Jünger antworteten ihm: Woher nehmen wir Brot hier in der Einöde, dass wir sie sättigen?  Und er fragte sie: Wie viele Brote habt ihr? Sie sprachen: Sieben. Und er gebot dem Volk, sich auf die Erde zu ­lagern. Und er nahm die sieben Brote, dankte, brach sie und gab sie seinen Jüngern, dass sie sie austeilten, und sie teilten sie unter das Volk aus. Sie hatten auch einige Fische; und er sprach den Segen darüber und ließ auch diese austeilen. Und sie aßen und wurden satt. Und sie sammelten die übrigen Brocken auf, sieben Körbe voll. Es waren aber etwa viertausend; und er ließ sie gehen.

Julian Scharpf sitzt auf einer Kirchenbank. Im Hintergrund ist eine Kirche von Innen zu sehen. Der junge Mann trägt eine Brille, ein weißes Hemd und einen Kurzhaarschnitt.
privat
Julian Scharpf ist Pfarrer in Ulm.

Echten Hunger habe ich noch nie erlebt. Ich war schon hungrig, natürlich. Ich habe auf etwas verzichtet oder an etwas gespart. Aber solange ich denken kann, kenne ich nur volle Regale in den Geschäften, vielfältige Marktstände und einen gefüllten Kühlschrank. Selbst bei Erntedankfeiern in Jahren schlechter Ernten quillt der Altar an Gaben über. Das ist gut. Und es ist alles andere als selbstverständlich. Wir haben genug zu essen und leben in einem friedlichen, demokratischen Rechtsstaat. Erntedank erinnert uns daran, dass vieles, von dem wir zehren, nicht von uns selbst geschaffen wurde. Die meisten Ernten, die wir in unserem Leben einfahren, haben wir nicht selbst ausgesät.

Die Menschen, von denen Markus erzählt, kennen ­dagegen echten Hunger. Drei Tage lang sind sie bei Jesus geblieben. Sie sind ihm gefolgt und nun haben sie nichts mehr zu essen. Jesus sieht diese Menschen. Und mehr noch: Ihre Not bewegt ihn. „Mich jammert das Volk“, sagt er. Er hat Mitleid mit den Menschen und handelt. Jesus nimmt, was da ist. Er dankt, bricht das Brot und lässt es austeilen wie beim Abendmahl. Am Ende sind alle satt. Ein echter Vorgeschmack auf die Fülle im Reich Gottes.

Mich berührt, wie Jesus, der Sohn Gottes, zu den Menschen blickt. Er lässt sich von ihrer Not bewegen. Er fragt nicht zuerst, wer sie sind und warum sie nichts haben, sondern er hilft. Unser Gott ist kein Gott, der gleichgültig gegenüber der Welt ist. Er ist ein Gott, der sich von der Not seiner Geschöpfe bewegen lässt. Ein Gott, der hinschaut. Das ist ein großer Trost für alle, die selbst Not erleben: Gott sieht mich. Meine Not ist ihm nicht gleichgültig „In wieviel Not hat nicht der gnädige Gott über dir Flügel gebreitet“, heißt es in der dritten Strophe von Joachim Neanders „Lobe den Herren, den mächtigen König“. Diese Liedzeile erinnert daran, wie oft wir schon bewahrt wurden; vielleicht auch ohne, dass wir es überhaupt bewusst wahrgenommen haben.

Erntedank bewahrt uns auch davor, unsere Not größer zu machen als sie ist. Wenn wir unser Leben betrachten, sehen wir leicht zuerst das, was uns fehlt. Erntedank lädt dazu ein, eine andere Perspektive einzunehmen. Auf all das, was wir empfangen haben, ohne es selbst erschaffen zu haben. Das ist eine gute Haltung, die wir auf unser Leben übertragen können. Dankbarkeit beginnt genau da, wo wir die Fülle unseres Lebens wieder sehen lernen.

Gebet

Jesus Christus, ich danke dir für jeden Augenblick, in dem du mich bewahrt hast, für alles, was ich in meinem Leben geschenkt bekam. Dein liebevoller Blick ruht auf mir. Du siehst, woran es mir fehlt, noch ehe ich es selbst erkenne. Du siehst die Not meiner Nächsten. So bitte ich dich: Nimm dich unser an. Amen.

Den geistlichen Impuls für jeden Tag finden Sie im AndachtsCast.

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