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Impuls

Allein aus Gnade

Impuls für den Reformationstag: Römer 3,21-28.

Römer 3,21-28 (in Auszügen) 

Ich rede aber von der Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben. Denn es ist hier kein Unterschied: Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie vor Gott haben sollen, und werden ohne Verdienste gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist.

Ernst-Wilhelm Gohl
Pressebild: Thomas Rathay
Ernst-Wilhelm Gohl ist Landesbischof der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.

Dieser Abschnitt aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Rom wurde zu einem der Schlüsseltexte der Reformation. Martin Luther berichtet, wie es für ihn im Ringen mit dem Römerbrief zum Durchbruch kam: Unablässig habe er bei Paulus „angeklopft“, um zu verstehen, was es mit der Gerechtigkeit Gottes auf sich habe. Ist Gott gerecht, indem er unsere Verdienste belohnt und uns für unsere Verfehlungen bestraft? Aber kann das dann Evangelium, Frohe Botschaft sein? Luther erkannte: Gottes Gerechtigkeit ist ganz anders als das, was wir sonst unter Gerechtigkeit verstehen. Ganz aus freien Stücken schenkt uns Gott in Christus seine volle Anerkennung und Liebe. „Sola gratia“ – allein aus Gnade. Das ist Gottes Gerechtigkeit.

Mit dieser Erkenntnis öffnete sich für Luther der Himmel. Er fühlte sich, als sei er „durch offene Pforten in das Paradies selbst eingetreten“. Diese Gewissheit ist auch für uns Christinnen und Christen der Schlüssel zum Paradies.

Doch gebrauchen wir diesen Schlüssel auch für unser Leben? Welche Rolle spielt in meinem Alltag dieser „Eintritt ins Paradies“? Welche Rolle spielt die Gewissheit, dass mein Wert und meine Würde eben nicht an dem hängen, was mir gelingt oder misslingt? Wenn ich darum weiß, kann ich meine Fehler zugeben. Dann kann ich schwierige Aufgaben angehen, ohne Angst vor dem Scheitern zu haben.

Wie anders sähe auch unser Umgang untereinander aus? Wenn wir leben, wo-rauf wir vertrauen: Wir alle – ohne Unterschied – leben aus der Würde, die Gott uns schenkt. Als Geschwister begegnen wir uns auf Augenhöhe. Eine vermeintlich Erfolgreiche ist nicht mehr wert als ein vermeintlicher Versager. In aller Freiheit sprechen wir über Gelungenes und Misslungenes. Ohne Neid oder Überheblichkeit freuen wir uns miteinander über Erfolge. Ohne Angst lernen wir aus Fehlern.

Warum bloß fällt uns das immer wieder so schwer? Ich denke, weil diese frohe Botschaft so quer zu unseren Erfahrungen in der Welt jenseits von Eden steht. Jenseits von Eden gilt: Das habe ich mir verdient. Der Schlüssel zum Himmel zeigt: Alles wirklich Wichtige im Leben ist nicht Verdienst, sondern Geschenk – unverdientes Geschenk. Im Ersten und Letzten zählt also nicht, was wir leisten und worin wir scheitern. Im Ersten und Letzten zählt, dass wir Gott recht sind, obwohl wir so sind, wie wir sind. Darin gründet die Freiheit, die uns in Christus geschenkt ist. Eine Freiheit, die das Leben fördert und stärkt.

Mir fällt da immer ein Erlebnis aus meiner Schulzeit ein. Es war in der sechsten Klasse im Gymnasium in Esslingen. Mathematik lag mir überhaupt nicht. Wir bekamen die Mathearbeit zurück. Ich hatte fleißig geübt und dennoch eine glatte Sechs geschrieben. Auf dem Weg von der Bushaltestelle zum Sulzgrieser Pfarrhaus – mein Vater war dort Pfarrer – überlegte ich, wie wohl meine Eltern reagieren würden. Meine Schritte wurden immer langsamer. Aber irgendwann erreicht auch der langsamste Schritt sein Ziel – leider. Ich weiß nicht mehr, ob ich gleich mit der Tür ins Haus fiel oder gefragt wurde. Ich weiß nur, dass mein Vater, nachdem er die Note gehört hatte, sagte: „Komm, jetzt gehen wir ein Eis essen.“

Gebet

Vater im Himmel, deine Gerechtigkeit ist nicht von dieser Welt. Deine Gerechtigkeit ist deine göttliche Liebe und Güte. Verwandle uns durch sie, damit wir als Menschen miteinander und füreinander leben. Amen.

Den geistlichen Impuls für jeden Tag finden Sie im AndachtsCast.

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